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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Jence, Isi, Siegfried und Roy

Digitalism im Gespräch

Ganze fünf Jahre hat es gedauert, nun kommen Digitalism endlich wieder mit einem neuen Longplayer um die Ecke. In gewohnter Crossover-Manier offeriert »Mirage« einen Mix aus vielen Welten: von unterschwelligem Digital-Pogo bis zu ätherischem Electro-Pop. Lena Ackermann hat mit Jence und Isi über Paralleluniversen, ihren rappenden Busfahrer und den Golden Pudel gesprochen.
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Jens Moelle (Jence) und Ismail Tüfekçi (Isi) sind ausgeschlafen und fit, obwohl sie gestern im Boiler Room ihr neues Set aufgelegt haben. »Es war gar nicht so spät. Wir haben schon um neun gespielt«, beschwichtigt Jence. Alles im grünen Bereich also. Entsprechend gut gelaunt sitzen die beiden Herren von Digitalism in einem Berliner Büroraum mit geweißtem Zahnarztpraxen-Charme. Fünf Jahre haben sie sich mit neuen Tracks Zeit gelassen. Dafür kommt ihr aktuelles und drittes Album »Mirage« fast pünktlich zum zehnjährigen Bandjubiläum. Aufgenommen haben sie die Songs, so witzelt Jence, aus reiner Berechnung. »Wir hatten das Gefühl, vielleicht nicht mehr ganz die Berechtigung zu haben, schon wieder auf Tour zu gehen, ohne eine neue Platte.«

Untätig waren beide in den letzten fünf Jahren trotzdem nicht. »Wir waren in der letzten Zeit zwischen Touring und Einzel-Releases vielleicht ein bisschen verloren. Als wir endlich mal mit dem Longplayer angefangen hatten, ging es mit der Produktion eigentlich recht schnell.« Der digitalistische Kosmos spielt sich zwischen Hamburg, London und diversen Touren über den gesamten Kontinent ab. Sein Kern liegt in einem dunklen Hamburger Bunker, in dem, bei ausgeschaltetem Licht, die Bausätze für Loops, Sounds und Beats entwickelt werden. Bei Digitalism regiert die Harmonie, Streit über Produktionen gibt es nicht. Vielleicht, weil Sounds und Ideen, die für den Moment nicht passen, nicht weggeworfen, sondern nur abgelegt werden. Für eine spätere Verwertung.
Das neueste Werk heißt »Mirage«, ein Titel, der an Las Vegas, Siegfried und Roy und weiße Tiger denken lässt. Eine Prise Illusion schwingt tatsächlich in den Songs mit. Schließlich soll »Mirage« in ein Paralleluniversum entführen, in ein Puzzle aus Sein und Schein. »Es gab keinen Plan«, schaltet sich Jence ein. »Wir wollten selbst wissen, was wir eigentlich für Musik machen würden, wenn es wieder so weit ist. Wo nichts ist, ist die Kreativität am ergiebigsten.« Herausgekommen aus diesem Nichts ist ein ziemlich euphorischer Crossover-Mix, gespickt mit einigen radiotauglichen Electropopsongs wie »Battlecrye«. Oder dem in versteckt-ausgeleierter Tape-Tradition beginnenden und mit dröhnend-punkigen Beats endenden »Destination Breakdown«. 

Natürlich fehlen auch klassische Clubkracher wie »Dynamo« nicht. Elektronische Punkanleihen und Indie brechen zwar immer wieder durch, den wilderen Style ihrer Anfangsjahre kombinieren Digitalism im neuen Universum aber auch mit soften Parts – so zum Beispiel in den Herzstücken des Albums, »Mirage Part 1« und »Mirage Part 2«. Neben melancholischen Tönen kommt bei »Indigo Skyes« sogar schwelgerisches Powerballaden-Gefühl auf.  Der Pogo von 2007, als die beiden mit »Idealism« in die Clubs einschlugen, findet sich jetzt eher unterschwellig, erklärt Isi: »Einige sagen, ›Mirage‹ sei poppiger als unsere anderen Sachen. Ich empfinde das nicht als etwas Negatives. Aber wenn man genau hinhört, bemerkt man auch das Kratzige.« »Mirage« klingt weniger nach der Enge Hamburgs oder Londons, sondern vermittelt amerikanische Weiten. Das Cover der Platte könnte auch eine Lichtspiegelung in der Wüste sein. Quasi die geerdete Version von Pink Floyds »Dark Side Of The Moon« – in Nevada, kurz hinter Siegfried und Roys weißen Tigern. 
Diverse Kollaborationen sind auf der Platte untergebracht, unter anderem mit der US-Band Youngblood Hawk, mit denen Digitalism zuletzt erfolgreich das Stück »Wolves« aufgenommen hatten. »›Destination Breakdown‹ ist allerdings unser Song. Im Gegensatz zu ›Wolves‹ haben dieses Mal wir die ganze Arbeit gemacht«, grinst Jence. Auf »Ism« glänzt Tony Wilson, alias Tennessee Tony, seines Zeichens rappender Busfahrer. »Während unserer Live-Tour in den Staaten erzählte unser Busfahrer ständig, wie gut er rappen könne. Am letzten Tag, kurz vor einem Radioauftritt, gab ich Tony zwei Minuten«, erinnert sich Isi. »Und tatsächlich, er hatte einen Versuch, und alles hat hingehauen. Der Rap ist irgendwann allerdings in Vergessenheit geraten. Als ich im Studio durch die Demos gegangen bin, habe ich ihn wiederentdeckt.« Und was sagt Tony dazu? »Der ist völlig aus dem Häuschen. Der Witz ist, dass seine Tochter professionell singt, aber plötzlich er derjenige ist, der einen Song auf einer Platte vorweisen kann.« Und dann gibt es da noch Anthony Rossomando, ehemals Mitglied der Dirty Pretty Things: »Mit ihm haben wir ›Battlecry‹ geschrieben. Das klingt für mich nach staubiger Wüste, nach Zigarette an und ab dafür«, erklärt Jence.

Dann muss er kurz unterbrechen, weil er sich aufgrund seines Noch-Wohnsitzes London mit einem Paketdienst auseinandersetzen muss: »Ich schicke meine Sachen gerade wieder nach Hamburg.« Eine Rückkehr mit Wehmut, denn seit dem Brand am 14. Februar fehlt hier eine wichtige Institution: der Golden Pudel Club. »Es ist sehr traurig, denn uns verbindet einiges mit diesem Laden. Wir haben dort live gespielt und das Artwork für ›Pogo‹ gemacht«, sagt Isi. »Ich hoffe, dass sich einige Leute beruhigen und man das Ding wieder so hinbaut, wie es war. Nichts ist wichtiger, als Kultur und Tradition zu bewahren. Der Laden war ein kultureller Anlaufpunkt für viele.« Ein adäquater Ersatz ist für beide schwer vorstellbar. »Der Pudel ist mit St. Pauli, dem Hafen und dem Fischmarkt verbunden. Man kann nicht einfach einen neuen Laden auf der Reeperbahn aufmachen und sagen, da ist jetzt wieder der Pudel drin«, erklärt Jence. 

Digitalism

Mirage

Release: 13.05.2016

℗ 2016 Jens Moelle & Ismail Tuefekci Gbr / Digitalism under exclusive license to [PIAS]

– Digitalism »Mirage« (Magnetism / Coop / PIAS / Rough Trade / VÖ 13.05.16) Auf Tour vom 06.05. bis 26.08., auf dem Melt! am 17.07.