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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

»Immer noch nicht scheiße«

Die Sterne treffen Schnipo Schranke

Die Versuchsanordnung für diesen Text ist die Zahl 25: Eine Band im 25. Jahr ihres Bestehens trifft eine, die mit Mitte 20 einen wichtigen ersten Karriereschritt ging. Zwischen Mauerfall und Eurodance gründeten sich vor 25 Jahren Intro und Die Sterne, während Schnipo Schranke mit 25 Jahren auf den Mainstream pissten. Wie man ein Vierteljahrhundert dazu nutzt, erwachsen zu werden, den eigenen Fame zu befeuern und nicht auf Nummer sicher zu gehen, erzählen Daniela Reis, Fritzi Ernst und Frank Spilker Intro-Autorin Verena Reygers.
Geschrieben am
Ein paar baufällige Räume in einem Nebengebäude auf einem Gewerbehof in Hamburg-Altona. Zwischen Kerzenleuchter und Ventilator lümmeln Daniela Reis und Fritzi Ernst aka Schnipo Schranke auf dem Sofa, während Gastgeber Frank Spilker Kaffeebecher füllt. In und vor vollgestopften Regalen lagern Gitarren, Schlagzeugbecken und Verstärker. Auf dem antiquierten Couchtisch wartet der Aschenbecher auf frischen Kippenstrom. Die Schnipos berichten entmutigt von einem wenig gelungenen Konzert am Vortag. Es ist halt nicht alles Gold, was im Staruniversum glänzt. Dem stimmt Stern Spilker natürlich zu. Fritzi Ernst reagiert erschrocken …

Fritzi Ernst: Läuft das Band etwa schon?
Daniela Reis: Spul noch mal zurück! Frank Spilker: Dass du das Wort zurückspulen noch kennst.  

Womit wir schon beim Thema sind – die Vergangenheit. Frank, wie war das vor 25 Jahren, als sich die Sterne gründeten?
Frank: Ganz eindeutig ist unser Gründungsdatum gar nicht, weil wir ja schon Ende der 80er als Schülerband aktiv waren und Songs beim Fast Weltweit Label veröffentlicht haben – damals noch auf Kassette. Ende 1991 haben wir aber erstmals in der Besetzung mit Thomas, Frank, Christoph und mir geprobt und 1992 unsere erste Maxi »Fick das System« veröffentlicht.  

Die Charts dominierten damals Acts wie Dr. Alban und Snap oder Mr. Big und Guns N’Roses. Es fehlte also an guten Indiebands.
Frank: Diese Mainstreamwelt haben wir überhaupt nicht verfolgt. Zu dem Zeitpunkt war eigentlich alles Müll, was sich in den Charts getummelt hat. Dass sich eine Indieband dort platzieren könnte, war unter diesen Bedingungen kaum vorstellbar. Unsere Welt bestand aus 80er-Jahre-Indierock von R.E.M. bis zu diversen Subpop-Bands wie Dinosaur Jr. Gleichzeitig begeisterten wir uns für Parliament oder Funkadelic, die infolge der technischen Revolution und der Verfügbarkeit von Sampling wieder ausgegraben wurden. Das wollten wir auch machen. Wir haben uns als menschliche Sampler verstanden und uns mit unserem Grooverock künstlerisch stark von diesen Grunge- und Gitarrenbands unterschieden. Übrigens auch von Tocotronic. Aber das war eh egal, sobald das Hamburger-Schule-Etikett geboren war.  

Gleichzeitig war es im Gegensatz zu heute Anfang der 90er völlig ungewöhnlich, deutsch zu singen.
Frank: Wir haben uns in der Tradition von geilen NDW-Bands wie Fehlfarben oder Palais Schaumburg gesehen. Bevor die Enttäuschung über die feindliche Übernahme durch die Schlagerproduzenten kam. Die haben wir nicht eingesehen und einfach weitergemacht. Nur eben unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Die Wende kam mit Kolossale Jugend 1989. Deren Musik wurde als etwas völlig anderes gesehen und nicht mehr mit NDW in Verbindung gebracht. Danach ging es Schlag auf Schlag, erst kamen Blumfeld, dann Tocotronic und wir.  

