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Staub und Schatten

DJ Shadow im Gespräch

Josh Davis alias DJ Shadow begann vor genau 20 Jahren, HipHop seinen eigenen Stempel aufzudrücken. Mit seinem fünften Studioalbum »The Mountain Will Fall« will er nun weg vom Image des Sample Guys. Christian Schlodder traf DJ Shadow in London und sprach mit ihm über die Deutungshoheit am eigenen Werk, kreative Sackgassen und die Angst vor Vergänglichkeit.
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»Die Zeit fliegt über uns hinweg, aber ihren Schatten lässt sie hinter sich«, schrieb einst der Romantiker Nathaniel Hawthorne. Neben diesem Schatten gibt es auch den, der sich über die Zeit legt. Normalerweise bezeichnet man damit eher dunkle Zeiten. Im Falle von DJ Shadow aber verhält es sich anders: Vor exakt 20 Jahren schuf der mit »Endtroducing ...« einen zeitlosen HipHop-Meilenstein. Das Album schaffte es nicht nur in die All-Time-Top-100 des Time Magazines, sondern ist außerdem im »Guinness Buch der Rekorde« gelistet: als erste Scheibe, die nur auf Samples basiert. Ihr Erscheinen war so weitreichend und einflussreich, dass der britische Musikjournalist Andy Pemberton für DJ Shadows Stil im Mixmag-Magazin ein eigenes Genre erdachte: TripHop. Nun, 20 Jahre nach »Endtroducing ...« und fünf Jahre nach seinem letzten Album »The Less You Know, The Better«, meldet sich DJ Shadow mit seiner fünften Studio-Platte zurück: »The Mountain Will Fall«.

Man könnte den Titel als einen reflektierenden Abgesang auf ihn selbst missverstehen. Eine Referenz auf eine Zeit vor etwa 20 Jahren, in der man seinen Künstlernamen aus DJ und einem beliebigen Wort zusammensetzen musste, um ein Ideal zu erfüllen, das mittlerweile als retro gilt – und um den Leuten überhaupt begreiflich zu machen, welche Art von Musik man so ungefähr macht. Vielleicht ist der Titel sogar eine Neuerfindung, die auch nach hinten losgehen kann. Shadow schiebt das obligatorische Basecap kurz zurecht, als er darüber nachdenkt.

»Ich habe viel von anderen Künstlern gelernt: von ihren Höhen, ihren Tiefen«, sagt er. »Alle großen Künstler haben Alben gemacht, die bei ihren eigenen Fans polarisierten.« Der Titel »The Mountain Will Fall« sei aber eher eine Anspielung auf die gern genutzte Metapher, dass der Entstehungsprozess eines Kunstwerks dem Besteigen eines Berges gleiche. Er stellt also die Frage: Ist es Gesetz, dass der Bergsteiger in dieser Schicksalsgemeinschaft die einzige Partei ist, die fallen kann?


Wenn man sich mit DJ Shadow auf diesen Weg begibt, wird man erkennen, dass er bei Beginn der Reise vom Basislager »Endtroducing ...« ein anderer war, als er es heute auf dem aktuellen Gipfel namens »The Mountain Will Fall« ist. Denn er trennt sich mit den neuen Songs höchst elegant von seinem Stigma des »Sample Guy«, das immer noch über allem steht. »Einige Leute sehen mich so«, sagt der 44-Jährige. »Andere sehen mich als den Vinyl Guy, wieder andere als den Typen, der in staubigen Plattenläden lebt. Manche sagen, ich sei der Funk Guy. In Wahrheit bin ich all das, aber auch vieles mehr.« 

»The Mountain Will Fall« ist vielseitig, spielt mit Erwartungen, die das Album auf der einen Seite enttäuscht, um gleichzeitig Überraschung zu werden. Über 100 Samples finden sich immer noch darauf. Doch zwischen all den Instrumentationen, den Software- und Vintage-Synths und den Drum-Maschine-Sounds springt einem die Komplexität des Sound-Designs förmlich entgegen. Mit »Endtroducing ...«, das ein Stück Musikgeschichte ist, hat »The Mountain Will Fall« nicht mehr viel zu tun. »Auf eine pragmatische Art und Weise musste ich einen Weg finden, andere Musik zu machen. Es ist ja nicht so, dass man einen Schalter umlegt und am Ende sagt: ›Das mache ich jetzt nicht mehr‹«, konstatiert DJ Shadow. Das Album ist insgesamt vor allem auch ein Weg des Zweifelns: »Aber man darf diese Zweifel nicht in seine Musik einfließen lassen. Das wäre der Moment, in dem alles korrumpiert würde, eine kreative Sackgasse.« 

DJ Shadow hat sich seit seinem Durchbruch vergleichsweise rar gemacht. Die Folge war, dass die Deutungshoheit über sein eigenes Schaffen so in fremden Händen lag, weil er selbst sich kaum dazu äußerte. »Ich glaube, dass das ein natürlicher Prozess ist, wenn man die Deutung seiner Kunst niemandem diktieren will«, wiegelt er ab. »Die extremsten Meinungen sind dabei immer die lautesten und sichtbarsten. Am Ende denken die Leute dann, sie wären wahr.« 


Nun überrascht Shadow mit seiner Vielseitigkeit und der Professionalität, sich neu erfinden zu können. Damit hat der Albumtitel vielleicht sogar recht, denn es ist der imaginäre Berg, den man immer wieder erklimmen muss, um kreativ überraschen zu können. Überraschend ist vor allem der Track »Bergschrund«, den er mit Nils Frahm aufgenommen hat. Doch wer hier lange melancholisch-eingängige Piano-Fragmente vermutet, wird sich wundern. Er habe einen deutschen Titel mit Bergbezug gesucht, sagt Shadow. Nicht-Geologen wird ein Bergschrund im ersten Moment nicht sonderlich viel sagen. Es ist eine Eisspalte, die im Gegensatz zur Gletscherspalte am Rand eines Gletschers auftritt. Schöner kann man den Zwiespalt vor der Angst des Zerbrechens wahrscheinlich nicht betiteln. Die Zeit. Die Schatten. Die Deutungshoheit. Oder all das, was man »Vergänglichkeit in Etappen« nennen kann. Dieses Thema hat ihn nicht mehr losgelassen.

DJ Shadow, der weit über 60.000 Vinylplatten in seinem Keller hortet, denkt oft darüber nach. »Manchmal schaue ich auf mein Haus, all meine Arbeit, meine Platten und denke: ›Alles, was wir um uns sehen, wird irgendwann zu Staub.‹ Da brauche ich oft andere Gedanken, die mich schlafen lassen.« In »Ashes To Oceans« hat er die Vergänglichkeit schlussendlich in einer Art finalem Schlussakkord allen Seins verarbeitet. Der vertonte Moment, in dem selbst die höchsten Berge keine Schatten mehr werfen, weil sie zu Staub zerfallen sind und in die Ozeane gewaschen wurden. Seine Plattensammlung dürfte da schon längst das Zeitliche gesegnet haben. Der Name DJ Shadow wäre dann nur noch ein leises Rauschen. Wenn überhaupt.

Bis dahin allerdings vergeht hoffentlich noch eine Menge Zeit.

DJ Shadow

The Mountain Will Fall

Release: 24.06.2016

℗ 2016 Reconstruction Productions, Inc. under exclusive license to Mass Appeal Records, LLC.


— DJ Shadow »The Mountain Will Fall« (Mass Appeal / Groove Attack / VÖ 24.06.16)