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Was nun, Herr Barât?

Dirty Pretty Things

Carl Barât hat sich durchgebissen. Hat pflichtbewusst weitergemacht. Den Fans zuliebe, vielleicht auch etwas unter Druck gesetzt durch die hohen Erwartungen der Plattenfirma hat er das Bild einer Band aufrechterhalten, die spätestens bei den Aufnahmen zu ihrem zweiten Album zerbrach. Dabei wusste er
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Carl Barât hat sich durchgebissen. Hat pflichtbewusst weitergemacht. Den Fans zuliebe, vielleicht auch etwas unter Druck gesetzt durch die hohen Erwartungen der Plattenfirma hat er das Bild einer Band aufrechterhalten, die spätestens bei den Aufnahmen zu ihrem zweiten Album zerbrach. Dabei wusste er natürlich schon früher, dass die Libertines keine Zukunft haben würden, denn schließlich waren sie immer Pete und sein Ding. Nach dem unvermeidlichen endgültigen Aus hat er nun mit alten und neuen Freunden die Dirty Pretty Things gegründet. Die berechtigte Frage, die sich hier aufdrängt, lautet: Müssen die nicht wie eine fade, harmlose Version der Libertines klingen – eben ohne den Crack-Madness-Faktor? Beim Interview-Termin im einigermaßen schicken Londoner Courthouse Hotel Kempinski macht Carl Barât einen desolaten Eindruck, gerade so, als habe er sich aus Schutz vor ebensolchen Fragen – und natürlich den obligatorischen über seine Freundschaft mit dem jetzt vielleicht wieder aktuellen Freund von Kate Moss – in einen Zustand versetzt, der ihn einerseits diese Situation ertragen lässt, andererseits aber auch bedauerlicherweise nicht mehr dazu befähigt, einem für die Örtlichkeit angemessenen gepflegten Nachmittagsplausch aktiv beizuwohnen. Im besten Fall werden Antworten auf Interviewfragen delegiert: “Ich denke, das sollte Anthony aus seiner Perspektive erzählen.” Dafür ist der Rest der Band, wie es sich für gute Freunde nicht anders gehört, sehr bemüht, dieses Defizit zu kompensieren. Zeit, diesen Rest der Band einmal kurz vorzustellen: Zum ersten wäre da Anthony Rossomando, den die Libertines auf ihrer letzten US-Tour als Ersatz für den ausgefallenen Pete Doherty in letzter Minute anheuerten, weil er als Amerikaner nicht erst ein Visum beantragen musste. Bis dahin hatte er in der Bostoner Band The Damn Personals gespielt, deren Stil er selbst als Post-Fugazi beschreibt. – Carl Barât: “Wer sind denn Fugazi?” Eine Frage, die nicht unbedingt seinem derzeitigen Zustand geschuldet ist, sondern wahrscheinlich eher auf sehr unterschiedliche Sozialisation amerikanischer und britischer Punkrockbandmitglieder zurückzuführen ist. – Aus dem Tourgitarristen wurde ein fester Bestandteil der neuen Band und ein verlässlicher Freund, der mittlerweile auch in London lebt. In diesem Interview eine feste Bank, was das Beantworten inhaltlicher Fragen angeht. Dann wären da noch die beiden Spaßvögel Gary Powell und Didz Hammond. Ersterer war von Beginn an Schlagzeuger der Libertines und sorgt nun stets dafür, dass es auch ohne Pete auf Tour nicht langweilig wird. In Deutschland wurde er einmal bei dem Versuch verhaftet, ein Polizeifahrrad zu stehlen. Letzterer war zuvor Bassist bei Couper Temple Clause, bis er sich durch regelmäßiges Sich-über-den-Weg-Laufen-im-internationalen-Rockzirkus mit Gary und Carl anfreundete und feststellte, dass Couper Temple Clause auch ohne ihn ganz gut zurechtkommen.
