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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Alles auf Anfang

Dirty Projectors im Interview

Zwischen der letzten und der aktuellen Veröffentlichung der Dirty Projectors liegen fünf Jahre. Innerhalb dieser Zeit hat David Longstreth seine Band gefeuert, sich von seiner langjährigen Freundin getrennt und seine musikalische Karriere völlig infrage gestellt. Trotzdem oder vielleicht genau deshalb heißt sein neues Album: »Dirty Projectors«. Wie das passieren konnte, erklärte Longstreth Lena Ackermann in Berlin.
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Vielleicht brauchte es das Chaos im Leben des David Longstreth, um ein Album zu erschaffen, das den Anfang vom Ende der Dirty Projectors markiert. Was sich nicht nur am verschlankten Personal ablesen lässt, sondern auch am neuen Stil. Anstelle der Rockband-Ästhetik experimentiert Longstreth mit einer völlig unerwarteten Mixtur aus R’n’B, Soul, Lo-Fi, Electro, Rap-Parts und jeder Menge Samples. Einen Sound, hinter dem man nicht direkt einen weißen Typen mit klassischer Musikausbildung erwarten würde. Leider findet das Interview zu der komplexen musikalischen Katharsis zwischen Trennungsschmerz und Vergebung unter denkbar schlechten Voraussetzungen statt: Der Yale-Absolvent hat verschlafen. Jetlag. Als er verspätet im Büro seines Labels in Berlin eintrifft, fragt er auch noch schniefend und hustend nach Ingwertee. Und dann wird doch alles gut, dank Longstreth’ überraschend guter Laune. 

Es soll kein Vorwurf sein, aber du hast dir mit dem neuen Album viel Zeit gelassen.
Als die Tour zu »Swing Lo Magellan« vorbei war, gab es diesen Moment, in dem mir klar wurde, dass ich eine Pause brauchte. Ich wusste nicht mehr, welche Musik ich zukünftig machen will, war völlig durcheinander. Glücklicherweise haben sich während dieser Sinnkrise einige Leute bei mir gemeldet und gefragt, ob ich ihnen bei ihren Projekten helfen könne. Joanna Newsom zum Beispiel, oder Solange und Bombino. In die Rolle eines Helfers zu schlüpfen war befreiend und genau das, war ich brauchte. Ich war plötzlich ein anderes Rädchen im Getriebe. Das hat mir eine echte Perspektive aufgezeigt.

Kanye West hast du in deiner Aufzählung gerade unterschlagen. Würdest du zustimmen, dass man deinem Album anhört, dass eure gemeinsame Arbeit Spuren hinterlassen hat? 
Das kann man so sagen. Und es war großartig. Kanye ist ein Künstler, für den ich mich schon sehr lange interessiert habe. 

Wirklich? Er macht ja eher den Eindruck, ein schwieriger Typ zu sein. 
Nein, die Zusammenarbeit war supercool. Seit der Veröffentlichung von »Yeezus« hat mich das Factory-Modell interessiert, das Kanye in seiner Arbeit verfolgt. Er ist dabei wie Walt Disney oder Andy Warhol. Ich habe sehr viel gelernt. 

