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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Die Steuerung der Angst

DJ Koze & Pampa Records

Vor vier Jahren rief Stefan Kozalla a.k.a. DJ Koze mit seinem Freund Marcus Fink das Label Pampa ins Leben. Seither erscheinen darauf nicht nur eigene Platten, sondern auch die von Freunden wie Ada, Axel Boman, Robag Wruhme, Isolée und Die Vögel. Nun legt der Hamburger mit »Amygdala« sein erstes eigenes Album seit acht Jahren vor. Grund genug für eine Party mit fast allen Labelkünstlern. Sebastian Ingenhoff traf die Pampa-Clique in ihrer Heimatstadt.
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Er hat nicht viel Zeit, deshalb rennt er hinters DJ-Pult, wuchtet die Plattentasche auf den Tisch, zieht die erste Scheibe raus und setzt die Nadel in die Rille. All das in weniger als fünf Sekunden. Dabei ist der Mann doch eben erst reingekommen, sollte sich vielleicht mal setzen und ein Glas Schnaps trinken, bevor es losgeht. Von wegen. Keine Minute darf verloren gehen. Das Publikum im Hamburger Club Golem beobachtet den Auftritt amüsiert. Der, um den es geht, trägt einen dunklen Anzug, eine Sonnenbrille und hat ein silberweißes Toupet grotesk schief auf dem Kopf sitzen. In der folgenden Stunde wird er seine liebsten Country- und Folkplatten auflegen. So sieht es also aus, wenn das Hamburger Technolabel Pampa, das zu den derzeit besten seiner Art gehört, eine Party feiert. Beim exzentrischen Warm-up-DJ handelt es sich übrigens nicht um den Pampa-Labelbetreiber und Star des Abends DJ Koze, sondern um Jakobus Siebels, eine Hälfte des blechblasenden Duos Die Vögel, das 2010 unfreiwilligerweise am offiziellen EM-Song beteiligt war. Die Vögel’schen Fanfaren aus »Blaue Moschee« bildeten die Hookline des Dancefloor-Hits »Endless Summer« von Oceana. Angeblich sollen sie dafür mehrere zehntausend Scheine an GEMA-Geld kassiert haben, das sind in heutigen Musikindustrie-Euros gerechnet Millionen.

Das Genre Clubmusik sei für ihn weitestgehend Neuland gewesen, sagt Jakobus im Interview. Er ist Gründungsmitglied der mit Cello, Klavier und Banjo operierenden Popband Ja König Ja. Deren auf Detlef Diederichsens Label Moll erschienenes Debütalbum war Mitte der Neunziger stilprägend für das, was man »Hamburger Schule« nannte. In gefühlt allen anderen Hamburger-Schule-Bands war derweil Mense Reents unterwegs (unter anderem Die Goldenen Zitronen, Huah!, Stella), der das Duo Die Vögel komplettiert. Mit Jakobus’ Bruder Jimi Siebels hat Mense seinerzeit schon unter dem Namen Egoexpress elektronische Tanzmusik produziert.

»Blaue Moschee« war die allererste Pampa-Veröffentlichung überhaupt. Die Vögel sorgen seitdem vor allem mit ihren Liveauftritten in der Clubwelt für Begeisterung: »Es gab Leute, die hatten vorher noch nie eine Tuba gesehen. Die kamen hinterher an und meinten: ›Was ist das denn für ein MP3-Player? Der ist ja riesig. Aber ihr habt super damit aufgelegt‹«, frotzelt Jakobus. Derzeit werkeln die beiden an ihrem Debütalbum, das von derlei Trompetereien allerdings verschont bleiben wird. Mit dem Gedanken kann sich Labelchef Stefan Kozalla a.k.a. DJ Koze gut anfreunden: »Die meisten Trompetentracks sind ja total öde. Die Vögel haben es halt anders gemacht, das war ein für Clubverhältnisse ganz seltsamer Rhythmus«, erklärt er mir. »Sobald du so etwas wagst, kann es entweder nach hinten losgehen oder aber im richtigen Moment die Bombe sein. Die Ausnahmetracks der Nacht sind immer diejenigen, die aus der Reihe fallen. Aber jetzt ist erst mal gut mit Trompetentechno. Man sollte sich nicht wiederholen.«

