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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Im Interview: Dramatisch oder traumatisch?

Dirty Projectors

Die sowohl ganz neu wie auch ganz alt klingende hochenergetische Musik von Dave Longstreth und seiner Band lässt sich nur im Superlativ beschreiben.
Geschrieben am
Es ist so nahe liegend wie fortschrittlich, aber in dieser Konsequenz hat das noch keiner gebracht: Die sowohl ganz neu wie auch ganz alt klingende hochenergetische Musik von Dave Longstreth und seiner Band Dirty Projectors - für die er als Mastermind alle Songs komponiert und, fast ist man geneigt zu sagen: dirigiert - lässt sich von Sandra Grether nur im Superlativ beschreiben.

Longstreth macht Schluss mit dem Klischee, wonach der zornige, weiße, geschichtsbewusste It-Held ein Folk-Poet ist und der zornige, farbige It-Held ein Protagonist des Urban Sounds!

Stattdessen verknüpft er Traditionslinien des nordamerikanischen Progressive Dreams - vor allem die Fingerpicking-Folk-Standards aus den 60ern - mit dem gegenwärtigen und coolen hot stuff des Urban Sounds, inklusive opulenter, oktavenreicher, mehrstimmiger R'n'B-Gesänge (gesungen von Leuten mit Indie-Roots) und afrikanisch angehautem Gitarrenspiel. Das klingt in seiner Verbindung angenehm frisch, und man hat gleich viele Fragen. Zum Beispiel: Was wird hier aufgeführt? Am Ende doch bitte nicht nur musikalisches Nerdtum?



Der ehemalige Musikstudent aus Brooklyn hat sich in der Vergangenheit aus dem Kreis seiner Musikerfreunde schon mal halbe Orchester zusammengesucht, in denen u. a. Querflöten, Saxofone, Klarinetten und Oboen zum Einsatz kamen. Dann wieder nahm er 2007 mit "Rise Above" ein etwas anderes Tribute-Album an Black Flags "Damaged" auf - nämlich ausschließlich basierend auf seinen Erinnerungen, weil er die Platte zuletzt als Jugendlicher gehört hat.

Auf mein emphatisches Nachfragen, ob er sie sich wirklich nicht zumindest ein Mal angehört habe, ernte ich nur einen verständnislosen Blick von Longstreth - es scheint ihm zu viel Emotionalität in meinen Worten zu liegen: "Nein, sagte ich doch schon, habe ich nicht", betont er sachlich. Und überhaupt: Der Gute vertraut auf seine Musikalität und die riesigen Datensätze der Musikarchive wie einst unsere globalisierte Welt aufs Bankensystem. Er hat die Rechnung aber leider ohne die armen gläubigen Schuldner und Abhängige des innerstädtischen Hedonismus gemacht.

Will heißen: Der Chef der weltumspannenden Komposition scheint auf Nachfrage kaum einen politischen oder auch nur musikhistorischen Begriff zu haben von dem, was er da so grenzenlos zusammenbastelt. Das schmälert seine Leistung natürlich nicht. Vor allem das neue, weniger konzeptionelle Album "Bitte Orca" verbreitet insofern konsequent eine optimistische, helle, gute Laune. Was aber bedeutet ihm diese Verbindung aus R'n'B, afrikanischen Rhythmen und (Indierock-) Folk? Auch nach wiederholtem freundlichen Nachhaken - schließlich ist Musik mehr als eine Abfolge von Tönen, und seien sie noch so meisterlich arrangiert - kommt kaum mehr als ein:
Es fühlt sich einfach natürlich für mich an, das zu tun, was ich tue.
Interessant. Hast du schon immer so gespielt?
Es ist gewachsen. Aber ich habe noch nie ganz anders Gitarre gespielt, als ich es nun tue.

Veränderst du die Songs live manchmal noch? Sie klingen, als wären sie für Variationen offen.
Oh ja. Ein Song sollte nie fertig sein. Dann erst ist er perfekt. Bob Dylan ändert z. B. dauernd die Phrasierungen. Und damit die Bedeutungen.

Bob Dylan hat ja auch eine Menge zu erzählen und mitzuteilen ... [ein Wink an den Künstler]
Er singt mit einer tiefen Stimme. Ich singe ja extrem hoch.

Geht es dir mehr um den Klang der Worte?
Ja. "Bitte Orca" z. B. bedeutet nichts Bestimmtes. Bitte ist eine Referenz an das deutsche Wort "bitte".

Warum gerade "bitte"?
All die Gefühle, die ich in meinen Songs auszudrücken versuche, haben keinen Namen. Deshalb schreibe ich die Lieder.

Auf vielen neuen Songs übernehmen die Gitarristin Amber Coffman sowie die Bassistin Angel Deradoorian Gesangsparts. Das gibt den Songs eine aufgepeitschte und zugleich melancholische Aura.
Ich mag die Idee, dass ein Song eine Kommunikation ist.

Die vielen Kopfstimmen-Gesänge geben den Songs etwas fantastisch Dramatisches!
[Longstreth, der auch äußerlich den Nerd gibt, schaut nun etwas beunruhigt] Was meinst du, "dramatic" oder "traumatic"?

Damit ich den Unterschied verstehe, schreibt er die Worte sicherheitshalber auf ein Blatt Papier. Ich werde doch hoffentlich dramatisch gemeint haben? Traumatisch sei seine Musik ja sicher nicht! Das würde er denn doch für sehr negativ halten. Warum eigentlich? Dramatik und Traumatik sind doch gerade in politisch codierten Sounds untrennbar miteinander verbunden. Das traumatische Erlebnis des Außenseiter-of-whatever-Gefühls erhält seinen solidarischen Geist, bei dem alle, auch die Nichtaußenseiter, mitmachen wollen (sei es in Folk, Punk, HipHop, R'n'B), ja gerade durch das Einarbeiten und Umcodieren des traumatischen Erlebnisses in die Bürgerkinderherzen umspannende Dramaturgie.
[usercomment=http://www.intro.de/forum/plink/20/1241650834/1241680001]Ich hab den Hype in diversen Blogs zur Kenntnis genommen, das dann mal angeschaltet und nach drei Songs entnervt wieder ausgeschaltet, weil mir die Stimme total auf den Sack ging.[/usercomment]
Für die Compilation "Dark Was The Night" - ein Charity-Album zugunsten der gemeinnützigen New Yorker Aids-Hilfe "Housing Works" - sang Longstreth unlängst ein Duett mit David Byrne. Außerdem singt Björk bei einem seiner Songs mit, den er für fünf Stimmen und eine Akustik-Gitarre geschrieben hat; und zwar ebenfalls im Auftrag der Aids-Organisation. Ich frage ihn abschließend, ob die Dirty Projectors überdies in einem spannenden Kontext mit anderen neueren Bands und Künstlern stattfänden, vielleicht lässt sich so ja noch was aus ihm herausholen: "Neulich habe ich mal festgestellt, dass mein Freundeskreis nur aus Musikern besteht. Das heißt aber nicht, dass wir gemeinsame Ziele oder so definieren könnten. Wir sind ja auch nicht im Paris der 20er, wo sich Dichter, Schauspieler, bildende Künstler trafen. Also, solche Leute kennen wir gar nicht." - Schade, dabei würde es doch so gut passen.