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(* 01.08.1930, † 23.01.2002)

Die zwei Leben des Pierre Bourdieu

"Neben mir am Tisch liegt Bourdieus 'Elend der Welt', ein Prügel so elend wie Bourdieu selber - noch nie habe ich einen geistig so UNFREIEN Geist sich ausbreiten sehen wie Bourdieu in seiner Vorlesung, 1988, am Collège de France. Trotzdem ist sein Ding wichtig, das weiß ich, ich kann es intellektuel
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"Neben mir am Tisch liegt Bourdieus 'Elend der Welt', ein Prügel so elend wie Bourdieu selber - noch nie habe ich einen geistig so UNFREIEN Geist sich ausbreiten sehen wie Bourdieu in seiner Vorlesung, 1988, am Collège de France. Trotzdem ist sein Ding wichtig, das weiß ich, ich kann es intellektuell einsehen, aber nicht wirklich passioniert denken (...)"
(Rainald Goetz in "Abfall für alle")

"Ich verliere einen Zeugen und einen unersetzlichen Freund."
(Jacques Derrida in Le Monde vom 24.01.02)

Pierre Bourdieu gab es in Wirklichkeit zweimal. Nicht alle Menschen konnten das sehen, aber von dem sozialen Plateau der sowohl theoretisch als auch politisch ambitionierten Poplinken aus stand die Sicht auf dieses doppelte Stattfinden günstig. Zum einen trat Bourdieu als Soziologe in Erscheinung. Die Gesellschaft konzipierte er als ein Patchwork relativ autonomer Handlungsräume mit jeweils eigener Sprache, eigenen Problemdefinitionen und spezifischen Interessenlagen. Politik, Kunst, Bildung und Wirtschaft sind nach dieser Auffassung eigensinnige und eigenlogische Felder, von denen keines alleine in der Lage ist, die moderne Gesellschaft als ganze zu repräsentieren oder zu steuern. Die Arbeit des Soziologen bestand darin, Fremdbeschreibungen der verschiedenen Felder anzufertigen, und er tat das vom Feld der Wissenschaft aus. Bourdieu und seine Theorie haben somit selbst einen Platz in der Theorie erhalten. Beide begeben sich nicht auf die Position Gottes, sondern sind Teil der Gesellschaft. Wenn die Theorie in sich selbst vorkommt, spricht man in der Wissenschaft von "Autologie", und diese kann durchaus als Kriterium anspruchsvoller Theoriebildung angesehen werden.

Repressionsinstrumente

Von der Gesellschaft als azentrischem, polykontextualem Gebilde wusste jedoch ein anderer toter Soziologe viel eleganter zu berichten. Luhmann. Bourdieus Brillanz beruhte eher auf der konsequenten Umsetzung eines Einfalls, für den man dem in der ländlichen Provinz aufgewachsenen Wissenschaftler schon ein gewisses Maß an habitueller Bauernschläue bescheinigen kann. Seine folgenreiche Idee bestand darin, die einzelnen gesellschaftlichen Felder in Begriffen einer symbolischen Ökonomie zu befragen. Das traditionelle Kapital im marxistischen Sinn war plötzlich nur eines unter mehreren. Daneben analysierte Bourdieu kulturelle Kapitalformen (etwa: Weiß ich mich im Theater angemessen zu verhalten? Besitze ich Bildungstitel?) und soziale Kapitalformen (vor allem: Auf welche Beziehungsnetzwerke kann ich zurückgreifen?). Durch den Hinweis auf kulturelles und soziales Kapital gerinnt das scheinbar Unpolitische zum Ausdruck der Klassenlage. Um alle drei Kapitalformen herrscht nämlich in den Feldern ein unbarmherziger Verteilungskampf, dessen Raffinesse in einer Machtausübung ohne direkt sichtbare Gewaltanwendung besteht: Bachs Kunst der Fuge verwandelt sich gewissermaßen in ein wesentlich diffizileres, aber ebenso wirksames Repressionsinstrument wie Wasserwerfer und Tränengas.

Mit dieser entökonomisierenden Ökonomisierung löst Bourdieu nun zwei grundlegende Probleme. Erstens umgeht er das reduktionistische linke Basis/Überbau-Modell, demzufolge die Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse den ideologischen Rest der Gesellschaft bestimmen. Kulturelle Phänomene, aber auch der Staat wären nach diesem Schema nur abgeleitete Erscheinungen. Und zweitens kann Bourdieu gleichzeitig das marxistisch-humanistische Projekt der Kritik fortsetzen. Schließlich fordert jede Ökonomie den ihr adäquaten Antikapitalismus.