Fast hätte es dein Album gar nicht gegeben. Musste Rick Rubin dich wirklich dazu überreden, es aufzunehmen, wie man hier und da lesen konnte? 
Kanye geht folgendermaßen vor: Er setzt sich mit Leuten hin und spielt ihnen Rohversionen und kurze Sequenzen seiner Song-Ideen vor. So schafft er es, seine Stücke mit anderen Ohren zu hören. Ich habe das mit früheren Veröffentlichungen nicht gemacht und erst mit diesem Album damit angefangen. Auch, weil ich mir die Frage gestellt habe, wo ich stehe. Was Dirty Projectors überhaupt ist – ich war mir nicht sicher. Ich habe das Projekt mit 20 gegründet. Es sollte mir die Möglichkeit geben, mich zu verändern, neu zu erfinden. Rick Rubin und andere Leute, denen ich die neuen Songs zeigte, gaben mir wichtiges Feedback. Sie sagten mir: »Ja, es ist ein völlig anderer Sound. Eine unberechenbare Veränderung. Und es ist okay, dass du dir Sorgen machst, wie diese Veränderung wohl aufgenommen wird. Gleichzeitig ist es aber doch genau das, was Dirty Projectors von Beginn an war.« Sie haben meine Zweifel ausgeräumt. 
Man hört dem Album an, dass du die Trennung von deiner Freundin und Ex-Bandkollegin Amber Coffman verarbeitest. War dir von Anfang an klar, dass du das Thema so offen angehen musst?
Glaub mir, ich habe eigentlich die ganze Zeit versucht, kein Trennungsalbum zu machen. Aber im Arbeitsprozess hat sich herausgestellt, dass ich genau das machen musste. Musik eignet sich einfach hervorragend dazu, eine emotionale Wahrheit wiederzugeben. Es fühlt sich an wie eine Wiedergeburt, die auf eine lange Phase der Dunkelheit folgt. Ich hatte zuletzt das Gefühl, mich nach hinten zu bewegen. Nun gehe ich nach vorne.

Trotz eurer Trennung hast du Ambers Debütalbum produziert. Ein sehr erwachsener Schritt ...
Ja, und eine Erfahrung, die ganz besonders war und unsere Freundschaft vertieft hat. Die Jahre, in denen wir zusammen an den Dirty Projectors gearbeitet haben, waren bestimmt von meinen Ideen. Amber und der Rest der Band haben sich daran orientiert. Bei dieser Zusammenarbeit hatten wir eine Chance, unsere Rollen ins Gegenteil zu verkehren.

Du bist von New York nach Los Angeles gezogen. Hatte der Ortswechsel auch einen Einfluss auf dein Schaffen?
In New York war das Musizieren ein Riesentheater. Die Instrumente hatten wir in einem Storage-Raum in Jersey. Man konnte froh sein, einige Stunden in einem Proberaum verbringen zu können, den wir uns mit anderen Bands teilen mussten. Während der Proben hörte man die Band im Nachbarraum durch die Wände. Es war so anstrengend. Der Umzug nach L.A. hat alles verändert. Dort habe ich mir ein Studio gebaut, in dem ich stundenlang an den Songs herumdoktern konnte.

Klingt fast ein bisschen spießig. Dein neuer Sound würde jedenfalls nicht vermuten lassen, dass du dich auf einen Ort festlegen lässt. 
Was meine Kreativität angeht, bin ich eher rastlos. Aber für meine Musik brauche ich Ruhe. Es ist herrlich, einen Platz zu haben, wo du tun und lassen kannst, was du willst, so laut sein und so lange bleiben kannst, wie du möchtest. In L.A. kann ich mich sehr lange in meiner Traumwelt aufhalten. Eine perfekte Ausgangsposition, um Songs zu schreiben.

Das Album ist komplex produziert, mit unzähligen Samples und Beats. Wie wirst du das auf die Bühne bringen? 
Ich habe tatsächlich noch keine Ahnung, wie ich das anstellen werde. Die Orchestrierung variiert und ist so vielschichtig und dicht, da probiere ich gerade aus, wie ich das in eine Live-Performance umschreiben kann. Wenn das geschafft ist, freue ich mich darauf, den Kopf für Neues freizubekommen. Das Weltgefüge ändert sich im Moment sehr rapide. Ich habe kürzlich auf einem Anti-Faschismus-Gig in Washington D.C. gespielt. Es war toll, etwas gegen die Hoffnungslosigkeit zu tun, die seit der Wahl herrscht.

Dirty Projectors

Dirty Projectors

Release: 24.02.2017

℗ 2017 Domino Recording Co Ltd