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Sommerzeit ist Drogenzeit.

Dröhnung live: Musik und Drogen im Festivalalltag

Ob der Joint auf dem Reggae-Gig, die Ecstasy-Pille auf dem Rave oder das Gläschen Sekt in der Pause beim Symphoniekonzert: Wo Musik ist, sind Drogen meist nicht weit. Für viele scheinen sowohl Rauschmittel, als auch Musik ihre Wirkung auf Geist und Körper erst dann richtig zu entfalten, wenn beide m
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Ob der Joint auf dem Reggae-Gig, die Ecstasy-Pille auf dem Rave oder das Gläschen Sekt in der Pause beim Symphoniekonzert: Wo Musik ist, sind Drogen meist nicht weit. Für viele scheinen sowohl Rauschmittel, als auch Musik ihre Wirkung auf Geist und Körper erst dann richtig zu entfalten, wenn beide miteinander kombiniert werden. Und so werden auch in dieser Festivalsaison wieder Millionen Liter Bier unter die Leute gebracht werden, über Zeltplätzen wird wieder ahnungsvoll die gelegentliche Cannabisrauchschwade schweben, und die eine oder andere Pupille wird die Lightshow wieder ungewöhnlich geweitet verfolgen.

Die Verbindung von Musik und Drogen ist so alt wie die Menschheit und hatte zumindest in der Vergangenheit oft eine rituelle Bedeutung: Wenn sich zum Beispiel die alten Griechen auf ihren Dionysos-Festen bei Musik und Tanz bis zur Besinnungslosigkeit betranken, half ihnen über den Kater am nächsten Morgen die Gewissheit hinweg, einem wichtigen Gott gehuldigt zu haben. Und überall auf der Welt benutzen Schamanen und Medizinmänner seit Jahrtausenden neben rhythmischem Getrommel und Gesang auch psychoaktive Drogen, um mit Geistern und sonstigen kosmischen Kräften in Verbindung zu treten und so für eine ertragreiche Jagd oder für günstiges Wetter zu sorgen.

Auch in der Gegenkultur in den USA der 60er Jahre, auf die die großen Rockfestivals heute zurückgehen, spielte die Kombination von Rockmusik und psychedelischen Drogen eine entscheidende Rolle. Selbst dort gab es noch Spuren einer religiösen Dimension, allerdings überlagert vom politischen Protest: So wurden Drogen-Theoretiker wie Timothy Leary, die Psychedelika als Weg zur Bewusstseinserweiterung und damit auch zum gesellschaftlichen Umbruch propagierten, gern als “Drogen-Gurus” bezeichnet, der LSD-Trip galt als ein “Sakrament der Hippie-Bewegung”. Und als in Woodstock zigtausende akustisch wie pharmakologisch zugedröhnter Rock-Fans “No rain, no rain!” skandierten und durch Tänze den Dauerregen zu stoppen versuchten, hatte das durchaus etwas von magischem Denken.

Ein besonders markantes Beispiel für diese drogeninspirierte Vermischung von Magie und Politik in der Counter-Culture der Sechziger ist sicherlich die berühmte Aktion der Weathermen-Aktivisten auf einer großen Vietnam-Demo in Washington im Oktober 1967, als tausende von Demonstranten einen Kreis um das Pentagon bildeten, um es zum Schweben zu bringen und so seine bösen Geister auszutreiben. Bekanntlich schlug dieser Versuch fehl und so macht sich bei uns heutzutage wohl kaum jemand mehr Hoffnungen, mit Trommeln oder Kiffen das Wetter oder die Außenpolitik der USA beeinflussen zu können.

Das heißt aber natürlich nicht, dass die gottlose und apolitische Jugend von heute die Musik oder die Drogen an den Nagel gehängt hätte. Nur dass der Umgang mit beiden in der Spaßgesellschaft nichts mehr mit Religion und Weltpolitik zu tun hat, sondern vor allem dem Freizeitvergnügen dient. Und so treten die jungen Konsumenten heute nicht mehr mit Geistern, Göttern oder Generälen in Verbindung, sondern nur noch mit so irdischen Mächten wie DJs, Dealern und, wenn sie Pech haben, mit dem Arm des Gesetzes.

Denn in der Bundesrepublik stellt das 1971 in Kraft getretene und seitdem zweimal verschärfte Betäubungsmittelgesetz (BtmG) den Erwerb und Besitz praktisch aller gängigen Rauschmittel mit Ausnahme der Volksdrogen Alkohol und Tabak unter Strafe. Und so spielt das Thema Drogen durchaus eine Rolle, wenn die Polizei ihre Einsätze auf Open Airs plant und durchführt.