Distinktionsgewinn

Beides macht Bourdieu vor allem seit den 90ern sehr attraktiv für den Popdiskurs. Anhand seiner Terminologie tritt hervor, wie durch das Setzen feiner Unterschiede Distinktionsgewinne erwirtschaftet werden können. Dass dabei neben der Kritik der bürgerlichen Akkumulationsmodi heute vor allem gefragt werden muss, welche Dynamik die immense Wertsteigerung des subkulturellen Kapitals auslöst, ist offensichtlich. Bourdieu selbst hat die Veränderungen der letzten Jahrzehnte in dieser Richtung intellektuell nicht begleitet. Für ihn war das Feld der Kultur zwar etwas unübersichtlich, aber dennoch klar vermessen. In seinen Texten gibt es eine legitime Kultur, die einen Hoheitsanspruch vertritt, und eher populäre, illegitime Geschmacksvarianten, deren Minderwertigkeit von den Kennern eines relativ homogenen bürgerlichen Kanons naserümpfend zur Kenntnis genommen wird.

Viel Raum für das Verständnis von Doppeldeutigkeiten, Ungleichzeitigkeiten, Umdeutungen von Zeichen oder das Entstehen neuer Semantiken scheint da nicht zu bleiben. Warum aber interessieren sich in letzter Zeit das Goethe-Institut für Kölner Minimaltechno und Armani für das Sounddesign von Oval? Und was hat es gesellschaftlich zu bedeuten, dass die Intro-Leserin nach Abschluss ihres kulturwissenschaftlichen Studiums gerade aufgrund ihres subkulturellen Kapitals gute Chancen im immateriellen Kapitalismus besitzt, während der über die Aufklärung promovierte Germanist in vielerlei Hinsicht einen Ladenhüter produziert hat? Offenbar wird das subkulturelle Kapital in den großen Zirkulationsprozessen verstärkt nachgefragt, was zu grundlegenden Transformationen im sozialen Raum führt. Bleibt noch die Frage, zu welchen Bedingungen das geschieht.

Habitus

Andererseits hat die Bourdieu-Rezeption stellenweise zu einer nahezu verschwörungstheoretischen Totalisierung des Denkens geführt. Zu der Unterstellung nämlich, "jeder Schritt, jedes Manöver, jedes Argument, sein Parfüm und die Frisur meines Gegenübers seien nichts als Mittel zum Zweck der Vorteilsbeschaffung" (Diedrich Diederichsen). Jede Handlung zielt nach diesem Verständnis ausschließlich auf eine verbesserte Position in einer vertikalen Hierarchie, andere Erklärungsmuster geraten aus dem Blick. Nicht übersehen werden sollte dabei, dass Bourdieu in seiner Theorie die Handlungsmacht des Subjekts durchaus realistisch einschätzt. An diesen neuralgischen Punkt der abendländischen Philosophie tritt das berühmte Habitus-Konzept: Im Habitus verklammert Bourdieu die soziokulturelle Bedingtheit jeder Praxis und die kreativen Launen des einzelnen. Der Habitus ist die buchstäbliche Verkörperung des persönlichen Status', er umfasst unsere nur scheinbar intimsten Fähigkeiten, Gewohnheiten und Überzeugungen, die zu einer zweiten Natur geworden sind. Denn die Anmaßung und Stärke des Habitusbegriffs besteht darin, dass er behauptet, Dinge wie Musikgeschmack oder Kleidungspräferenzen seien keineswegs etwas absolut Spontanes, sondern der Effekt einer Rückbindung an bestimmbare soziale Regionen, die uns in Fleisch und Blut übergegangen sind. Der einzelne verfügt demnach nicht intentional über seine Geschmacksdispositionen. Die Menschen folgen statt dessen auch hier, gewissermaßen ganz weit hinten am Gaumen, Regeln und transformieren diese in ihrer praktischen Anwendung. Durch das Konzept des Habitus vermittelt der Soziologe zwischen dem absolut freien Subjekt des Existentialismus und dem in seinen Möglichkeiten determinierten Subjekt des Strukturalismus.

Unterschiede

Bourdieu hatte dieses elaborierte theoretische Werkzeug bereits 1979 in seinem Klassiker "Die feinen Unterschiede" vollständig ausgearbeitet. 1981 bekam er einen eigenen Lehrstuhl am Collège de France, den ein Franzose nicht mal gegen eine Harvard-Professur eintauschen würde. Gleichzeitig fällt im skizzenhaften Durchgang seiner Theoriearchitektur auf, wie spröde Bourdieus Denken sich darbietet. Sicher, es ist sehr schlau. Eine effektive intellektuelle Meisterleistung, ohne jeden Zweifel. Dennoch besaß es nie die poetische Kraft, die etwa die Bücher Michel Foucaults auszeichnet, der bis zu seinem Tod im Jahr 1984 ebenfalls am Collège de France lehrte. Und völlig fremd ist Bourdieu die wilde Kreativität von Autoren wie Gilles Deleuze und Felix Guattari. Mit anderen Worten: Sein Denken wirkt, tja, irgendwie deutsch. Es ist so diszipliniert und sauber ausgearbeitet, dass es ohne weiteres empirische Studien anleiten kann. Vielleicht empfindet es Rainald Goetz deshalb als "unfrei", ganz unrecht hat er damit nicht.

