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Bass ist die Massage

Dubstep

Vom UK-Garage-Ableger und Grime-Seitenarm hat sich Dubstep zum “momentan vitalsten Sound des Planeten” (The Wire) emanzipiert. Mächtig wummernde Bässe und schleppende Beats aus dem Süden Londons, aus Bristol, Manchester und langsam auch aus Deutschland verheißen eine längst überfällige Rekonfigurati
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Vom UK-Garage-Ableger und Grime-Seitenarm hat sich Dubstep zum “momentan vitalsten Sound des Planeten” (The Wire) emanzipiert. Mächtig wummernde Bässe und schleppende Beats aus dem Süden Londons, aus Bristol, Manchester und langsam auch aus Deutschland verheißen eine längst überfällige Rekonfiguration elektronischer Tanzmusik.

Spätsommer/Herbst 2006. Im Abstand von nur wenigen Wochen haben Burial, Kode 9 & The Spaceape und Skream ihre ersten Alben veröffentlicht. Absolut zwingende Debüts mit einem entschleunigten Swing aus bleischweren Beats und tiefer gelegten Bass-Wölbungen, aus mystifizierten Soundscapes, verstrahlten Rave-Signalen und digital frisierter Roots-Archaik, die eine mehrjährige Geschichte von verstreuten 10- und 12-Inch-Veröffentlichungen fortschreiben, Clubkultur sowieso. Bis dato und bis auf Berlin weitgehend unbeachtet, werden in deutschen Plattenläden nun die ersten Dubstep-Fächer eingerichtet.

Skream: “Die Szene ist ständig gewachsen, und nachdem BBC1 im Januar 2006 eine Dubstep-Sendung gemacht hat, ging es in England los. Die Leuten haben kapiert, dass das nicht mehr der gleiche alte Wein in neuen Schläuchen ist.”

Wie immer im Bereich “Elektronik” hatte De:Bug den Sound zu diesem Zeitpunkt schon längst vorgestellt. Aber die noch dünne deutsche Dubstep-Szene informiert sich eh schon seit geraumer Zeit über Blogs und Foren wie dubstepforum.com, dubstep.de oder blackdownsoundboy.blogspot.com, sodass erste Dubstep-Partys außerhalb der Hauptstadt kaum über zu wenig Publikumsandrang klagen müssen – zum Beispiel im Düsseldorfer Salon des Amateurs . Hier hat Orson (De:Bug-Autor und Sohn der Künstlerin Katherina Sieverding) ein extra Soundsystem aufgebaut und bucht für seine “Version”-Partys allmonatlich englische Dubstep-Größen: Kode 9, Digital Mystikz, Skream, Sgt. Pokes und Loefah. Orson: “Die ersten Partys haben wir Anfang 2006 in Berlin gemacht, in Deutschland geht es gerade erst los. Szenemäßig ist das hier mit England noch nicht zu vergleichen. In London gibt es mit Garage, 2Step und Drum’n’Bass einen ganz anderen Background, das war schon immer einen Schritt voraus. Aber übers Internet und dadurch, dass man schnell in London ist, kann man einen Link machen zu den Leuten. Da ist nicht mehr so eine zeitliche Differenz. Sachen, die gerade erst produziert wurden und auf Piratensendern wie Rinse FM gespielt werden, kann man sich am nächsten Tag über Bearfiles runterladen. Wer will, kann sich also genauso up to date informieren wie vor Ort in London.”

London ist überall. Die Ubiquität von audiovisueller Information und Foren/Blog-Kommunikation führen dazu, dass es heutzutage immer schon eine Szene gibt, die genau Bescheid weiß. Abgesehen von Neugierigen werden Dubstep-Partys im Winter 06/07 vor allem von Insidern frequentiert, die DJ-Dramaturgien nachvollziehen und an den richtigen Stellen mit Hands in the Air und kollektiver Traubenbildung auf die Bass-Massagen reagieren. Individuelle Aneignung scheint im Zeitalter der Post-Schriftkultur passé – die Runnings und Codes sind geklärt und diktieren die Bewegung. Ritualisiert ist sie aber auch, weil es für die meist erst Anfang 20-jährigen Protagonisten in den letzten zehn Jahren eine prägende Club-Sozialisation gab. Und trotz zahlreicher Referenzen werden Reggae und Dub, wie britische ReIssue-Labels à la Pressure Sounds zeigen, hier gerade erst entdeckt – auch wenn man sich deren DJ-Techniken längst anverwandelt hat. Loefah: “Ursprünglich mag das zwar auf jamaikanische Sachen zurückgehen, aber für uns ist das anders. Es ist schon ein typisches London-Ding, da gibt es ja auch House-Nächte mit Rewinds und MCs. In den 70er- und 80er-Jahren besaß London eine große Dancehall-Kultur, aus der dann später diverse neue Stile hervorgegangen sind, die heute für Dubstep relevant sind. So habe ich beispielsweise Rewinds auf Jungle-Partys kennengelernt.”