Das bestätigt auch Manfred Schiemann, der als Leiter der Polizeidirektion Koblenz für das Nature One zuständig ist, den großen Rave auf einer ehemaligen Raketenabschussbasis im Hunsrück. Bevor er nach Koblenz kam, begleitete er jahrelang das Rock-am-Ring-Festival in der Eifel, was ihm auch einen Einblick in die unterschiedlichen Konsummuster verschiedener Musikkulturen und in die Bedeutung meteorologischer Faktoren gibt: “Während bei Rock am Ring eher Cannabisprodukte eine Rolle spielen, ist es bei Nature One die Pille – in allen Varianten. Ganz zentral bei Rock am Ring ist aber auch Alkoholgenuss. Der war in den zurückliegenden Jahren teilweise extrem. Das ist im wesentlichen vom Wetter abhängig. Wenn es sehr heiß war, dann hatten wir da Alkoholprobleme ohne Ende. Wenn es aber schön kalt war, dann schmeckte auch das Bier nicht so.”

In seiner Darstellung der drogenbezogenen Einsatzziele gibt sich Schiemann dabei betont nüchtern: “Wir sind nicht so blauäugig zu glauben, dass wir bei Rock am Ring oder Nature One jeglichen Drogenkonsum unterbinden könnten. Gleichwohl können wir nicht sagen ‚Wir gucken da weg‘. Stattdessen gehen wir selektiv so vor, dass im Grunde jeder das Risiko eingeht, erwischt zu werden.”

“Prävention durch Repression” nennt sich diese Strategie, bei der bei Kontrollen am Eingang und auch auf dem Gelände Zivilfahnder einzelne verdächtig Wirkende herausgreifen und überprüfen. “Unsere Mitarbeiter haben ein Auge dafür”, berichtet der Polizeidirektor stolz vom Einsatz beim Open-Air-Rave. “Man kann fast sagen, neunzig Prozent der Überprüfungen sind positiv.” Wobei die Anzahl der so erbeuteten Pillen dann meistens gar nicht so gewaltig ausfällt: “Beim Nature One war das kein Mengenproblem in dem Sinne, dass da größere Rationen eingebracht wurden. In der Regel sind das Mengen in Verbrauchsgrößen.” Und wer nur mit Verbrauchsgrößen angetroffen wird, hat beruhigenderweise auch von der Justiz nicht allzu Schlimmes zu befürchten: “Wenn das ein erstmaliges Auffälligwerden ist, dass einer ein oder zwei Pillen in der Tasche hat, dann wird das in der Regel bei der Staatsanwaltschaft zu einer Einstellung des Verfahrens führen”, erklärt Schiemann.

Während die Polizei auch auf Open Airs ein Betäubungsmittelgesetz durchzusetzen hat, setzen Drogenberater wie Matthias Schubring auf Information statt Repression. Schubring arbeitet bei “Eve & Rave” in Münster, einem Verein, der sich mit dem beschäftigt, was unter Sozialarbeitern “akzeptanzorientierte Drogenarbeit” heißt: “Wir haben einen sekundärpräventiven Ansatz”, erläutert Schubring, “man akzeptiert den Konsum und probiert dann, der Zielgruppe die passenden Informationen an die Hand zu geben, um einen risikominimierenden Konsum zu betreiben.” Denn wenn die Leute schon Drogen nehmen, sollen sie wenigstens genau Bescheid wissen, worauf sie sich einlassen und wie sie unnötige Risiken vermeiden.

Zu diesem Zweck setzen “Eve & Rave” auf Aufklärung vor Ort: An Info-Ständen auf Parties vor allem im Raum Münster, aber auch bundesweit auf Großveranstaltungen wie der Mayday oder eben dem Nature One gibt es Flyer und Broschüren zu den gängigen Party-Drogen und geschulte Berater stehen Rede und Antwort zu den Fragen der User. “Meistens sind das dann Fragen zu bestimmten Substanzen, oft auch Rechtsschutzfragen, wenn es Probleme mit der Polizei gibt. Aber auch zu Konflikten mit dem sozialen Umfeld, mit den Eltern zuhause oder mit dem Job. Und weil wir einen so niedrigschwelligen Ansatz haben, kommen die Leute da auch sehr offen und locker rüber mit ihren sensiblen Themen, die sie sonst nicht loswerden.”
Mit ihren Ständen beschränken sich “Eve & Rave” auf die Technoszene, “weil da die meisten dieser Party-Drogen konsumiert werden”, wie Schubring sagt. Das Info-Angebot ihrer Website (www.eve-rave.de) und die Beratung am Telefon und per E-Mail, die von “Eve & Rave” ebenfalls angeboten wird, ist aber zweifellos für Anhänger aller Musikrichtungen interessant. Zumal heute in allen Szenen wie in der Musik auch bei den Drogen der Trend zum Mischkonsum geht: “Da wird dann Cannabis geraucht, Alkohol getrunken und auch noch Ecstasy genommen. Dadurch, dass die Techno-Szene so geboomt hat und mittlerweile auch in Diskotheken angesagt ist, kommt zum Beispiel auch da heute wieder die Alkoholkomponente dazu.” Eine Mischung, von der Schubring dringend abrät, denn was beim Durcheinanderwürfeln von Musikstilen zu interessanten neuen Crossover-Phänomenen führen mag, potenziert im Fall der Drogen nur die gesundheitlichen Gefahren: “Zu den Risiken, die die einzelnen Sachen schon bergen, macht dieser Cocktail die Sache völlig unkalkulierbar. Die körperlichen Auswirkungen sind noch extremer.”

