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Muttersöhnchen

Disclosure

Das Brüderpaar Guy und Howard Lawrence nimmt mit seinem chartstauglichen House- und UK-Garage nach den Dance-Hipstern zurzeit auch das breite Publikum für sich ein. Dabei sind die beiden britischen Landkinder gerade erst der Pubertät entkommen. Henje Richter traf Disclosure in Berlin zu einem Gespräch über ihr Debütalbum, brüderliche Zusammenarbeit und musikalische Früherziehung.
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Die beiden Jungs, die an einem regnerischen Nachmittag im April im kleinen, circa 350 Leute fassenden Berliner Club Bi Nuu sitzen und brav meine Fragen beantworten, sind Läden dieser Größenordnung eigentlich schon entwachsen, denn so jung sie mit 21 und 19 Jahren auch wirken, Guy und Howard Lawrence sind mit ihrer aktuellen Single »White Noise« gerade bis auf Platz 2 der britischen Charts gestiegen, und der Hype um ihr kommendes Debütalbum ist groß. Dementsprechend selbstbewusst antworten sie auf die Frage nach ihren Ambitionen: »Wir wollen die Charts zum Besseren verändern und dem Dance Underground wieder zu seinem Wahrnehmungsmoment verhelfen«, geben sie übereinstimmend ihren Auftrag wieder. »Das ist seit den Tagen von Artful Dodgers in den Neunzigern nicht mehr passiert, nun ist alles nur noch HipHop, Lady Gaga oder Großraumdisco.«

Und das Ding ist, dass die beiden es tatsächlich schaffen könnten. In Berlin sind Disclosure aber erst einmal, um am Abend ihre neue Show zu testen. Während wir sprechen, werden auf der Tanzfläche die Halterungen für die Instrumente angebracht: zwei große käfigartige Halbkreise aus Stahlstangen, in denen die beiden stehen werden. »Elektronische Livemusik hat doch immer das Problem, dass das Publikum nicht sieht, was auf der Bühne passiert«, führt Guy, der Ältere der beiden, aus. »Vermutlich passiert oft auch nicht viel. Da wir beide tatsächlich Instrumente spielen können, schulden wir es dem Publikum, das auch zu zeigen.«

Das Spielen von Instrumenten haben sie von Kindesbeinen an gelernt, weitergegeben von den musikalischen Großeltern und Eltern: Die Mutter produzierte Radiojingles, der Vater hatte eine Band. »Ich habe mit drei Jahren ein Schlagzeug bekommen«, erzählt Guy. »Außerdem standen zu Hause immer Gitarren rum.« Howard erwähnt ergänzend das Klavier – und berichtet, dass damit auch schon die Rollen festgelegt waren, die bis heute das gemeinsame Musizieren prägen: Guy programmiert die Beats, layert die Synths und ist für den finalen Mix zuständig, Howard kümmert sich um die Melodien und Akkorde. »Die Tatsache, wer von uns beiden einen Song beginnt, ist bestimmend dafür, in welche Richtung dieser sich entwickelt«, berichtet Guy. »Die Arbeitsteilung verhindert, dass wir uns viel streiten«, ergänzt Howard. Diese fließende Zusammenarbeit der musikalisch so unterschiedlich veranlagten Brüder ist die Grundlage dafür, dass Disclosure mit ihrem auf mittleres House-Tempo verlangsamten Garage-Sound derzeit erfolgreich eine Brücke vom Underground zum Mainstream schlagen können. Auch im Gespräch werfen sich die beiden spielerisch die Bälle zu:

H: Wenn Guy alleine arbeiten würde, käme ein Deep-House-Track heraus.
G: Und bei Howard wäre es ein Popsong!
H: Im Team sind wir irgendwo dazwischen.

Luxusprobleme

Mit siebzehn ging es für Guy Lawrence vom südlich von London gelegenen Surrey aus, wo die beiden aufwuchsen und noch immer leben, in die Clubs von London und Brighton. Dort lief damals vor allem UK-Dubstep. »Aber es waren die mehr an House interessierten Künstler wie James Blake, Mount Kimbie oder Joy Orbison, die mich wirklich überzeugten«, berichtet er. »Ich kam dann nach Hause und spielte diese Musik Howard vor, der ja noch nicht in die Clubs kam. Es war das erste Mal, dass wir uns beide für die gleiche Musik begeistern konnten.«

