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Interview zu »Knock Knock«

DJ Koze – »Pop ohne Refrain ist das!«

Schräges, Poppiges und illustre Gäste: DJ Koze gönnt sich auf seiner neuen Platte »Knock Knock« die Freiheit, zu mixen, wie er will und mit wem er will – völlig ungeachtet von Trends und dennoch unfassbar den Nerv treffend. Wie kann das sein? Carina Hartmann traf sich mit dem Hamburger Pampa-Chef zum Gespräch über eine echte Rarität: zeitlose Musik.

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Wer da? Ewig her, dass Stefan Kozalla alias DJ Koze ein Album veröffentlicht hat! Auf »Knock Knock«Nachfolger des großartigen Dancefloor-Albums »Amygdala« – mussten Elektronik-Liebhaber mal wieder ganze fünf Jahre warten. Zeit, die sich Koze genommen hat. Herausgekommen ist nun ein wahres Klangmonument aus 17 (!) Songs, in denen der Produzent aus dem Norden Deutschlands alle erdenklichen musikalischen Verzweigungen seiner bisherigen Karriere streift, ohne sich jemals an einer von ihnen festzuklammern.

Klar, man hört Disco, Soul, Techno und die abstrakten HipHop-Beats heraus, die er wie gewohnt psychedelisch miteinander verrührt. Doch als sei das nicht genug, wirft er jetzt auch noch Indie-Rock und Deep House mit rein. Sogar ein Hauch von Easy Listening lässt sich herausfiltern. Obendrauf hat sich eine beachtliche Schar von Gästen eingefunden, die mit ihren Vocals die Songs verzieren. So singt die irische Ausnahmekünstlerin Roísín Murphy auf »Illumniation« hypnotische Textzeilen über ein psychedelisches Instrumental – irgendwo zwischen Club-Sound und Siebziger-Jahre-Folkrock. Sophia Kennedy, die letztes Jahr ebenfalls eine LP auf Kozes Label Pampa Records veröffentlicht hat, klingt auf »Drone Me Up, Flashy« hingegen wie die abgespacte Version einer Zwanziger-Jahre-Sängerin. Außerdem vertreten: Mano Le Tough, José González, Lambchop-Frontmann Kurt Wagner und ein Bon-Iver-Sample von »Calgery«, das sich auf »Bonfire« mit synthetischen Strukturen verknotet. Eine ungewöhnliche Feature-Liste also – und ein ungewöhnlicher Spagat zwischen Neu und Alt, Pop und Underground, mit dem sich in Koze-Manier verschiedene Sphären miteinander verbinden. Der Weltschaffer hat mal wieder zugeschlagen!

»Ich habe das Gefühl, dass ich mir fast manisch meine eigene Welt ausmale«, grübelt Koze abgehetzt von den zahlreichen Fotoshootings und Interviews der letzten Tage. Schnell stopft er sich einen Keks in den Mund, bevor er schmatzend weiterredet. Das Schlimmste daran ist: Man kann ihm sein Essverhalten nicht mal übel nehmen. »Und dann ist da dieser Hang, mir auch noch Leute in die Welt zu holen, die gar nicht hineinpassen«, führt er weiter aus. Lambchop und Roísín Murphy auf einem Album – das ist zweifelsohne kurios. Und dennoch: Am Ende klingt das alles unglaublich smooth und logisch. »Weil es einen gibt, der sie durchführt.« Koze schmatzt nun noch zufriedener. »Wo wir schon bei Welten-Erschaffen sind: Mir ist aufgefallen, dass ich gerne HipHop-Beats hören will. Aber ohne Rap. Lieber mit Gesang aus einer anderen Welt. Aber das gibt es ja gar nicht. Also baue ich mir das alles selbst zusammen. Ich würde diese Musik gerne woanders hören, dann müsste ich sie nicht selbst machen. Aber auch gut, so ist eben meine Lebensplatte entstanden! Alle Einflüsse aus meiner Jugend und die Anfänge meiner Musik bis heute stecken da drin. Das ist wie eine kleine Reise!«

Man muss dazu sagen: Koze verarbeitet all das nicht nur, weil er ein verdammter Liebhaber von Klang-Reminiszenzen ist. Das wilde Wandern durch die Jahrzehnte bringt auch einen entscheidenden Vorteil mit sich: Geschaffen wird ein Raum, in dem quasi alles erlaubt ist und losgelöst vom aktuellen Kontext der Musiklandschaft erscheint. Gerade weil er sich nicht auf ein bestimmtes Genre und erst recht keinen Trend festnageln lässt. »Ja, ich wollte so etwas wie zeitlose Musik erschaffen! Zeitlos ist für mich vor allem, was heruntergestrippt ist. Weil nichts daran nervig ist. Wenn man Layer aufträgt, fette Schichten und große Gefühle, dann kann man über die Zeit nur scheitern. Aber wenn du es herunterkochst auf wenige Zutaten, die in sich knackig und organisch sind, dann habe ich automatisch das Gefühl: Das ist zeitlos.«

