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...to go to Hell and back

Don\'t be afraid...

Mark Lanegan im Gebäude 9, Köln, den 23.08.2004 Welchen Mark Lanegan wollen Sie denn? Was ist Ihr Mark-Lanegan-Moment? Mögen sie ihren Rock klobig à la 'Methamphetamin Blues'? Bevorzugen sie die morbide Schönheit des Totmann-Covers, etwa 'Carry Home'? Halten Sie vielleicht die Lanegansche Ver
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Mark Lanegan im Gebäude 9, Köln, den 23.08.2004

Welchen Mark Lanegan wollen Sie denn? Was ist Ihr Mark-Lanegan-Moment? Mögen sie ihren Rock klobig à la 'Methamphetamin Blues'? Bevorzugen sie die morbide Schönheit des Totmann-Covers, etwa 'Carry Home'? Halten Sie vielleicht die Lanegansche Version von 'Where did you sleep last night' für definitiv? Oder ist es Ihnen einfach nur danach, erstmal für ein paar Minuten "Sixteen! Sixteen!" zu krächzen, wie im 'Hospital Roll Call'? Schon irre, vor fünf Jahren konnte man noch keinen müden Programmgestalter für Mark Lanegan gewinnen, und heute ist er plötzlich wieder Visions-kompatibel. Jetzt reicht es nicht mehr nur, ihn kennerhaft den dahingeschiedenen Queens of the Stone Age zuzuordnen, nein, jetzt will man gleich die Screaming Trees 1987 im Tor 3 gesehen haben! Wo doch jeder weiß, dass Ihr zu der Zeit höchstwahrscheinlich irgendwo in einem Klassenschrank bei Ulm eingesperrt wart! Glücklich der, der einen Mark-Lanegan-Moment all to his own hat. Womit wir bei mir wären.

Ich hielt dereinst, Fanboy der ich bin, meinem Idol eine Platte zum Signieren hin, und es war diesmal sogar eine Mark-Lanegan-LP, und nicht die übliche 'Number of the Beast'. Der Künstler investierte daraufhin schätzungsweise 2 Sekunden, um das Cover mit einem anonymen "M.L." (Myrna Loy? Martin Landau? Mona Lisa?) zu verunzieren. Dann bekam sein Konterfei einen Schnurrbart und zwei Hörner ab, die jeder Vierjährige wesentlich sauberer gezeichnet hätte. Und dann kam dieser demütigende Blick reinsten Spottes, als er mir die Plattenhülle zurückgab. Ganz klar, der Mann erfüllt ungern Jugendwünsche. Tja, und damit wisst ihr jetzt also auch alle, warum die aktuelle LP dieses schwarze Cover hat.

Das Gebäude 9 war an diesem Abend jedenfalls mal wieder gut besucht. Wie jetzt?, fragt ihr zurecht, das Gebäude 9, gut besucht? Das ist doch immer so schön gemütlich intim, so ich-will-nicht-sagen-leer, aber da sind wir doch immer so schön unter uns, da kommen diese Medientypen ja auch nicht hin, weil die kein fließendes Wasser überqueren können. Pustekuchen. Die Thermals spielten ja schon vor ausverkauftem Haus, aber bei Mark Lanegan sind die Zuschauer im Durchschnitt dicker, weshalb es jetzt enger ist. Die Bühne ist auch nicht direkt luftig, denn Lanegan hat seinen Gitarrengott Mike Johnson dieser Tage gegen einen vielköpfigen Tross eingetauscht, der auch noch üppigen Haarwuchs sportet. Das Personal bewegt sich dabei im Halbdunkel, diffuses Licht höchstens im Rücken der Mannschaft, und Marks Satyrkopf effektvoll im Schatten. Ganz klar, diese Jungs (und ein gruftihaftes Backing-Vocal-Mädchen, das mich wahrscheinlich hervorragend glücklich oder unglücklich machen könnte) sind auf einer Mission namens Lärm.

Man spürt, dass das nicht jedem so ins Konzept passt, denn zumindest dem Typ im 16-Horsepower-T-Shirt mit dem ungnädigen Blick ist anzusehen, dass er Mark Lanegans ölig-brachiale Queens-Inkarnation für etwas prollig hält. Bei 'Creeping Coastline of Lights' jedoch lächelt er, und das kann ich verstehen, denn hier ist mal wieder der Beweis, dass dieser Sänger einen apokalyptischen Todesritt in Windeseile zum Mondscheinspaziergang machen kann. Dankbarerweise völlig ohne Ironie, obwohl dieser Ansatz natürlich auch geht. Man denke nur an die Divine Comedy, deren Coverversion von 'No one knows' Nick Olivieris Penis ganz schön schrumpfen lassen würde. Dass Mark Lanegans Voodoo dann auch in der anderen Richtung funktioniert, ist leider auch wahr. Zum Abschluss gibt's dann nämlich ein finsteres Open-End-Gejamme, das einem schon vom Zusehen Achselnässe beschert. Dazu guckt der schreiende Baum bös' von der Bühne runter, um die Leute am Gehen zu hindern. Zu dem Zeitpunkt bin ich aber schon längst draußen und gucke mir mit einer Flasche Bier in der Hand das Gewitter an. Ein Typ neben mir behauptet, ein Live-Mitschnitt der Screaming-Trees-Abschiedstournee käme jetzt demnächst doch noch raus. Hoffentlich auch auf Platte. Da wirken Autogramme besser drauf.