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Don’t Stop, Make It Pop!

Uffie

Testballon in der Blogosphäre. Wie lange kann man im Hype-Durchlauferhitzer hoch und runter gondeln, ohne zu platzen?
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Testballon in der Blogosphäre. Wie lange kann man im Hype-Durchlauferhitzer hoch und runter gondeln, ohne zu platzen? Uffie: Vier Jahre von Single bis Album. Ke$ha: Mit elf Nummer-Einsen um die Welt. Arno Raffeiner: Solange es auf der Party noch was zu trinken gibt.


 
Es war ein totaler Hingucker. Anna-Catherine Hartley, via Miami Bass und Hong Kong Garden in Paris gelandetes Scheidungskind, bekam von Mr. Oizo, Feadz & Co. plakativ-schiefe Beats auf den Teenie-Leib geschneidert, nannte sich Uffie und erzählte von ihrer Gier nach Party, lautem Rumms und Sex. Das klang echt schick und haute durch den Hype um Ed Banger gleich doppelt so gut rein. Trotzdem fragten sich viele, was Uffie denn wirklich auf dem Kasten habe. Jetzt kommt die Antwort. „There’s two kinds of MCs out there: there’s the ones who rap, and the ones who don’t care. And frankly, I don’t give a fuck“, sprechsingt sie auf der ersten Single ihres Debütalbums. So viel Selbsterkenntnis will man gar nicht widersprechen. Trotzdem macht das Album mit Disco-Verhackstückung plus Rap, Singalongs zu Velvet-Underground-Samples und einem Cover von Siouxsie And The Banshees ziemlichen Spaß. Und ist kokett genug, auch sich selbst auf die Schippe zu nehmen.

Problem: Wer im Blog-House-Tempo getaktet ist, will das nach so langer Zeit doch nicht mehr hören oder gar noch cool finden müssen. Uffies erste Single „Pop The Glock“ kam 2006. „Mitte oder Ende 2007“, lautete die vage Ansage von Ed-Banger-Chef Busy P. auf die Frage, wann das Album erscheinen würde. Die Künstlerin selbst sieht das im Rückblick weniger eng und spricht von einer angepeilten Veröffentlichung irgendwann 2008/2009. Spät ist es jetzt allemal. Uffie hat sich inzwischen vom Produzenten-Boyfriend Feadz getrennt, einen anderen geheiratet, schnell wieder scheiden lassen, ist jetzt 22 und vor Kurzem Mutter geworden. Ihre Erscheinung hat aber nichts an mädchenhafter Naivität eingebüßt, und auch die Fähigkeit, nichtssagende, mit einem Kichern garnierte Einzeiler zu produzieren, hat sie sich bewahrt.

Wer etwas über Uffie wissen will, hört lieber gleich die Songs an, jeder einzelne mit mehr Klartext, als in 30 Minuten Interview zu haben ist. Denn auf „Sex Dreams & Denim Jeans“ geht es explizit zur Sache, um – Zitat – „Me me me me!“. Uffies Album ist ein von Freunden vertontes Gossip-Tagebuch. Die Einträge bei Perez Hilton halten sich zwar noch in Grenzen, aber das glamorous life kann man im Electro-Hipster-Ghetto genauso leben. Ein Schnappschuss mit Pharrell hier, ein überraschendes Tête-à-Tête mit Matt Safer (einst bei The Rapture) da; die Gruppenbilder mit Feadz, Oizo und SebastiAn kennt man ja schon, nur Mirwais schaut in dem Kreise noch etwas ungewohnt in die Kamera.

Uffie steht für das Modell gelangweilte Upper-Class-Slackerin, die zufällig auf der richtigen Fete getanzt hat, in den Studios einer angesagten Posse gelandet ist und sich damit abfinden musste, plötzlich Musikerin zu sein. Es hat ein wenig gedauert, aber sie hat es geschafft. Darüber, dass die Zeit für Autotune- und Partyexzesse schon wieder vorbei ist, muss sie sich keine Sorgen machen. Eher darüber, dass sie jetzt wie eine Kopie ihrer selbst wirken könnte. Ready to uff? Klar doch! Eine Menge Uff-alikes waren zum Electro-Rap-Rodeo bereit, und zwar schneller, als das Original das Wort „Debütalbum“ buchstabieren konnte. So trumpfte Amanda Blank mit einem famosen Sprech-Sing-Popalbum auf, und aktuell beweisen Image-Strategen, wie man mit dem Uffie-Rezept den globalen Mainstream erobert. Allen voran stürmt Ke$ha die Charts.

Sie ist ein paar Monate älter als Uffie, im alleinerziehenden Kreativprekariat in Tennessee aufgewachsen, führt das Dollarzeichen kokett im Namen und hat Typen wie Lukasz „Dr. Luke“ Gottwald (Hilton-Spears-Clarkson-Lavigne-Perry) in den Produzenten-Credits. Auf ihrer ersten Single „Tik Tok“ liefert Ke$ha erst ein bisschen Bürgerschreckprovo ab (Alkohol auf der Party! Hallo, Erziehungsberechtigte!), dann gibt es einen fetten Schlager-Disco-Refrain aufs Trommelfell: Nummer eins in elf Ländern. Damit steht Ke$ha für das Modell Designerpop mit schwer für den Erfolg schuftender Protagonistin.

Die ästhetischen Übereinstimmungen will Uffie nicht weiter kommentieren. Was ganz schlau ist. Wäre ja so, als würde Helene Hegemann sich bei der nächsten 17-jährigen Toilettenfickautorin übers Abschreiben beschweren. In ihre Dankesliste können beide auf jeden Fall eine Frau aufnehmen, die ihre Mutter sein könnte: Peaches ist erklärtermaßen erfreut darüber, dass ihr Electro-Rap-Rock-Bastard und ihre aggressive Attitüde jetzt in der Charts-Parade rotieren. Sex, Spaß, Spieß umdrehen! Sicher, die Körperpolitik einer Beth Ditto hat mehr Emanzipationspotenzial auf den Rippen als die Bourbon-Zahnputz-Übungen von Ke$ha. Aber es ist beruhigend, dass man sich auf die Provonummer mit ein paar Drinks, Boys und Dollars vom Luxus-Chick in Paris bis zum Garbage-Chic in L.A. einigen kann.