×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Die blaue Stunde

Dillon

Mit ihrem Debütalbum »This Silence Kills« hat die in Berlin lebende Sängerin und Songwriterin Dillon bewiesen, dass berührende Songs ohne textlichen Kitsch und viel Schnickschnack möglich sind. Auch bei der Arbeit am Nachfolger »The Unknown« spielten die Texte eine zentrale Rolle, wie Hanno Stecher von der gebürtigen Brasilianerin erfahren hat. Aber auch ein spezieller Biorhythmus.
Geschrieben am

Montagmorgen, 04:30 Uhr. Berlin liegt im Tiefschlaf, nur Dillon wacht auf. Wie seit Monaten jeden Tag um diese Zeit. Die Farbe des Himmels gibt ihr den Rhythmus, die blaue Stunde schubst sie aus dem Bett. Dillon setzt sich in die Küche und wartet. Eine halbe Stunde. Eine Stunde. Zwei Stunden. Bis es plötzlich losgeht und sie zu schreiben beginnt. Wenn es gut geht, entsteht eines jener Gedichte, auf denen später die Songs ihres neuen Albums »The Unknown« basieren werden. Gedichte, die in den Wochen danach eine musikalische Basis bekommen werden.

Februar 2014. Dillon, geboren als Dominique Dillon de Byington, empfängt im Hauptquartier ihres Labels BPitch Control in Berlin-Mitte zum Gespräch. Um sie herum stehen Plattenkisten, über einem Kleiderständer hängen reihenweise Labelshirts und andere Klamotten. Sie erzählt in sorgfältig gewählten Worten von der mittelschweren Krise, die sie nach der Tour zu ihrem Debütalbum »This Silence Kills« heimgesucht habe. Dem schwarzen Loch, das sich auftat, als der Zyklus aus Veröffentlichen und Auftreten abgeschlossen und sie nach einem perfekt durchgeplanten Tourleben zurück in den Alltag entlassen worden war. »Ich habe mich nach der Tour gefühlt, als sei ich gerade von zu Hause ausgezogen«, berichtet sie. »Ich habe das unterschätzt, war total orientierungslos. Ich konnte nichts mehr schreiben. Gar nichts. Ich fragte mich: Werde ich je wieder ein Lied schreiben? Habe ich alles schon geschrieben? War es das jetzt?«

 

Nein, die Erzählung sollte so nicht enden, sie brauchte nur eine dramaturgische Pause. Im Mai 2013 begann Dillon dann mit dem frühmorgendlichen Schreibritual. Oder es begann mit ihr, wie man will. Ziel des Selbstexperiments, in vollkommener Stille Gedichte zu schreiben, war, ohne den direkten Einfluss der Außenwelt in sich hineinzuhorchen und das Erspürte festzuhalten. Und es funktionierte: Nach einem halben Jahr waren zwölf Gedichte fertig – jedes zu einem Thema, das die Sängerin beschäftigt, belastet oder glücklich macht.

 

Musikalisch knüpfte sie in der Umsetzung dieser Themen an Songs wie »Abrupt Clarity« und »This Silence Kills« vom Debütalbum an, die im Gegensatz zu den meisten anderen erst gen Ende der Produktion entstanden und so schon einen Ausblick auf Kommendes gaben. Jene anderen Songs des Debüts stammten noch aus dem Backkatalog der Künstlerin, aus jenen frühen Tagen also, wo sie mit ihrer Musik auf Kanälen wie MySpace oder YouTube erstmals Furore gemacht hatte. Die neuen Songs eint, dass sie fast ohne Instrumente wie Bläser oder Harfen auskommen. Stattdessen spielen elektronische Klänge und Flächen eine größere Rolle – Elemente, die Dillon zusammen mit ihrem Mitstreiter, dem Komponisten und Klangspezialisten Tamer Fahri, erarbeitet hat.

 

Was wirklich zählt

 

»The Unknown« wird getragen vom elektronischen Charakter der Stücke. Das Reduzierte, das Zurückgenommene ihrer Musik bleibt für Dillon weiterhin die Basis aller Arbeit: »Ich brauchte viel Platz für den Inhalt der Lieder. Sie sind dann so beladen, dass die Musik das nicht mehr groß unterstreichen muss. Das ist wie einen Witz zu machen und ihn dann zu erklären.« Neben Dillons engem Weggefährten Tamer Fahri waren an »The Unknown« noch zwei weitere Menschen beteiligt, zu denen Dillon langjährige Freundschaften pflegt: der Produzent und Musiker Thies Mynther und der Grafiker Siggi Eggertson, der auch für das Artwork zu »This Silence Kills« bereits verantwortlich zeichnete. Sie schätzt personelle Kontinuität als Basis für völliges Vertrauen, genauso möchte sie möglichst viele Bereiche ihrer Arbeit als Künstlerin selbst zusammenhalten und überblicken. »Beim ersten Album habe ich Panik bekommen, weil ich dachte: Was machen die anderen da nur? Ich wollte nicht mit einem Album herauskommen, das sich anders anhört, als ich es vorhatte. Man braucht viel Geduld und Vertrauen, um zusammenzukommen. Dafür ist es dann unbeschreiblich, wenn man an dem Punkt landet, wo alle sagen: ›That’s it.‹«

 

Dieser Wille, sich auf das Eigentliche zu konzentrieren und unnötigen Ballast außen vor zu lassen, offenbart sich auch bei Dillons Liveauftritten. Wie bei der 2012er-Tour hat sie auch für die jetzt anstehenden Konzerte beschlossen, ihre Songs ohne Band oder gar ein mehrköpfiges Orchester zu inszenieren. Stattdessen wird sie stehend vor einem E-Piano performen, unterstützt nur von Tamer Fahri. Damit will sie vor allem auch dem Klischee vom zerbrechlichen Klaviermädchen aus dem Weg gehen, wie es von Musikjournalisten wie Fans gleichermaßen bemüht wird: »Frau, Piano, traurig, romantisch – no, thank you. Ich hatte jahrelang mit diesem Klischee zu kämpfen. Deswegen war für mich klar, dass es eine rein elektronische Performance werden würde, weil es einfach abstrakter ist und einen guten Kontrast zu meinem weiblichen Aussehen bildet. Ich möchte, dass man auf meine Stimme hört, ich möchte, dass man auf die Worte hört, dass man den Bass spürt.«

 

Auch damit bleibt sie ihrem Anspruch treu, sich nichts zu unterwerfen, das den Blick auf den Kern ihrer Arbeit verstellen könnte. Das ist beeindruckend in einer Zeit, in der der Erfolg von MusikerInnen nicht selten davon abhängt, über wie viele ästhetische Kanäle sie mit ihrem Publikum kommunizieren. Doch Dillon braucht nur ihre Stimme, die Worte und die Musik.

 

Dillon »The Unknown« (BPitch Control / Rough Trade / VÖ 28.03.14)