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So wars: Zwischen den Stühlen

Dockville 2010

Das Hamburger Dockville Festival hat seine Nische zwar noch nicht ganz gefunden, für einen gelungenen Ablauf spielte das aber auch keine Rolle. Elisabeth Weidinger war für Intro vor Ort dabei.
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Das Hamburger Dockville Festival hat seine Nische zwar noch nicht ganz gefunden, für einen gelungenen Ablauf spielte das aber auch keine Rolle. Elisabeth Weidinger war für Intro vor Ort dabei.

Das vierte Dockville steckt noch in der Selbstfindungsphase: es ist unkommerzielles und reflektierendes Kunstevent, Kinderferienprogramm im Problemviertel und zwischen Indie und Mainstream hin und her schlingerndes Musikfestival in einem.

Das Flair auf dem brach liegenden Industriegelände in Hamburg-Wilhelmsburg, auf der "anderen" Seite der Elbe, lies sogar Jan Delay melancholisch werden. Es sei zwar nicht schön, aber trotzdem viel romantischer als auf seinen vorausgehenden Stationen – schließlich sei er jetzt zu Hause. Den Heimatvorteil spielte er gnadenlos aus und sorgte für einen unüberraschend guten Festivalabschluss am Sonntagabend, der mit einem wuchtigen Gewitter eindrucksvolle Begleitung bekam. Das wusch jeden Kater oder Anreiseärger weg und zurück bleibt der Eindruck eines sympathischen Festivals. Auch weil es mit seiner Mischung aus Hamburgs feinsten Musikern und DJs, vielversprechenden Newcomern und großen Highlights auf acht Floors eher zu viele als zu wenige Möglichkeiten bot. Mehr statt weniger scheint die Devise für unentschlossene Festivals auf der Suche nach dem Besonderen.


Der Samstag war geprägt von meist männlichen Gitarrenbands: Jamie T. brachte das Publikum mit seiner Band konstant zum Mitwippen, aber lieferte auch nur mit Gitarre, Karohemd und britischem Akzent genug Beat. Die gehypten Jungs von Delphic gingen zwischen den bunten Lichtkegeln unter – man hätte sich schon vor die Boxen stellen müssen, um hier Musik zu spüren. Bei den Klaxons, die den Abend auf der Hauptbühne beendeten, krachte es dann ordentlich. Bei ihrem Auftritt schlug sich wohl der Einfluss des Produzenten Ross Robinson (u.a. Korn, Limp Bizkit) der  bald erscheinenden zweiten Platte „Surfing the Void“ nieder. Während viele bei Frittenbude lieber „Kauf der Frau die du liebst ein Shirt von Audiolith“ mit grölten, war besonders die Zugabe hervorragend.



An den Nachmittagen verzückten die nicht so partytauglichen Bands. Fanfarlo ließen mit ihrem instrumentenreichen Folk, ihren Popmelodien jeden Kopf hin und her tanzen und sorgten für glückliche Gesichter. Die Geschwister Kitty, Daisy and Lewis nahmen das Publikum mit ihrem sauberen 50ties und 60ties Rock’n’Roll mit zurück in eine andere Zeit. Genauso wie der Auftritt von Hallogallo 2010 um Micheal Rohther, Mitbegründer der legendären Krautrockband NEU!, die nicht nur von everything everything im Festivalinterview als Inspiration bezeichnet wird.

Für Ausgleich zu den Gitarren sorgte das elektronische Programm und zeigte sogar dass man Techno live spielen kann, Blasmusiktechno zumindest. Die Vögel entwerfen mit Blockflöte, Tuba und Trompete ihre ganz eigene, warme und balkaninspirierte Interpretation von Techno. Auch das düstere Set von Ada im Butterland begeisterte. Die housige Halle ermöglichte außerdem große Zuschauereinbindung: hinter dem DJ-Pult konnten Freiwillige mit ausgeschnittenen Giraffen, Eulen oder Penissen zum VJ werden und im Schattenspiel ihren künstlerischen Beitrag leisten. Kunst spüren konnten man auch direkt vor dem Butterland: die bunt lackierte Holzskulptur „Landschaft“ von Olaf Nicolai lud auf unterschiedlich großen Podesten zum Erholen ein. Aber auch schlammbadende Besucher, die zombiehaft über das Gelände liefen und anschließend auf dem Viereck mit 37 seriell bestückten Duschen standen, waren Ergebnisse der Kunstinstallationen auf dem Gelände.

Die standen alle unter dem Motto Recreation, was dazu anregen sollte Geschehenes zu betrachten und neu zu verhandeln. Dabei soll die Musik nicht außen vor bleiben. HGich.T, mit ihrer Version von Kunstperformance, Goa-Psy-Trance-Interpretation und Rausch-Begeisterung trugen mit Textenzeilen wie: „Das System ist das Problem, ja“ ihren Teil bei. Und dass Gustav mit ihren einnehmend vorgetragenen, elektronischen Chansons auf die Dockville-Bühne auch einen neuen Anti-Gentrifizierungs-Song mitgebracht hatte, steht in Hamburg wohl für sich.