HipHop und Funk, Jazz und der elterliche Pop hatten ausgedient, und der »Logic«-Kurs, den beide nacheinander in der Schule belegt hatten, sollte sich spätestens jetzt lohnen. Disclosure mussten ihren Sound nicht lange suchen, er kam zu ihnen, einer Eingebung gleich. Ihre ersten, auf 2010 datierenden Songs wie »Offline Dexterity« oder »Street Light Chronicle« hatten zwar noch nicht den gleichen Druck wie ihre heutigen Produktionen, doch Tempo und Aufbau waren schon damals ähnlich. »Die haben wir damals im Auto sitzend, irgendwo wartend, quasi nebenbei auf dem iMac gemacht«, erinnert sich Guy. »Wir stellten sofort fest, dass wir das können: Dancemusik mit Popstrukturen produzieren. Es war ganz natürlich und leicht für uns.« Inzwischen ist das Equipment zwar gewachsen, gerade im Studio arbeiten die beiden aber immer noch viel mit »Logic«.

Bevor Disclosure etwas veröffentlichen, spielen sie es Freunden und Eltern vor. »Wenn es sowohl deinen Freunden als auch deiner Mutter gefällt, dann machst du etwas richtig«, sagt Guy lachend. Die so produzierten Songs wurden seit 2010 einzeln auf Soundcloud hochgeladen und über Blogs und Netzmagazine wie FACT, RCRD LBL und Pitchfork verbreitet. Mit dem nun erscheinenden Debütalbum »Settle« manifestieren sich die neuen Zeiten bei Disclosure: »Es ist hart, ein Album zu produzieren. Du musst dir Gedanken über den Flow machen und Abwechslung bieten, denn elektronische Musik leidet zu oft darunter, repetitiv zu werden. Sie wird ja für Clubs gemacht«, führt Guy aus. Nur um anschließend einzuschränken: »Wir haben genug Pop-Potenzial in unseren Stücken: vom Gesang bis zu den effektreichen Tempo- und Akkordwechseln, sodass es interessant bleibt.«

Ihr Erfolg stellte Guy und Howard vor ein Luxusproblem: Solange die Singles »Latch« (Platz 11), »You & Me« (Platz 10) und »White Noise« (Platz 2) oben in den Charts standen, wollten sie sich keine eigene Konkurrenz machen. Deshalb wurde die Veröffentlichung des Albums um ein paar Monate auf den Sommer verschoben. Das mittlerweile publizierte Albumcover zu »Settle« zeigt zwei kleine Jungs gemeinsam auf einem Stuhl. Das Bild sieht aus wie ein altes Familienfoto, die beiden Kinder könnten sehr gut die Brüder Lawrence sein – vor fünfzehn Jahren. Ihre Gesichter sind aber nicht zu erkennen, sondern durch das mit groben Strichen in weiß gezeichnete »Gesicht« verborgen, das sich mittlerweile als Markenzeichen der Band etabliert hat. Ein interessantes Spiel aus Enthüllung – Disclosure – und Maskerade.



Abends beim Konzert sieht man das Gesicht natürlich auch, hinter die Bühne projiziert. Davor stehen die beiden Jungs an ihren Synthesizern und Laptops. Guy spielt zudem Schlagzeug, Drumpad und Gitarre, Howard Bassgitarre. Dennoch bleibt es viel beim Knöpfedrücken. Insbesondere die Gesangsspuren kommen aus dem Nichts, denn Gastsängerinnen wie Aluna oder Jessie Ware sind nur als Einspieler anwesend. Das Bi Nuu ist natürlich zum Bersten gefüllt. Das Publikum ist jung, gestylt und vielsprachig und erkennt die meisten Tracks des knackig-kurzen, intensiven Sets nach den ersten Akkorden. Weiter hinten stehen noch einige Enddreißiger. »Der Erfolg hat unser Publikum mehr verändert als uns«, hatte Guy am Nachmittag noch gesagt. »Früher waren bei unseren Shows vor allem tanzverrückte Jungs wie wir. Jetzt merken wir, dass viel mehr Mädchen kommen. Und Menschen über dreißig oder vierzig, im Alter unserer Eltern.« Disclosure schaffen es eben, auch jene anzusprechen, die sonst nicht so viel Clubmusik hören. Das nächste Mal werden sie eine größere Location brauchen.

Wir verlosen 3 Exemplare des Debütalbums »Settle«auf CD. Schickt einfach eine Mail an verlosung@intro.de (Betreff: »Settle«).