Angst macht keinen Lärm

Was Ausnahmetracks angeht, kennt sich DJ Koze aus. Er mischt seit zwei Jahrzehnten die Tanzböden auf. Ein paar Stunden früher, am Nachmittag vor der Party, hatte das Pampa-Oberhaupt ins Büro des befreundeten Hamburger Buback-Labels geladen. Nach und nach trudelt der Rest der Familie ein: Ada, Die Vögel, Robag Wruhme, Isolée und der schwedische Beau Axel Boman. Den Anfang macht Mense Reents. Zur Begrüßung gibt es eine innige Umarmung für alle. Als Reents den Raum verlässt, räuspert sich Koze und tuschelt, für den Vögel-Musiker noch deutlich hörbar, im gespielt vorwurfsvollen Tonfall: »Ähm, bei den Vögeln war halt immer das Problem, dass die so unselbstständig sind, mit denen kannst du einfach schwer arbeiten ...« Reents kommt schelmisch grinsend zurück. Der Vögel-Musiker nimmt sich ein Glas, zieht es dem Labelchef spielerisch über den Kopf und verabschiedet sich wieder in Richtung Buback-Crew. Koze lacht. Die beiden kennen sich seit Jahrzehnten. Sowohl er als auch Reents haben früher auf dem Label veröffentlicht.

Die legendäre DJ-Koze- a.k.a. Adolf-Noise-EP »Deine Reime sind Schweine« erschien im selben Jahr wie das wegweisende Die-Goldenen-Zitronen-Album »Schafott zum Fahrstuhl«. Das war 2001. Nach dem Trubel mit der HipHop-Boygroup Fischmob, die in den Neunzigern kurzzeitig die Charts aufgemischt hatte, begann sich Koze wieder vermehrt der elektronischen Tanzmusik zu widmen. Ein Hauptinspirationsquell jener Zeit sei das Album »Bodily Functions« von Matthew Herbert gewesen: »Das war ein perfekter Hybrid aus Listening-Musik und Clubfunktionalität, das Album hat mich extrem sozialisiert. ›Bodily Functions‹ ist so eine Platte, die meinem idealisierten Dancefloor entspricht. Da braucht keiner ein Ravesignal oder irgendwas Plumpes, das waren fein arrangierte Dancetracks, die im Club, aber auch perfekt zu Hause funktioniert haben.« Mit dem Briten hat er auch schon zusammengearbeitet. Kozes Bearbeitung des Herbert-Tracks »It’s Only« war einer der größten Pampa-Hits des letzten Jahres. Weitere dürften folgen; neben Ausnahmestücken von Isolée, Ada und Die Vögel, die derzeit auf Halde liegen, erscheint in diesen Tagen auch ein neuer Longplayer vom Chef persönlich.

Das erste Koze-Album seit acht Jahren trägt den Titel »Amygdala«, benannt nach dem Teil des limbischen Systems, das für die Steuerung der Angst zuständig ist. »Das funktioniert wie so ein amerikanisches Überwachungssystem. Wenn jetzt zum Beispiel eine Schlange oder ein Affe hier in den Raum klettert, dann hat die Amygdala das gescannt, bevor du das selbst registrierst. Wir würden auch merken, wenn jemand mit dem Messer hinter uns steht. Ich fand das faszinierend, einfach, weil Angst in meinem Leben eine große Rolle spielt. Wir haben ja auch alle Angst vor Techno«, sagt Koze.

