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Diplo meets Switch: "Zwei weiße Typen bringen's nicht!"

Major Lazer

Major Lazer geben auf "Guns Don't Kill People ... Lazers Do" Stoff, als wären zwei besoffene DJs aus Philadelphia und London in Jamaika einmarschiert.
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Surf-Gitarren? Black-Flag-Samples? Mobiltelefonvibratoren? Babygebrüll auf Autotune? Hört sich nach Dancehall an! Bitte?! Major Lazer geben auf "Guns Don't Kill People ... Lazers Do" Stoff, als wären zwei besoffene DJs aus Philadelphia und London in Jamaika einmarschiert. Und unter uns - genau das ist passiert, nur nüchterner. Fand jedenfalls Martin Riemann heraus.

Mit dem Superhelden Major Lazer wollen Diplo und Switch dem Image der maroden jamaikanischen Dancehall-Szene eine Generalüberholung erteilen. Dafür gibt's eine Mischung aus dem Artwork alter Scientist-Alben und der Ästhetik des L.A.-Hardcores der 80er. Und natürlich Diplos schroffen Everything-goes-Sound, den er selbst gerne als futuristisch bezeichnet. Leider erscheint Diplo alleine zum Interview - Switch ist verhindert, wird aber durch eine Laserkanone zumindest symbolisch in den Raum geholt. Auf Diplos rechtem Unterarm sind, schön krude, die Umrisse seines Namensgebers Diplodocus eintätowiert. Er trägt ein Germs-Shirt und hat kurze ungekämmte Haare.

Das Major-Lazer-Album ist ziemlich aufregend. Vor allem, weil ihr es tatsächlich geschafft habt, ungewohnte Elemente einzubauen. Ist ja bei einem Genre wie Reggae, wo es vor fremden Einflüssen nur so wimmelt, nicht gerade einfach.
Das ist eine Fortführung meiner Arbeit für M.I.A. und Santogold. Ich habe mich gleichzeitig mit Dancehall beschäftigt, und das ergab dann diesen Crossover-Effekt. Es war immer schon mein Anspruch, Ungewohntes in meinen Sound zu injizieren, ob ich jetzt einen Dubstep-Beat in ein HipHop-Stück einbaue oder versuche, House für ein Reggaepublikum zu machen - ich bin immer zuerst DJ und liebe es, die Stile zu mischen. Gerade Dancehall war immer schon sehr anpassungsfähig. Vor drei Jahren gab es diese indischen Einflüsse, letztes Jahr war es mehr HipHop. Ich halte das Genre für komplett vernachlässigt. Die ganze Musikindustrie leidet, aber nirgendwo mehr als in Jamaika. Die meisten Künstler haben zwar noch ihr Einkommen, aber die Plattenindustrie ist so gut wie verschwunden, es gibt einfach keine Alben mehr. Deswegen haben wir uns die Figur des Major Lazer ausgedacht, also einen jamaikanischen Superhelden.

So, wie sich das anhört, ist es also gegen den Zeitgeist, jetzt ein Reggae-Album zu machen.
Es ist nicht cool.

Von dir hätten manche auch eher etwas in Richtung Baile Funk erwartet, oder?
Wir hatten erst auch einen Baile-Funk-Track auf dem Album, wir können sogar die ganze Platte auch noch als Baile-Funk-Version rausbringen, vielleicht machen wir das sogar noch. Aber wir wollten als Ausgangspunkt erst mal ein starkes Album haben, deswegen nur Reggae. Es kommen ja jetzt sowieso noch tonnenweise Remixe davon. Es wird dieses Jahr auch noch ein Diplo-Album geben, das sich eher in die Richtung von Sachen wie Modeselektor bewegen wird, more deep and more mad. Aber diesmal war die Figur des Major Lazer wichtiger, er verkörpert für uns eine neue Attitüde gegenüber der jamaikanischen Kultur.

Was für eine Attitüde soll das sein?
Wir wollen eine andere Perspektive bringen. Mit den ganzen neuen Künstlern und Stilen aus Jamaika und den neuen Möglichkeiten, diese ganzen Sachen zu vermischen. Unser Artwork ist sehr stark von den 80ern beeinflusst, sehr Dub, sehr Punkrock. Deshalb liebe ich Musik - man kann überall Beziehungen herstellen. Ich bin mit Punk, Heavy Metal, Reggae und HipHop aufgewachsen. Dieses Gefühl möchte ich zurückbringen. Ich möchte keine Alben mehr machen, die ein bisschen dies und ein bisschen das sind.








Wie wichtig ist denn die Figur des Major Lazer dafür? Es wird ja ziemlich schnell klar, dass Switch und du dahinterstecken.
Am Anfang haben wir versucht, es auf der Fantasieebene zu halten. Irgendwann kam aber raus, dass wir das sind, und jetzt konzentrieren wir uns darauf, so viel wie möglich aus der Idee zu machen - Actionfiguren, Comics usw. Das ist wichtig, die Platten selbst verkaufen sich ja kaum noch. Außerdem haben die Kids in Jamaika keinen eigenen Superhelden, nur das westliche Zeug.