London – L.A. – Glasgow 2005 erlebte die Berichterstattung über das Schicksal Pete Dohertys ihren bisherigen Höhepunkt. Für die anderen Ex-Libertines war es ein vergleichsweise ruhiges Jahr. Gary Powell wartete darauf, dass etwas Neues passieren würde, und überbrückte die Zwischenzeit mit Feiern und Plattenauflegen. Carl verbrachte viel Zeit in seiner Wohnung in Waterloo und arbeitete an neuen Songs. Als sich die Dirty Pretty Things als richtige neue Band formiert hatten, ging es im November nach Los Angeles, wo man diese Songs mit dem Produzenten Dave Sardy, der vorher mit Oasis, Supergrass, Jet und dergleichen gearbeitet hatte, aufzunehmen gedachte. “Es war von Anfang an klar, dass wir nicht das gesamte Album in L.A. machen würden. Wir hatten genügend Songmaterial, um erst mal dort anzufangen, und es hat natürlich auch was, als Rockband in L.A. aufzunehmen, aber man sollte an einem solchen Ort nie zu lang bleiben.” Für Anthony Rossomando war es nach der ausgiebigen US-Tournee der Libertines nichts Neues mehr, in familiärer Enge mit den Boys zusammenzuleben. In jugendherbergsähnlichem Ambiente wurden sich die Zimmer geteilt, um das Geld zusammenzuhalten, das dann aber doch zu späterer Stunde wieder in shady Bars verplempert wurde. Die andere Hälfte der Songs des “Waterloo To Anywhere” betitelten Albums wurde dann in Glasgow aufgenommen, wo man ein vergleichsweise komfortables Apartment anmietete. Auch die Arbeit mit Belle&Sebastian-Produzent Tony Doogan unterschied sich grundlegend von der in L.A. “In Glasgow haben wir spontan im Studio Songs entstehen lassen, während wir in L.A. ausschließlich fertiges Material aufnahmen”, erzählt Anthony Rossomando, und Diz Hammond ergänzt: “Prinzipiell war natürlich auch hier wieder Carl der Songwriter, aber oft wurde dann erst während des Aufnahmeprozesses aus Fragmenten ein richtiger Song.” Schludrigkeit oder Tightness? “Bevor wir mit der Arbeit an ‘Up The Bracket’ begannen, hatten wir das Songmaterial bereits komplett zusammen, fanden uns aber zum ersten Mal in einer professionellen Studioatmosphäre wieder, mit einem relativ professionellen Produzenten, was sehr irritierend war”, erinnert sich Schlagzeuger Gary Powell. “Zu den Aufnahmen des zweiten Albums erschienen wir quasi völlig unvorbereitet, wussten uns aber mittlerweile in dieser professionellen Studioumgebung zu bewegen. Wie mittlerweile jeder weiß, gab es dann trotzdem Probleme.” Mit diesen Erfahrungen im Hinterkopf wollte man dieses Mal alles richtig machen, und das macht sich beim Hören des Dirty-Pretty-Things-Albums deutlich bemerkbar. Sicher fehlt den Songs auf “Waterloo To Anywhere” ein wenig die Schludrigkeit, die viele Libertines-Songs so charmant daherkommen lässt. Andererseits führte diese Schludrigkeit auch dazu, die Aufnahmen zum zweiten Album beinahe ohne vorbereitetes Songmaterial zu beginnen. Stellenweise entstanden so trotzdem brillante Momente, insgesamt wirkt das Werk jedoch fahrig und zersplittert. “Waterloo To Anywhere” versucht da wieder mehr ans tighte Songwriting von “Up The Bracket” anzuknüpfen. Und selbst ohne die Mitwirkung von Mick Jones liefern die Dirty Pretty Things ab, was man von ihnen erwartet: melodiösen, stark britisch geprägten 70s-Punk. Auch diese charakteristischen Zwischenteile, die den Song dann beinahe auseinander fallen lassen, bevor er sich doch wieder fängt, gibt es noch. Die Stücke weisen unmissverständlich darauf hin, dass Carl immer ein gleichwertiger Partner des Songwriter-Gespanns Barât/Doherty war. Unvermeidliche Fragen Hat Pete eure neuen Sachen schon gehört? – Carl: “Keine Ahnung, ich glaube nicht.” – Also habt ihr momentan keinen Kontakt? – Carl: “Nicht seit Neujahr, nein.” – Carl Barât hat in letzter Zeit nie einen Hehl daraus gemacht, dass er das Kapitel Libertines noch nicht abgeschlossen hat. “Die Libertines waren Petes und mein Ding, aber da ich im Moment nicht mit Pete zusammenarbeiten kann, musste ich mit etwas Neuem anfangen.” Fast klingt es, als wolle er sich dafür entschuldigen. Doch gleichzeitig ist es auch wie eine Befreiung, macht Gary Powell deutlich, wenn er direkt ausspricht, was Carl so nicht über die Lippen gehen würde: “So richtig zu einer Band wurden wir erst auf unserer letzten Libertines-Tour, und so haben wir unsere besten Konzerte definitiv ohne Pete gespielt.”