×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Die Überflüssigen

Uncool Britannia

Im »Battle Of The Bands« standen sich Blur und Oasis unversöhnlich gegenüber. Als es darum ging, für Tony Blair Partei zu ergreifen, kämpften sie Seite an Seite. Christian Werthschulte über die Allianz von Pop und Politik.
Geschrieben am

Am 14. August 1995 beherrschte Britpop die Funkwellen. Um kurz vor sieben Uhr annoncierte Mark Goodier in der Charts-Show von Radio 1 den Gewinner des »Battle Of The Bands«: Blurs »Country House« hatte Oasis' »Roll With It« im Kampf um die Spitze geschlagen. Beide Bands hatten die Veröffentlichung ihrer Singles auf den gleichen Tag gelegt. Damit war der Showdown perfekt inszeniert: London vs. Manchester, Kunsthochschule gegen Arbeitsamt, Music-Hall-Tradition vs. ehrliche Rockmusik. Damon Albarn von Blur verglich bei einem Radioauftritt Oasis mit den Stumpfrockern Status Quo, Oasis-Kopf Noel Gallagher wünschte ihm als Retourkutsche den Aids-Tod. Britische Höflichkeit? – Sod off! Aber die Briten störte das nicht. Dank Oasis, Blur, Pulp und Suede war man nach Jahren US-amerikanischer Indie-Hegemonie endlich wieder wer.

Die Vanity Fair nahm 1997 ein Bild von Oasis-Sänger Liam Gallagher, der sich auf dem Union Jack räkelte, aufs Cover und überschrieb es mit »Cool Britannia«. Im dazugehörigen Artikel wandelt der Autor durch das London der mittleren 1990er-Jahre und entdeckt überall Spuren des Swinging London der mittleren 60er: Auf Oberflächen-Ästhetik konzentrierte Künstler dekorieren den Alltag in teuren Restaurants, Modedesigner kleiden drei Jahrzehnte nach dem Minirock wieder die Welt ein.

Und selbst in der Politik schien nach 18 Jahren konservativer Regierungszeit ein Revival der Aufbruchstimmung der Wilson-Ära an der Tagesordnung. Verantwortlich dafür war Tony Blair, Kandidat der Sozialdemokraten, die sich als New Labour für junge Mittelschichtswähler geöffnet hatten. »Etwas hat sich verändert. Großbritannien exportiert wieder Rockmusik, jetzt brauchen wir nur noch eine neue Regierung«, hatte sein Imageberater Alastair Campbell 1996 verkündet. Blair ließ sich mit Gitarre und NME in der Hand ablichten, und er suchte die Nähe sowohl von Blur als auch Oasis. Noel Gallagher nannte ihn einen »der sieben Menschen, die sich in diesem Land für junge Menschen interessieren«. Nach Blairs Wahlsieg durfte er in 10 Downing Street Champagner schlürfen. Und auch die Creative Industries wurden von Blair umarmt.

Trotzdem – »Cool Britannia« war ein brüchiger Mythos. Während Popmusiker in den 1980ern noch futuristische Gegenentwürfe zu Thatchers Nostalgie nach Empire und Englands grünen Hügeln erdachten, hatte sich das UK mit Britpop endgültig dem »Vergangenheitsmodus« (Mark Fisher), dem endlosen Recycling von Geschichte als Gegenwart, ergeben. Als etablierte Stereotypen von Mittel- und Arbeiterklasse waren weder Blur noch Oasis in der Lage, die Gegenwart eines Landes zu besingen, an dessen Rändern alte Klassenidentitäten zu neuen Ausschlüssen führten. Die dritte Generation von Einwanderern sampelte dagegen afro-karibische Popmusik, eine Band wie Cornershop parodierte klassische Musikerrollen, die Britpop einfach fortgeschrieben hatte.

Das Fünftel der Briten, das auch nach Blairs Wahlsieg nicht ohne staatliche Unterstützung überleben konnte, trat als Protagonisten der Unterschicht, sogenannte Chavs, jedoch erst zu Beginn der Nullerjahre in Erscheinung. Und wurde dann von Polizei und Politik und konservativen Medien auf eine Weise kontrolliert und diskreditiert, die die Arbeiterklasse der 1960er nur aus den Erzählungen der Großeltern kannte. Sie wurden als »Überflüssige« gebrandmarkt.