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Filigranes Gitarrengegniedel

Dinosaur Jr. live

J. Mascis und Kollegen lieferten in Berlin ein Konzert ab, bei dem nichts fehlte: weder Hits noch Haareschütteln.
Geschrieben am
30.06.07 - Berlin, Postbahnhof

Von den in der Musikbranche im Moment grassierenden Reunions alter Pop-Saurier muss man ja nicht besonders viel halten, sind sie doch zumeist eine plumpe Aufbesserung der Altersvorsorge. Gleiches muss man auch J. Mascis unterstellen, der ohne Scheu zugibt, dass sich Dinosaur Jr. ursprünglich eigentlich nur wieder zusammengerauft hatten, um die Überproduktion der alten Alben "Bug", "You're living all over me" und "Green Mind" per Nice Price rauszuhauen.

Umso schäbiger, dass Mascis bis heute kaum ein Wort mit Bassist Lou "Sebadoh" Barlow wechselt, den er 1989 aus der Band kickte. Im Interview vor dem Konzert wollte Mascis nicht einmal die Titel der beiden Songs aussprechen, die Barlow für das neue Album "Beyond" geschrieben hatte. Nummer 4 und Nummer 10. Alles klar. Und trotz der fehlenden Option, echte Gefühle für diese neue alte Band zu entwickeln, ist die Reunion von Dinosaur Jr. eine verdammt gute Sache. Mal ganz egoistisch gesehen. Denn seien wir mal ehrlich: Wen juckt es letztendlich bei einem Dinosaur Jr.-Konzert, dass sich Mascis und Barlow kaum eines Blickes würdigen, wenn man dafür eine ganze Keule unkaputtbarer Songs um die Ohren gehauen bekommt?

Los ging es mit "Almost Ready", bei dem man schon alle Markenzeichen der Livekünste der Band abhaken konnte. Das konzentrierte, aber irgendwie limitierte Schlagzeugspiel von Glatzenbär Murph, die Powerchords vom Fließband durch einen energetischen Lou Barlow und das stets filigrane Gitarrengegniedel von Großmeister Mascis, dass er in typischer Manier darbietet. Die Phasenstruktur seiner Bewegungsabläufe sieht folgendermaßen aus: Mascis verlagert mit geschlossenen Augen sein Gewicht auf das rechte vordere Standbein, senkt dann den Kopf gen Gitarre und wippt mit den Füßen vor und zurück, während er zudem leicht den Kopf hin und her schwingt, damit sein langes, gebügeltes Haar immer schön durch das Gesicht wischt. Je größer die Rotation und der Radius dieser Bewegungen, desto mehr Mühe gibt sich Mascis, woraus man schließen konnte, dass er in seinem Second Home Berlin einen guten Abend erwischt hatte.

Bemerkenswert ist auch, wie das Trio kurzen, ziellosen Jams ohne großes Einzählen in die Songs hineinrumpelt und daraufhin sowohl Mascis als auch Barlow mit ihren Singstimmen immer wieder am richtigen Ton vorbeisegeln. Die Schublade Grunge kann man da getrost vergessen. Der Orkan, der den Zuschauern im Postbahnhof um die Ohren saust wird einzig von den Verdunstungen des Post-Hardcores gespeist und wirft massig Hits aus: "Feel the pain" in der Mitte Sets, irgendwo dazwischen "Little Furry Things" und zum Ende des regulären Sets das obligatorische "Freak Scene". Und Mascis, übrigens obercool im Wipers-Shirt, bequemt sich bei nach einigen "Faster"/"Louder"-Rufen sogar zu zwei Zugabenblöcken, die mit "Mountain Man" vom Debut von 1983 infernal zu abgearbeitet werden, ehe Mascis wie Samson aus der Sesamstraße von der Bühne schlurft. Ich glaube, ich muss mir da mal die restlichen alten Alben besorgen - aber nur, wenn es sie zum Nice Price gibt.