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Maxim Memorial Sampler

Diverse

& Afrohesse Der Verschollene Immigrant 36 Boyz / Groove Attack Mit dem Projekt 36 Boyz wollte der Kreuzberger Senol Kayaci mehr als nur ein Label gründen. 36 Boyz soll ein Forum sein für die Stimmen und die Geschichten der Straßen, für jene, die im Block kreativ sind,
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&
Afrohesse
Der Verschollene Immigrant
36 Boyz / Groove Attack


Mit dem Projekt 36 Boyz wollte der Kreuzberger Senol Kayaci mehr als nur ein Label gründen. 36 Boyz soll ein Forum sein für die Stimmen und die Geschichten der Straßen, für jene, die im Block kreativ sind, aber nur wenig Möglichkeit haben, ihre Ideen umzusetzen. 36 Boyz schickt zum Auftakt zwei Tonträger auf den Markt, die programmatischen Charakter haben. Da ist einmal ein junger Rapper mit dem wunderbaren Namen Afrohesse, der zurzeit ein unfreiwilliges Immigrantendasein in Frankreich führt. Obwohl Afrohesse in Deutschland aufwuchs und seinen Lebensmittelpunkt in Darmstadt hat, wurde er aufgrund der Tücken des deutschen Staatsbürgerschaftsrechts des Landes verwiesen. Mit seinem Debütalbum macht er auf seine Situation aufmerksam und hat sich viele Gäste an Bord geholt: Olli Banjo, Lenny, Harris, Germ und sein Darmstädter Kollege Manges sind mit dabei. Flave Productions, Princess Aniès und Oxmo Puccino bieten Rückendeckung aus Frankreich. Afrohesse hofft auf eine Rückkehr in sein geliebtes Darmstadt, und je bekannter sein Fall wird, desto größer werden seine Chancen. Mit dem "Maxim Memorial Sampler" dokumentiert 36 Boyz einen faszinierenden und wichtigen Teil Berliner HipHop-Geschichte. Die Compilation ist Attila Murat Aydin a.k.a. Maxim gewidmet, jenem Berliner HipHop-Pionier, der am Tag seines 33. Geburtstags vor zwei Jahren auf offener Straße erstochen wurde. Maxim, der knapp 20 Jahre die Berliner HipHop-Szene geprägt hat wie kein anderer, war selbst nie kommerziell erfolgreich. Trotzdem beugen selbst Mainstream-Acts wie Kool Savas, Bushido, Sido oder Fler demütig ihr Haupt vor diesem ungewöhnlichen Charakter. Auf dem "Maxim Memorial Sampler" ist die sonst so zerstrittene Berliner Rap-Szene viertelübergreifend vereint. Zu einem interessanten Tonträger machen diesen Sampler auch die herzergreifenden und tief bewegenden Aussagen jener, die sich nicht als professionelle Rapper zu Wort melden, sondern als Freunde aus den Vierteln, die in ihrer Trauer um Sprache ringen: "Es wird sehr schwer, meinen Weg ohne dich zu gehen, oft dachte ich, ohne dich kann ich mein Leben nicht leben" oder "Wir haben den besten und den liebsten Menschen verloren, aber wir vergessen dich niemals, niemals" oder "Ich schwöre, solange ich lebe, dass ich dich vermisse". Über weite Strecken ist der Sampler ein Klagelied, verzweifelt und traurig und oft nah am Kitsch. Textlich herausragend sind die Tracks von Scarabeuz "Wir Vermissen Dich" und Bektas "Bruder Maxim", aber auch der Part von Bushido geht einem erstaunlich nahe. Mit ihrem Beitrag "Maxim Dostum" zitieren Sirtlan und Bektas außerdem gekonnt die Tradition der türkischen Arabeske. Einige wenige Songs irritieren den Hörer auch, weil sie mit dem Anlass des Samplers nichts oder nur wenig zu tun haben. So steuert der Berliner MC Taktloss einen banalen Battlepart bei, auf dem er seine Zuhörer u. a. "Zum Sterben Verleiten" will und sagt: "Ich bin gekommen, die Ratten auszumerzen, Konsequenzen schmerzen, stehen in den Gesichtern geschrieben, hinterblieben sind Verwandte und Freunde." Wo hier das Gedenken an Maxim stattfindet, bleibt Taktloss' Geheimnis. Für die Hinterbliebenen sind solche Worte in diesem Rahmen schlicht eine Frechheit. Derartige Aussetzer ändern jedoch nichts daran, dass der "Maxim Memorial Sampler" ein gelungenes, ehrliches und sehr vielfältiges Gedenken dokumentiert und sowohl musikhistorisch von großer Bedeutung ist als auch großartige Songs und Texte zu bieten hat.