Bourdieu verstand sich nicht umsonst gut mit klassischen Aufklärern wie Günter Grass, während er etwa Jacques Derrida wegen seiner akademischen Auseinandersetzung mit Martin Heidegger scharf angriff. Derrida bestätigte in seinem kurzen Nachruf für die Zeitung Le Monde diese Differenzen aus seiner Sicht mit einer wunderbaren doppeldeutigen Umschreibung, die in der Schwebe hält, ob Bourdieus Arbeiten ihren Wert oder ihren Preis haben. Beides dürfte nämlich zugleich der Fall sein. Wer aber besetzt die Position des Zeugen, den Derrida so sehr vermisst? Der Soziologe? Wohl nicht. Der Zeuge ist ein anderer.

Militanter Intellektualismus

Als Schnittstelle des Soziologen, von dem bis jetzt die Rede war, und Derridas Zeugen fungiert ein weiteres Buch. In "Das Elend der Welt" von 1993 präsentierte Bourdieu eine Kartografie des Leidens der gegenwärtigen Gesellschaften, indem er den Stimmen an den Rändern in ausführlichen Interviews eine Artikulationsmöglichkeit bot. Ab dieser Zeit reklamierte Bourdieu immer öfter für sich die Position des militanten Intellektuellen. Er praktizierte ein lautes Denken, das auf die Kosten hinwies, die der Neoliberalismus als marktförmige Durchdringung aller Lebensbereiche zugleich produziert und verschweigt: die Kriminalität, den verzweifelten Alkoholismus der sogenannten unvermittelbaren Arbeitslosen, die Depressionen der Vereinsamten, die ökologischen Schäden oder die stressbedingten Krankheiten der prekär Beschäftigten. Bourdieu demonstriert mit den Streikenden, fordert europaweite soziale Standards und drängt darauf, die nationale Gebundenheit der neuen sozialen Bewegungen zu überwinden. In einer spektakulären Auseinandersetzung wendet er sich gegen den damaligen Bundesbankchef Tietmeyer und personalisiert damit das nur scheinbar subjektlose Regime des Neoliberalismus. Um das politische Prinzip der Volkssouveränität gegen das Primat der Ökonomie zurückzugewinnen, fordert Bourdieu gemeinsam mit der globalisierungskritischen Initiative Attac eine Besteuerung des internationalen Devisenhandels, zugleich setzt er sich in der "sans papier"-Bewegung für die Rechte derer ein, deren Status vor dem Gesetz immer nur in negativen Kategorien bestimmt wird. Bourdieu erhob die Stimme, sprach kompetent dagegen. Füllte das Schweigen. Zeigte Präsenz. Er begriff sich als öffentlichen Schreiber, der seine Fähigkeiten in den Dienst der anderen stellte. Der Theorie des Soziologen Bourdieu allerdings entsprach diese Praxis nur bedingt: Der Neoliberalismus wurde im Kontext der politischen Intervention als rein ökonomisches Gebilde angesprochen, im Sinne einer Basis, von der sich jeglicher Überbau herleitet.

Außerdem erschien die Gesellschaft im Interesse der Praxis plötzlich doch steuerbar. Denn letztlich tat Bourdieu etwas, das der Logik der Felder zuwiderläuft. Er wollte nämlich mit den Mitteln der Politik die Gesellschaft als Gesellschaft adressierbar machen. Man könnte dazu sagen: Theorie ist nicht Praxis. Beides fordert sein Recht. Pierre Bourdieu jedenfalls war nicht nur ein berühmter Soziologe; es gab auch einen militanten Intellektuellen mit dem gleichen Namen. Beide sind nun gestorben: Der theoretisch ambitionierte Soziologe konnte sein großes Werk vollenden, die Arbeit des praktischen Kritikers muss fortgesetzt werden.

Anspieltipps:
Pierre Bourdieu - "Die verborgenen Mechanismen der Macht" (Gespräche) Pierre Bourdieu - "Sozialer Raum und 'Klassen'" / "Leçon sur la Leçon" (Zwei Vorlesungen)