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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Look Directly Into The Sun. China Pop 2007 & China Dub Soundsystem

Diverse

Es sind noch einige Monate hin bis zur Olympiade in Peking
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Es sind noch einige Monate hin bis zur Olympiade in Peking, und doch vergeht schon jetzt kaum ein Tag, in dem man nicht vom "Sprung des großen Drachen" und von "Chinas Aufstieg zur Weltmacht" in den Medien unterrichtet wird.


Von der Kehrseite der Medaille, dass es in diesem angeblich so konformen Land auch eine wachsende Jugendkultur gibt, die global vernetzt ist und doch ihre lokalen Besonderheiten pflegt - davon hört man nach wie vor selten. Zwei Ausnahmen sind da "Wasted Orient", ein Film des amerikanischen Filmemachers Kevin Fritz, und zwei CDs von Martin Atkins aus England, den man als Neu-Drummer der Sex Pistols und als Produzenten von Skinny Puppy kennt. Beide haben sich offenbar bezaubern lassen von einer Pekinger Szene aus Dandys und Melancholikern, aus Punks und anderen Hungerkünstlern, die sich das Geld für die Miete und fürs Studio oft bei ihren Freunden zusammenschnorren und nichts zu tun haben wollen mit der vielbeschworenen Konsumgeilheit ihrer chinesischen Altersgenossen.

Kevin Fritz hat für seinen Dokumentarfilm "Wasted Orient" 2005 die Band Joyside begleitet, dich ich bereits gemeinsam mit George Lindt im Dokumentarfilm "Beijing Bubbles" porträtiert und 2007 mit unserem Label Fly Fast Records auf Europatournee geholt habe. Joyside ist die lustigste und anarchischste Band Pekings, und Kevin Fritz hat ihre erste Tour durch China gefilmt. Seine Dokumentation zeigt wenig von China, dafür umso mehr, was diese Musiker umtreibt: Mädchen, Schnaps und Rock'n'Roll.

Immer wieder sieht man Jungs, die sich ein Bier aufmachen, die sich ein Bier einschenken, die ein Bier austrinken, Jungs, die um Feuer bitten, sich eine Zigarette anzünden, eine Zigarette ausdrücken. Joyside wollen sich nicht zur großen Politik äußern, nicht zur Lage der Gesellschaft, und mit Traditionen von Pekingoper bis Volksmusik haben sie eh nichts am Hut.

Die Leere ist gewollt und wunderbar in Szene gesetzt: In einem Land wie China, wo der Einzelne sich nach wie vor den Interessen der Gemeinschaft unterzuordnen hat und individuelles Glück mit dem Aufstieg der sozialen Leiter gleichgesetzt wird, nichts zu wollen als Müßiggang - das erfordert immer noch mehr Mut als irgendwo sonst auf der Welt. Sie gibt einer Musik, die stark an die lieben Attitüden von Punk 1977 in London erinnert, das Besondere.

Ganz anders geht da Martin Atkins ans Werk: Er lässt zwar auch das, was er vorgefunden hat, durch die Compilation "Look Directly Into The Sun" für sich sprechen - und hat einfach Songs der aufregendsten chinesischen Bands von Joyside über die Carsick Cars bis hin zu Snapline versammelt -, er ist außerdem aber auch auf der Suche nach etwas, das er sich womöglich schon als Kind vom märchenhaften Reich der Mitte erträumt hat.

Deshalb hat er während seines Aufenthaltes 2006 eine Studiosession anberaumt und jeden eingeladen, teilzunehmen, der des Weges kam. Herausgekommen ist mit "China Dub Soundsystem" eine interessante Mischung aus Moderne und Exotik, tibetischer Folklore, klassischer chinesischer Instrumentierung und dem Pathos des Revolutionsliedes. Schade nur, dass es sich dabei eher um die Wunschfantasien des Touristen Martin Atkins handelt als um das, wofür sich Musiker in China heute interessieren.

Der Film "Wasted Orient" ist erschienen im Plexi Filmverleih.