Crossmarketing.
Ich sehe es vor allem so: Man braucht ein Image, das hängen bleibt. Zwei weiße Typen bringen das nicht. Außerdem können wir so immer neue Leute in das Projekt einbauen, und trotzdem bleibt es für alle Major Lazer.

Bezieht ihr euch auch textlich auf diesen Typen?
Meistens nicht. Am ehesten noch das aggressive "Lazer Theme" mit dem "Six Pack"-Sample und "Anything Goes", der Rest ... nein.

Wie habt ihr denn die ganzen jamaikanischen Künstler mit dem Projekt bekannt gemacht?
Unmöglich! Keiner kannte uns. Mittlerweile bekommen wir dort einige Beachtung. Jetzt versuchen viele, dabei zu sein. Am Anfang mussten wir jedem hinterherjagen. Manche findest du erst gar nicht, z. B. Movado. Manche kannten wir selbst vorher nicht, wie diesen Einstein von "What U Like". Er ist sehr jung und sehr Gangster.

Er preist seine sexuellen Fähigkeiten extrem detailreich an. War das seine Idee?
Man hat sehr wenig Einfluss. Es gibt nur eine Handvoll Themen, über die du in Jamaika singen kannst: Du kannst einen Weed-Tune machen, einen über Babylon Burning, einen über Sex mit einem Mädchen, einen übers Leute-Abknallen oder einen über Homophobie. Das war's. Das Letztere haben wir uns ausgebeten, bei den anderen vieren hatten alle die freie Wahl. Manchmal haben wir die Hooks vorgeschrieben, z. B. für T.O.K. Aber bei Einstein ist alles von ihm.



Die Frau, die ihm "antwortet", das ist doch Amanda Black, oder?
Bei der regulären Veröffentlichung nicht mehr. Wir mussten das meiste wieder von der Platte nehmen, weil ihre Lyrics zu versaut waren. Frauen dürfen so was in Jamaika nicht machen. Wir wollten außerdem nicht erschossen werden. Es gab ziemlichen Stress deswegen.

Weil eine Frau über Sex rappt?
Das gefiel einigen Leuten überhaupt nicht. Das Problem war, dass Amanda Einstein auffordert, sie oral zu befriedigen. Das war eine Beleidigung für ihn. You don't go down on a woman in Jamaica!

Aha, dort herrschen ja auch sonst sehr strikte Vorstellungen. Was haben die denn zu eurem Sound gesagt?
Das schien niemanden zu interessieren. Solange der Beat stimmte. Santogold liebt "Hold The Line". Wir arbeiten gerade an ihrem neuen Album, und sie steht absolut auf die Mischung aus Surfrock und Dancehall.

Du wirst in Zukunft also noch stärker in diese Richtung gehen.
Jetzt, wo ich es geschafft habe, dass man mir traut, geht das. Ich habe immer schon versucht, Sachen wie Rockabilly oder Psychedelic mit HipHop zu vermischen.

Siehst du dich als Teil dieser neuen, sehr cluborientierten HipHop-Szene?
Ich habe schon viel Clubmusic gemacht. Erfolg hatte ich aber immer nur mit HipHop. Der ist momentan aber nicht so populär in den Staaten, deswegen möchte ich nicht daran gebunden sein. House, Techno, Electro, das sind alles Stile, die man draufhaben muss, um am Ball zu bleiben.

Und Dancehall.
Für Dancehall gibt es auf der ganzen Welt eine Szene, auch wenn die nicht so groß ist. Für HipHop nicht mehr. Wir wollen natürlich, dass unser Projekt groß rauskommt und viele Künstler beeinflusst. Es gibt ja bereits Bands wie Modeselektor, die Dancehall in ihre Musik einfließen lassen. Wir wollen, dass das mehr wird.

Du beschreibst euren Sound gerne als futuristisch.
Es geht mir mehr um eine progressive Herangehensweise. Switch ist Ingenieur, mit ihm kann man gut herumexperimentieren. Wir versuchen, Autotune vollkommen anders einzusetzen, oder nehmen Beats auf, die eigentlich gar keinen Sinn ergeben. Wir haben auch viele Tricks vom Dub übernommen, wir ziehen das Stereo Delay sehr hoch und droppen den Bass usw. Man darf natürlich nicht zu weit gehen, das Ziel war ja schließlich ein echtes Dancehall-Album.

intro.de verlost 2x die "Guns Don't Kill People...Lazers Do" 12" EP als Picture-Disc. Eine E-Mail mit Betreff "Major Lazer" an verlosung@intro.de reicht, um an der Verlosung teilzunehmen. Schreibt Eure Adresse in die Mail, damit wir euch die 12" EP auch zuschicken können! Einsendeschluss ist der 15. Juli.