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Mehr als nur Poser

DIIV im Interview

Gar nicht so unerfolgreich versuchte die Dream-Pop-Combo DIIV, das nächste dicke Ding zu werden. Vermutlich hätte es auch geklappt, wäre da nicht das böse Heroin gewesen. Mit ihrem zweiten Longplayer, dem Doppelalbum »Is The Is Are«, wollen die Wahl-New-Yorker es nun allen noch mal zeigen. Unsere Autorin Mihaela Gladovic traf Frontmann Zachary Cole Smith und Gitarrist Colin Caulfield in Berlin.
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Zachary Cole Smith ist einer dieser Menschen, denen man seine gebrochene Seele förmlich ansehen kann. Ein junger Musiker, dessen große Vorbilder Kurt Cobain, Elliott Smith oder Jay Reatard sind – Musiker, die in einer Welt wie der unseren keinen Platz fanden, die gelitten und sich zu viele Drogen reingeknallt haben und genau deshalb viel zu früh dran glauben mussten. Cole – so wird Zachary Cole Smith seit jeher genannt – hat ähnliche Erfahrungen gemacht: ein Leben voller Sehnsüchte, zielloser Streifzüge am Rande des Absturzes, inklusive Verhaftungen wegen Drogenbesitzes und Heroinabhängigkeit. Das alles hört man am Delay-verliebten Sound von DIIV, in dem Coles Stimme, vom Echo verklärt, zwischen rauschig melancholischen Riffs herumwabert (und der in einem Pressetext zum Debütalbum »Oshin« passenderweise als »one part THC and two parts MDMA« beschrieben wurde). Und man merkt es, wenn man Cole gegenübersitzt. Noch dazu trägt er die gleichen platinblond gefärbten Haare mit dunklem Ansatz wie einst Kurt Cobain. 

Es dauert einen Moment, bis er und Colin Caulfield, beide geistesabwesend in einer Ecke des Interviewzimmers auf je einer Klampfe zupfend, mich wahrnehmen (wollen) und sich in ihren abgewetzten Schlabberhosen zu mir setzen. Auch während des Interviews scheint es Cole schwerzufallen, sich zu fokussieren. Sein Blick schweift umher, jeden Satz beginnt er drei Mal, seine Finger spielen nervös mit einem Fünfzig-Cent-Stück und einem Plektrum herum. Dennoch spricht er gern über DIIV. Die Band, die – auch wenn es platt klingt – wahrscheinlich sein Leben retten wird. »Ich habe die Band gegründet, weil ich endlich meine eigenen Songs schreiben und vor allem spielen wollte«, erzählt er mit einem kleinen Seitenhieb auf die Surf-Rock-Band Beach Fossils, bei der er kurz vor der Gründung von DIIV (damals noch Dive) ausstieg. Sie bot ihm nicht genügend Freiraum, sich kreativ auszuleben und künstlerischen Einfluss zu nehmen. »Für DIIV habe ich alle Songs geschrieben, und wir haben nie aufgehört zu touren. Bevor wir unsere erste Platte rausbrachten, haben wir eineinhalb Jahre lang an fünf bis sechs Tagen die Woche irgendwo gespielt. Dieser Live-Moment ist einer der wichtigsten Bestandteile des Sounds und der Band.« 
Entwickelt hat sich DIIVs dichte Klangwelt zunächst in Coles heimischem Schlafzimmer als vages Experiment mit ein paar effektlastigen Gitarrenriffs und einem Drumcomputer. Erst nach weit über 100 Live-Shows in wahrscheinlich sämtlichen New Yorker Underground-Off-Locations veröffentlichten die damals vier Jungs 2012 »Oshin«. Das Dream-Pop-Debüt wurde einerseits frenetisch gefeiert, von anderen wiederum als lächerlicher Versuch verdrogter New Yorker Poser abgetan, das neue große Shoegaze-Ding zu werden.  Möglicherweise entsprang dieses harte Urteil aber auch der Frustration sitzen gelassener Musikjournalisten, Opfer der Pseudo-Kurt-Cobain-Attitüde von Cole, der so manches Mal wahrscheinlich viel zu high herumjunkte, statt zum Interview zu erscheinen.