Angst kann bekanntlich lähmen, und so vergehen schon mal Dreivierteldekaden, ehe sich der gemeine Pampa-Künstler aufrafft, ein neues Album fertigzustellen. Das ist bei Isolée, Robag Wruhme und Ada nicht anders, wenn man die Diskografien vergleicht. Dafür seien es eben Langzeitalben, die auch nach zehn Jahren nichts an Aktualität eingebüßt hätten, im Gegensatz zu den meist saisonal produzierten Clubtools da draußen, verteidigt der Chef den Müßiggang seiner Künstler. »Die Luft wird eben immer dünner in Sachen Techno. Dass einen Tracks noch in so Schwingungen versetzen wie das neue Stück von Rajko [gemeint ist ›Allowance‹ von Isolée], kommt immer seltener vor. Dafür hat man einfach zu viel Musik gehört in den ganzen Jahren. Unter der Woche will ich aber Verbindlichkeit. Keine öden, auf Effekt geschraubten Beats, sondern Stücke, die auch als Listening-Tracks funktionieren«, meint Koze.

Auch Geselligkeit scheint ihm wichtig zu sein: Der vormalige Säger von St. Georg, so einer seiner Track-Titel, hat sich für das neue Album zahlreiche Freunde ins Boot geholt. Die Liste reicht von Caribou, Apparat, Ada über Matthew Dear bis hin zu Dirk von Lowtzow. Eine emotionale Neubearbeitung des Hildegard-Knef-Klassikers »Ich schreib dir ein Buch«, die in einer langen Rotweinnacht in Spanien entstanden sei, gibt es als Zugabe. Aus seinem Stolz, die »zwei wahrhaftigsten deutschsprachigen Sänger«, wie er sagt, auf einem Album versammelt zu haben, macht der gebürtige Flensburger keinen Hehl: »Ich habe wahnsinnige Probleme mit deutschen Texten. Deshalb bin ich auch so stolz, Hildegard und Dirk auf dem Album zu haben. Bei Hildegard bekomme ich Gänsehaut, wenn ich die Stimme höre. Das ist abartig. Und Dirk hat diese irren, delirierenden Texte, die ganz viele Assoziationen wecken. Manchmal denkt man, der wird immer verrückter. Aber er ist einer der wenigen, die es in zwanzig Jahren geschafft haben, niemals cheesy oder anbiedernd rüberzukommen. Nimm diese Textzeile ›Ich bin krank / Ich bin ein weißer heterosexueller Mann / Du kannst mich abschieben‹ vom neuen Album. Die ist so unglaublich. So etwas wollte ich haben.« In der Gemeinschaftsarbeit »Das Wort« wird das männliche Ich nicht minder romantisch enteiert: Der Tocotronic-Sänger wispert »Ich will die Welt durch deine Augen sehen / Emanzipiert und korrigiert« und schafft es, »Konflikts« auf »verflixt« zu reimen, während sich dezente Sonnenuntergangsstreicher in den gemütlich pluckernden Beat schieben. Das Stück ist eine Hymne, aber eine leise, bedächtige Hymne. Kein Track, den man zur Peaktime im Club spielen könnte.

Das Wort heißt Love

Überhaupt finden sich trotz des Staraufgebots wenig reißerische Hits auf »Amygdala«, was gut mit Kozes Auflege-Philosophie einhergeht: »Ein guter DJ definiert sich vor allem dadurch, was er nicht spielt. Diese öden Sure-Shot-Hits oder diese ganzen magischen Wir-sind-ein-Volk-Hymnen, wo alle auf Signal schreien und die Arme in die Luft werfen müssen: Furchtbar. Wer all das nicht auflegt, der ist für mich schon ein guter DJ«, sagt er bestimmt.

Eine Philosophie, die auch bei den Veröffentlichungen fortgeführt wird: Die Musiker bekommen größtmögliche Freiheit, sollen nur keine Instant-Clubhits abliefern. »Das sind ja alles Künstler, die sich durch ihre Eigenständigkeit auszeichnen, wie so kleine Planeten. Es sind immer die Ersten, die das jeweils machen. Da ist keiner bei, der versucht, auf irgendwelche Züge aufzuspringen.« Man schätze sich nicht nur musikalisch, sondern sei auch eng befreundet. Anders könne er sich das Arbeiten als Labelchef nicht vorstellen.