Entstanden ist »Knock Knock« ohne den Druck, überhaupt ein Album vorlegen zu müssen. Wie schon bei »Amygdala« wurde ein Großteil der Platte in einem Fischerdorf im nordspanischen Galizien, in dem der Tag nur von Hell und Dunkel bestimmt wird, sowie in Hamburg nach und nach justiert. »Das war ein Flicken-Teppich, den ich hin und her getragen habe. Ich denke in Spanien immer: Irgendwie hätte ich es gern, dass die nette Schlachterin oder der nette Tischler etwas damit anfangen kann. Also versuche ich, in meiner komischen Welt folkloristisch zu sein – und so poppig wie möglich. Wenn ich in Hamburg bin, passiert das Gegenteil. Am Ende gucke ich, ob beides an jeweils beiden Orten funktioniert.« Abwechselnd wurden so Gesangsspuren zurechtgeschnitten, mit Klangschichten unterlegt und collagierte Soundschnipsel hinzugefügt. »Danach habe ich die Songs in allen Zuständen getestet: morgens, abends, besoffen, nüchtern, depressiv, euphorisch. Die Hälfte hat das nicht überstanden und musste rausfliegen.«

Dennoch haben es stolze 79 Minuten auf die Platte geschafft. In Zeiten von Skip-freudigen Spotify-Hörern, für die die Zeit nicht schnell genug vergehen kann, durchaus mutig. Doch auch über die »ADHS-kranke Gesellschaft« hat sich ein Koze natürlich ausreichend Gedanken gemacht. Das Ergebnis: »Dafür bin ich nicht verantwortlich! Ich setze mich über so ein Hörverhalten hinweg und mache meinen Kram.« Trotzdem, und das ist tatsächlich überraschend, pendelt sich fast jeder Song auf kurzlebige vier Minuten ein. »Und das aus guten Gründen: Früher habe ich mich oft in Acht-Minuten-Stücken mit bekifften Sounds versteckt und dachte, ich komme so damit durch. Wenn ich mir das heute anhöre, denke ich: Das hat keine Essenz und eiert unnötig rum. Ich habe das Gefühl, das hier ist alles sehr viel kondensierter.« Neu ist auch, dass es dabei bewusst in Richtung Song gehen sollte: »Ich mache meine krude Musik gerne, und trotzdem will ich Hooks anbieten, damit Leute sich einhaken können. Pop ohne Refrain ist das. Ich mache alles – bis der Refrain kommt. Und dann lasse ich ihn ohne Vocals stehen. Ich liebe das! Das muss man können«, befindet Koze gar nicht bescheiden. Aber nun ja, er sei eben auch ein »komischer Hybrid«.

Bei diesem Stichwort kommt Kozalla zum Ende des Interviews dann auch nicht umhin, noch eine komische Geschichte zu erzählen. Die geht folgendermaßen: »Im Hauptbahnhof steht immer ein Jesus-Freak, der die ganze Zeit schreit. Ein Wahnsinniger, denke ich immer. Aber die Wahrheit ist: Wenn ich ihm länger zuhören würde, würde ich begreifen, dass das in seinem System alles total Sinn macht. Der muss sich nur nicht beweisen, und dem ist es auch egal, ob ihn andere für verrückt erklären. Für mich ist das eine Form von Freiheit.« Fragt sich nur noch: Darf man jetzt Parallelen ziehen? Ist DJ Koze der schreiende Jesus-Freak der elektronischen Musik? »Weiß ich nicht, aber ich freue mich auch über mein geschlossenes System, in dem man sich zurechtfinden muss. Es macht nicht alles sofort Sinn auf der Platte, aber nach einer gewissen Zeit schon.« Zeit, die sich jeder nehmen sollte. Dann entpuppt sich das verschrobene Gemisch aus Club-Sozialisation und Pop-Affinität schnell als wahrlich hinreißend. Ob »Knock Knock« damit tatsächlich die Jahrzehnte überlebt, wird die Zukunft zeigen. Im Hier und Jetzt kann es allerdings nicht viel Aufregenderes geben.

DJ Koze

Knock Knock

Release: 04.05.2018

℗ 2018 PAMPA RECORDS

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