Auf der Platte geht es hauptsächlich um mich und meine Lebenserfahrungen.

Damit wurden DIIV schließlich auch Opfer der Schlagzeilen: Schnell ging es in denen mehr um Coles Heroinabhängigkeit, seine Verhaftung wegen Fahrens eines unangemeldeten Wagens und wegen Drogenbesitzes oder um die sexistischen, anti-semitischen und homophoben Kommentare des Bassisten Devin Ruben Perez als um Musik. Mit dem zweiten Longplayer, dem Doppelalbum »Is The Is Are«, will Cole nun endlich die Zeiten des Struggle hinter sich lassen, mit Vorurteilen aufräumen und mit seiner eigenen Biografie Frieden schließen: »Auf der Platte geht es hauptsächlich um mich und meine Lebenserfahrungen. ›Is The Is Are‹ ist sehr persönlich und transparent. Ich mache mich nackt und sehr verletzlich.« Wo »Oshin« in seiner atmosphärischen Gestaltung noch sehr mysteriös rüberkommt und sich die diffusen, verzerrten Lyrics undurchsichtig unter Gitarre, Bass und Drums mischen, sollen die Texte und Themen von »Is The Is Are« ganz klar Gehör finden: »Bei ›Oshin‹ hatte ich nicht wirklich etwas, worüber ich schreiben konnte. Ich meine damit die existenziellen Dinge, von denen ich das Gefühl habe, dass Leute das wirklich hören sollten. Jetzt habe ich etwas zu erzählen.«

Natürlich geht es in Tracks wie »Dopamine« um Coles Drogenabhängigkeit oder die der Menschen um ihn herum; in »Dust« spricht er von seiner Verhaftung. »Auf ›Is The Is Are‹ geht es aber auch darum, empfindsam und fehlerhaft sein zu dürfen. Und um den Versuch, sich in einer Gesellschaft zu erholen, von der man glaubt, keinen Platz in ihr zu haben. Es ist schwer, damit umzugehen«, erklärt Cole im Laufe unseres Gesprächs immer offener. »Die vorherige Platte war wie ein dunkler und ominöser Ozean. Die jetzige ist wie eine Beichte, bei der ich ganz offen über meine innersten Geheimnisse spreche, die dank der Presse sowieso jeder kennt.«

Bei allem, was die Band betrifft, habe ich ganz klare Visionen.
 
Mehrmals betont Cole dabei, dass DIIV zu 100 Prozent sein Baby sei und er so ziemlich jede Entscheidung selbst treffe: »Ich bin ein wahnsinniger Kontrollfreak. Bei allem, was die Band betrifft, habe ich ganz klare Visionen. Ich werde frustriert und angespannt, wenn ich nicht alles selbst mache. Tue ich das nicht und finde dann irgendwo einen kleinen Fehler, werde ich das niemals vergessen.« Bei jedem kleinen Detail ist Cole Leitfigur und kreativer Kopf der Band – egal, ob es um die Songs, das Artwork und oder die Musikvideos geht. Damit sorgt er für die Kohärenz im Gesamtkonzept hinter DIIV. Etwas, das seiner Meinung nach den meisten Bands fehlt, die all diese Dinge outsourcen. Es kann natürlich eine große Last sein, wenn DIIV stets als Synonym für Zachary Cole Smith wahrgenommen werden, vor allem von ihm selbst. »Mit diesem Doppelalbum wollte ich nach all der langen Zeit beweisen, dass DIIV mehr sind als nur Poser. Es soll ein Kunstwerk sein, dem die Leute ihre Aufmerksamkeit widmen. Es hat schon physisch eine ganz andere Dimension, wenn ein Album aus zwei Vinylscheiben besteht, man also vier Mal eine Platte neu auflegen muss. Ich wollte, dass dieses Album einen ernsthaften Beitrag zur Musikwelt leistet, und beweisen, dass wir eine Daseinsberechtigung haben. Wenn dieses Album scheitert, werde ich nie mehr ein Musiker sein können.«


DIIV

Is the Is Are

Release: 05.02.2016

℗ 2016 Captured Tracks

DIIV »Is The Is Are« (Captured Tracks / Cargo / VÖ 05.02.16)