Dubstep so far

Als kleiner Bruder von Grime und entfernter Ableger von UK-Garage, Jungle oder 2Step fristete Dubstep in England über einige Jahre ein subkulturelles Nischendasein. Londoner Anlaufstellen waren der mittlerweile geschlossene Big-Apple-Plattenladen in Croydon und Clubnächte wie “Forward” oder die “DMZ night” – Homebases für die Szene, wo neue Produktionen bis heute ihr Debüt in der Öffentlichkeit feiern. Verbreitung fand der mächtig maskuline Sound, der seinen Namen einem 2002 im amerikanischen XLR8R-Magazin veröffentlichten Artikel über Horsepower Productions verdankt, über Web-Blogs, Londoner Piratensender wie Rinse FM und eine relativ überschaubare Anzahl von Vinyl-Veröffentlichungen auf diversen kleinen Indie-Labels. Zu den heute wichtigsten zählen Tempa, Hyperdub, DMZ, Tectonic, Planet Mu oder Skull Disco. DJs wie Hatcha oder Youngsta und Produzenten/DJs wie Digital Mystikz, Skream, Burial, Kode 9, Loefah oder Shackleton prägen den aktuellen Dubstep-Stil mit atmosphärischen Soundscapes und minimalistischen Arrangements, metallisch harten Beats und mal tief vibrierenden, mal mörderisch bohrenden Bässen. Die dem klassischen Dub-Reggae entlehnten Hall- und Echo-Effekte sind ein Fetisch des neuen Genres.

Loefah: “Tiefe Bässe sind das einzige Merkmal von Dubstep.”

Sgt. Pokes: “Vor drei Jahren wurde Dubstep eher von Leuten mit einem Garage-Background produziert, heute kommen Leute von Jungle und Techno, Rock und Metal hinzu. So wird die stilistische Bandbreite größer und der Sound entwickelt sich weiter.”

Für Kontextualisierungen von Dubstep bleibt noch genügend Spielraum: Alle Varianten von Grime und Jungle über Dub/Reggae bis zu Breakcore oder Downbeat House sind denkbar oder werden bereits praktiziert. Die Bibel wird weiterhin bei den “Forward”- und “DMZ night”-Veranstaltungen in London gelesen, aber man darf gespannt sein, was Produzenten in Deutschland daraus machen. Es gibt sie schon: Mack Jiggah oder Freecamp aus Berlin, Waddada oder Orson, der zusammen mit J-Buzz (Ex-Gush-Collective) Tracks produziert. Ist es immer noch so, dass sich von Dubstep hauptsächlich ein männliches Publikum angezogen fühlt? Skream: “Das ist doch am Anfang bei jedem Underground-Ding so. Zuerst sind immer nur Journalisten und Trainspotter dabei. Aber inzwischen gibt es bei den Partys ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis, ein Publikum zwischen 17 und 50, Menschen aller Couleur. Es geht nicht um visuelle Aspekte und Ausgehkultur, sondern um Musik und Sound, die Atmosphäre im Club, Community-Feeling.”

CD-Auswahl:
Burial “Burial” (Hyperdub / Cargo)
Kode 9 “Memories Of The Future” (Hyperdub / Cargo)
Skream “Skream!” (Tempa / Import)
Diverse “The Roots Of Dubstep” (Tempa / Import)
Diverse “Tectonic Plates” (Tectonic / Baked Goods)
Diverse “Dubstep Allstars Vol. 1-4” (Tempa / Import)