Überhaupt empfiehlt er dem Drogenbenutzer, speziell auf Festivals und großen Raves darauf zu achten, dass er nicht zuviel nimmt, und im Idealfall immer jemand Nüchternes dabei zu haben, der Bescheid weiß und einem im Notfall beistehen kann: “Gerade auf Großveranstaltungen kann man schnell den Überblick verlieren.” Außerdem, fährt er fort, sei es natürlich immer wichtig, eine ausreichende nichtalkoholische Flüssigkeitsversorgung zu gewährleisten, gerade im Sommer und bei heißem Wetter.

Und was sagen zu all dem die Veranstalter, auf deren Parties und Festivals sich Konsumenten, Polizei und Sozialarbeiter begegnen? Für Nikolaus Schär von “I-Motion”, die die Nature-One- und Liberty-One-Raves veranstalten, ist das leidige Thema Drogen offenbar vor allem auch ein Image-Problem: “Ich wünschte, das ganze Thema gäbe es gar nicht. Für uns ist das immer auch wie ein Schönheitsfehler”, klagt der Schweizer. “Das hat schon etwas Hässliches, wenn man macht und tut und sich Mühe gibt und 'ne saubere Geschichte picobello durchführt, und es sind alle zufrieden am Ende – und dann wird es mit so einer Drogenschlagzeile wieder zerrissen.”

Was das Engagement der Polizei auf seinen Parties angeht, zeigt Schär vollstes Verständnis: “Die Polizei kann ja keine rechtsfreien Räume zulassen. Wir respektieren deren Auftrag, so wie wir für das, was wir machen, auch respektiert werden wollen.” Im übrigen setzt er auf möglichst enge Zusammenarbeit: “Wer solche Veranstaltungen professionell plant, für den sind Polizei und Behörden Kooperationspartner. Wir suchen immer den ganz engen Kontakt und klare, offene Verhältnisse, was Drogen anbelangt, mit der Polizei, auch um von vornherein klarzustellen, dass wir nicht versuchen, Veranstaltungen zu machen, um selbst Drogen zu verkaufen – was es ja zum Teil auch gibt.”

Überhaupt ist Schär voll des Lobes über die Zusammenarbeit mit den Freunden und Helfern. Besonders dankbar erinnert er sich zum Beispiel an das Jahr 2000 zurück, als katastrophale Regenfälle im Vorfeld die ganze Veranstaltung zu gefährden schien. “Für das Parken vorgesehene Wiesen standen unter Wasser, und wir haben der Polizei zu danken, dass blitzschnell eine große breite Straße abgesperrt wurde und die Polizei da die Fahrzeuge eingeparkt hat mit Mitteln, die uns gar nicht zur Verfügung stehen.”

Was dagegen den Umfang der polizeilichen Maßnahmen zur Drogenbekämpfung angeht, wiegelt Schär ab: “Man muss auch sagen, wenn über 40.000 Leute kommen, werden vielleicht 587 Leute kontrolliert. Das muss man auch mal ins Verhältnis setzen.” Außerdem sei die Polizei ja auch vor allem an Dealern Interessiert: “Gegen den einzelnen User ist das gar nicht gerichtet”, sagt Schär.

Die eigenen Leute sind jedenfalls entsprechend instruiert: “Unsere Security richtet sich auch ganz klar in Richtung Deal, um zu verhindern, dass Mengen aufs Gelände kommen. Wir haben auch Streifen auf dem Campingplatz. Wenn da einer versucht, einen Kiosk zu eröffnen, geben sie einen Hinweis an die Polizei. Das ist schon auch in unserem Interesse – zu viele Drogen machen eine Party kaputt.” Schließlich ist man froh, dass auch die Lokalpresse inzwischen nicht mehr nur “Sodom und Gomorrha!" schreit, wenn sie von den Open Airs berichtet. “Wenn plötzlich einer tot wäre oder so, dann würde das überall wieder oben hingeschrieben. Das ist für jeden Veranstalter die Horrorvision.”

Gewiss nicht nur für den Veranstalter. Aber solange die Drogen-User unter den Festivalbesuchern wenigstens die elementarsten Regeln des “safer use” beachten, die Leute wie die von Eve and Rave zu verbreiten versuchen, ist schon viel gewonnen. Dass man auch ohne Drogen Spaß haben kann, ist zudem seit langem bekannt. Neu ist hingegen, dass das insbesondere bei schlechtem Wetter gilt: Kaltes Bier schmeckt nicht. Und “Sunshine” nimmt bei Regen auch niemand ...