Ähnlich lobestrunken geben sich die Künstler: »Man bekommt schon die Möglichkeit, sehr nah an sich selbst zu produzieren. Man muss nichts abliefern, das nur funktional ist oder nur zu einer bestimmten Uhrzeit im Club funktionieren würde«, meint Gabor Schablitzki alias Robag Wruhme, der 2011 mit »Thora Vukk« eins der bisher besten Künstleralben des Labels abgeliefert hat. Ada ergänzt: »Stefan setzt gewisse Impulse, aber er übertreibt es nicht. Er hilft einem, auf Ideen zu kommen, die man sonst vielleicht nicht gehabt hätte.«

Bei aller Verachtung von Effekthascherei hat Pampa natürlich dennoch diverse Peaktime-Raketen im Angebot, zu denen auch schon der eine oder andere Arm in die Luft geflogen ist. Man denke an Axel Bomans Kracher »Purple Drank«, das letztjährige Latin-House-Epos »Mir A Nero« von Michel Cleis oder die beiden Maxis von Die Vögel. Auch Isolées jüngster Geniestreich »Allowance« erweist sich später auf der Party als wahrer Tanzbodenmagnet und wird von mehreren DJs der Nacht gespielt. Das Stück dürfte dem Großteil des Publikums zu diesem Zeitpunkt noch unbekannt sein, doch es köchelt. Als der Host des Abends übernimmt, gibt es kein Halten mehr. Es ist rappelvoll, kein Arsch steht still, alles ist in Bewegung. Koze zeigt, was seine Kunst ist: die richtigen Tracks im richtigen Mix und Moment abzufeuern. Klingt immer so einfach und banal, ist es aber nicht. Kommt natürlich auch auf die Ausstattung im Plattenkoffer an, und die sieht bei ihm nicht zuletzt dank Pampa gut aus.




Die Pampa-Künstler

Ada

Angefangen hat Adas Produzentinnen-Karriere Anfang der Nullerjahre mit einer EP auf dem damals noch in Köln stationierten Areal-Label. Kurze Zeit später folgte das gefeierte Debütalbum »Blondie«. Mit DJ Koze kam sie durch eine Remixanfrage für die All-Star-Band International Pony in Kontakt. Adas zweites Album »Meine zarten Pfoten« erschien 2011 auf Pampa.

Die Vögel
Der Legende nach gründeten Jakobus Siebels und Mense Reents das Projekt während der documenta 12 2007 in Kassel. In kürzester Zeit wurde ein Liveset improvisiert, aus dem der Hit »Blaue Moschee« entstand. Zwei Jahre später erschien die zweite, dadaistisch angehauchte Single »Fratzengulasch«, zu der Ja-König-Ja-Sängerin Ebba Durstewitz den Gesang beisteuerte.

Axel Boman
Koze lernte Boman während eines Gigs in Stockholm kennen, als der schwedische DJ das Warm-up bestritt. Später schickte Boman ihm ein Demo, aus dem 2010 die auf Pampa erschienene »Holy Love«-EP entstand. Das darauf enthaltene Stück »Purple Drank« ist einer der bisher größten Pampa-Hits.

Robag Wruhme

... heißt im richtigen Leben Gabor Schablitzki und lebt in Jena. Mit seinem Kumpel Sören Bodner bildete er lange Zeit das Duo Wighnomy Brothers, das sich 2010 auflöste. Veröffentlicht seit über zehn Jahren unter dem Moniker Robag Wruhme.

Isolée
... startete die ersten musikalischen Gehversuche in den Neunzigern auf Playhouse. Das Stück »Beau Mot Plage« von 1998 gehörte zu den größten Hits des von DJ Ata gegründeten Labels. Sein drittes Album »Well Spent Youth« erschien 2011 auf Pampa.