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In Berlin: Der Frust der Väter

Dover live

Als ob man eine Tasse Tee trinkt, die man für Kaffee gehalten hat: Deutliche Worte von Alexander Dahas, der sich das Berlin-Konzert der Spanier angeschaut hat.
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Als ob man eine Tasse Tee trinkt, die man für Kaffee gehalten hat: Deutliche Worte von Alexander Dahas, der sich das Berlin-Konzert der Spanier angeschaut hat.

31.01.09, Berlin, Lido.

Eigentlich ein Phänomen für sich, diese Band. Dover kommen aus Spanien, reimen sich deswegen auch auf "Lover" und gelten als unkaputtbar, was herkömmliche Musikverwertungsprozesse angeht. Der Grund dafür liegt wahrscheinlich auch bei ihren Fans, einem harten Haufen von der treuen Sorte, einzeln angeworben auf langen Konzerten, bei denen die Philosophie präzise war und der Schlagzeuger nackt.

Dover-Fans heißen "Rizzo" oder "Wanne" und hören ungern Worte wie "Rockröhre" oder "Rampensau", obwohl ihnen schon klar ist, dass damit wahrscheinlich Christina gemeint ist, die Sängerin des Quartetts, das an diesem Abend das Lido knackig voll macht. Sich im zwölften Karrierejahr oder so ohne aktuelles Album in Berlin rumzutreiben ist außerdem eh cool genug, und ab einem gewissen Alter geht man auch nicht mehr aufs Konzert, um sich irgendetwas ironisch brechen zu lassen, sondern um von hardrockigen Tönen das Fell gegerbt zu kriegen.

Allein, Dover verweigern diese Dienstleistung nicht nur, sondern zwingen den Anwesenden sogar eine Debatte auf, die normalerweise eher in den Fachblättern für Metalverarbeitung stattfindet. Stichwort "Richtungsänderung". Klar, jeder liebt die endlosen Gespräche darüber, wo "kommerziell" anfängt und "Experimente" aufhören, welche von Tiamats Platten für ihre Verhältnisse die trueste ist, und ob man sich als Fan nach 20 Jahren nicht einfach doch das Recht erworben hat, Bob Dylan zu sein, wenn man das denn will. Im Fall von Dover gab es definitiv diesen Moment, in dem man sich in die beiden Schwestern Llanos verliebt hat, die eine speckig und wild, die andere junkiedünn und cool, wie sie ungewaschene Melodien verschleuderten, als ob sie demnächst aus der Mode kämen.


Vielleicht ist auch genau das passiert, denn trotz stetem Live-Zuspruch sahen die Plattenverkäufe in letzter Zeit nicht mehr so rosig aus, und es wurde Zeit für die Art von Makeover, an das die große Indieschwester schon Liz Phair verloren hatte. Und deswegen sehen Dover jetzt auch aus wie Leute im Fernsehpublikum, die sich hübsch gemacht haben für die Kameras, die mal ¼ Sekunde lang über sie hinweggleitet. Oder wie es de Typ in den Bowlingschuhen an der Bar ausdrückt: "Ist das die Vorband?" Leider nicht. Klar ist es krank, von einer Band das physische Aussehen zu verlangen, das man sich selbst nicht mehr zutraut, aber Dover klingen leider auch wie jemand, der gerade dringend vom Superstar gesucht wird. Guck mal, alles neu. 60 Minuten "tanzbarer" Disco-Backbeat nivellieren jedenfalls den Unterschied zu weit entfernten Genregalaxien, die bislang als unerreichbar galten. Schlager zum Beispiel.

Die gutgelaunte Matthias-Reimisierung ihres Sounds sorgt jedenfalls für erhebliches Missvergnügen bei der Anhängerschaft, die gerade von Dover offensichtlich eher Revierständigeres erwartet hatten. Bis auf die philosophische Ebene kommt das ganze dabei aber nie. Dafür ist die körperliche Reaktion einfach schon zu deutlich. Als ob man eine Tasse Tee trinkt, die man für Kaffee gehalten hat.