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Disco, vorgespielt

Die Sterne

Musikhören mit Frank Spilker und Mathias Modica : "Die Sterne sind nicht Neo Disco. Es gibt gerade keine andere Platte, die so klingt wie die der Sterne."
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Bevor wir beim Musikhören mit Frank Spilker, dem Sänger der Sterne, die Tanzfläche entern, muss eines klargestellt werden: "Die Sterne sind nicht Neo Disco. Es gibt gerade keine andere Platte, die so klingt wie die der Sterne." Sagt Mathias Modica - und der muss es wissen. Schließlich ist er als Punk-Funk-Aficionado Munk sowie als Mitbetreiber des Labels Gomma bekannt. Er saß für das neue Sterne-Album "24/7" auch am Mischpult - und fürs Intro-Vorspiel auf dem Sessel neben Frank. Und neben Arno Raffeiner.

Funkadelic "Who Says A Funk Band Can't Play Rock?!" (1978)
F: Ich finde Funkadelic ab dem Moment schlimm, wo sie angefangen haben, DX7-Synthesizer einzusetzen. Aber eben: Who says a rock band can't play funk?!
M: Ich habe den Namen George Clinton zum ersten Mal gehört, als ich mit zwölf Jahren "Freaky Styley" von den Red Hot Chili Peppers in die Hände bekommen habe. Das hat er produziert, und ich fand diese absurde Kombination so geil: ein Weißer, der über schlecht gespielten Funk schlecht rappt, produziert vom Godfather of Funk. Das war der Inbegriff von Crossover, zehn Jahre, bevor dieser ganze Käse Mainstream wurde. Angeblich haben sie ihn nach einer Party abgegriffen und gezwungen, weißen Funk zu machen. Aber dadurch ist das Ding interessant geworden.
F: Da gibt's durchaus Parallelen zu unserer Geschichte. Nur dass wir in der Frühphase keinen George Clinton hatten, dafür in der Spätphase einen Mathias Modica.

Patrick Cowley "Mind Warp" (1982)   
F: Mit der Art von Disco-Musik bin ich groß geworden, daher spricht mich das irgendwie an. Mit den Sternen hat es aber wenig zu tun, ich höre da Maschinen laufen.

Cowley war schwer krank, als er diese Platte aufnahm. Das ist die kalte, finstere Seite von Disco, Tanzmusik als Anti-Utopie sozusagen.
F: Das hätte ich damals nicht verstanden. Aber es wirkt unglaublich vertraut, das war wie ein Blueprint für diese Zeit.
M: Was diese Musik und auch die von Moroder ausmacht, sind die Arpeggiatoren. Wir haben das auf dem Sterne-Album auch reingebracht. Da läuft bei zwei Stücken ein Arpeggio drüber, das eigentlich nicht spielbar war, denn das Arpeggio läuft exakt, und die Band spielt nicht exakt. Wir mussten das Arpeggio also im Nachhinein zerstückeln, um es auf den Groove zu bringen.

Christiane F. "Wunderbar" (1982)
[ein schiefer Funk-Bass, deutscher Gesang setzt ein, erstaunte bis entsetzte Gesichter]
F: Was ist das denn?!

Christiane F. singt, produziert haben vier Typen aus New York.
M: Es gab ja wahnsinnig viel an solcher Musik in Deutschland: Funk-inspiriert, aber dilettantisch, wie die No-Wave-Sachen in New York Ende der 70er. Die wollten etwas machen und konnten es technisch gar nicht. Dadurch ergab sich ein ganz eigener Stil.
F: Ja, das Weglassen ist das Schlaue daran. Wie bei E.S.G. zum Beispiel. Wenn da noch eine Gitarre dabei gewesen wäre, wäre es langweilig.
M: Der Witz ist ja, dass beides unter den gleichen Begriff fiel: No Wave, Post-Punk. Aber da ist ein Riesenunterschied: E.S.G. sind wahnsinnig funky, und das hier ist wahnsinnig unfunky.

Lindstrøm & Prins Thomas "Boney M Down" (2005)
F: Klingt ein bisschen wie Hot Chocolate, nur moderner.

Die beiden sind mitverantwortlich für den Hype um den Begriff Neo Disco.
F: Ja, das würde zu den Sternen etwas besser passen als die Moroder-Disco, aber wir sind dann doch noch mal woanders. Dieses Fan-mäßige Kopieren eines Sounds, den man gerade liebt, wäre uns in der Perfektion gar nicht möglich, weil die Persönlichkeiten der Musiker viel zu stark sind.
M: Gott sei Dank!

Erlend Øye "Ghost Trains" (2002)

Erlend Øye macht mit The Whitest Boy Alive ja etwas den Sternen durchaus Verwandtes: Musik im Band-Format, die Groove- und Funk-orientiert ist.

F: Da würde ich jetzt sagen: Wer hat's erfunden? Ich hab Erlend kennengelernt, als sein Soloalbum rausgekommen ist, wir waren in Österreich zusammen auf Tour. Da haben wir festgestellt, dass es gemeinsame Interessen gibt. Er war auch ziemlich begeistert von dem, was die Sterne an Synthese gemacht haben, obwohl das eine andere Geschichte war. Das hatte mit Neo Disco nichts zu tun, sondern es ging um diese alte Annäherung einer Punk-Band an Funk. Aber das ist im Grunde nicht so weit weg.

Daniele Baldelli "Girotondo" (2006)
F: Was ist das jetzt?

Eine Platte von Mathias' Label Gomma.
M: Ach, deswegen kenne ich sie! Ich überlege schon die ganze Zeit ... Das ist Baldelli. Der Gott aller Berliner DJs derzeit. Er legt so seit 1971 auf und ist für dieses Cosmic-Ding berühmt geworden, einen Mix aus deutscher Elektronik und relativ langsam gespielten Disco-Platten, dabei immer sehr, sehr trippy.
F: Bei den Sternen hatten wir auch eine Phase, in der wir 20-Minuten-Stücke machen wollten - und dafür wegen der langen Instrumentals auf Festivals mit Schlamm beworfen wurden. Das ist natürlich eine Form der Verweigerung: keine Songstruktur bringen. Es ging uns um diese Krautrock-Geste, sich dem Pop zu verweigern. Sozusagen das Gegenteil von Blondie, die zu ihrer Zeit all die trippy Gespenster aus der Popmusik vertreiben wollten.