Daniela, Fritzi, wie selbstverständlich war es für euch, eure Songs auf Deutsch zu singen?

Daniela: Ich habe nie darüber nachgedacht, in einer anderen Sprache als Deutsch zu schreiben. Wir denken generell nicht viel über Konzepte nach.
Fritzi: Als wir mit Schnipo Schranke anfingen, hatten wir auch überhaupt keine Ahnung von dieser ganzen deutschsprachigen Indiemusik. Die ist einfach nie zu uns vorgedrungen. Wir kannten höchstens deutschen HipHop.  

Was überrascht, weil ja anders als vor 25 Jahren das meiste übers Internet verbreitet wird. Egal in welchem Kaff du sitzt, du kannst an jeder musikalischen Nische partizipieren.
Daniela: Wir haben uns einfach nicht so sehr dafür interessiert. Ich habe mich ohnehin nie viel mit Pop beschäftigt. Das lag sicherlich auch an meinem Klassikstudium, in dem es nun mal nicht üblich ist, über etwas anderes als Mozart oder Beethoven zu sprechen.
Frank: Ich finde es sehr wichtig und gut, dass ihr darüber berichten könnt, was für eine hermetisch abgeriegelte Welt das ist, die sich in keiner Weise mit irgendwelchen gesellschaftlichen Realitäten beschäftigt, dafür aber realistische Berufsperspektiven für Musiker anbietet. Das Beamtentum der Kunst sozusagen.
Fritzi: Es hat auch eine Weile gedauert, bis wir uns überhaupt als Band verstanden haben. Wir haben Texte geschrieben, bei denen es uns wichtig war, dass die lustig sind. Wir wussten nicht, ob wir eher Kabarett oder Band waren.

Dass ihr eine Band seid, hat spätestens Rocko Schamoni bemerkt, nachdem ihr ihm eure Platte auf einer seiner Lesungen in Frankfurt in die Hand gedrückt habt.
Daniela: Wir waren eher als Fans dort und brauchten irgendeinen Aufhänger, um mit ihm ins Gespräch zu kommen. Dass wir ihm unsere CD in die Hand gedrückt haben, dafür haben wir uns am nächsten Morgen total geschämt. Schließlich hat uns aber genau das geholfen, weil Rocko uns anschrieb und sagte, wir sollten ein Demo an Maurice Summen von Staatsakt schicken. Der hat dann den ersten Auftritt im Berliner Festsaal als Support für Nuclear Raped Fuck Bomb eingetütet. Das war unser allererster Gig als Band. Ohne das live vorher auszuprobieren …
Fritzi: … obwohl Maurice uns immer sehr ans Herz gelegt hat, doch bitte vorher noch mal woanders aufzutreten. Was wir aber nicht gemacht haben. Wir wussten auch gar nicht wo.
Egal ob seit 25 Jahren Indieband oder Indiemag, reich wird man in diesen Jobs nicht. Das hat euch aber nicht abgeschreckt?
Frank: Leute mit starkem Sicherheitsbedürfnis machen das wohl eher nicht, sondern entscheiden sich für sichere Karrierewege. Aber damals fand man es weniger riskant, sich auf sichere Karrieren in den Medien einzulassen. Man dachte, durch das Privatfernsehen entstehen überall neue Jobs. Dazu kam die Dotcom-Blase. Jahrelang haben viele richtig Karriere gemacht und sind reich geworden. In den 90ern war weniger das Gefühl von Angst als von Chancen vorherrschend.
Fritzi: Aber das Gefühl hatten wir auch. Wir haben auch ein großes Sicherheitsbedürfnis, glaubten aber, dass das trotzdem geht – dass wir zwar nicht reich werden, aber von der Musik leben können. Auch weil wir nichts zu verlieren hatten. In der Klassik beruflich Fuß zu fassen, wäre genauso schwierig gewesen. Daniela: Mir hat es eher ein Gefühl von Sicherheit gegeben, etwas völlig in Eigenregie machen zu können. Ich bin der einzige Mensch, dem ich die Kompetenz zuschreibe, zu entscheiden, was gut und richtig für mich ist. Ich empfinde das nicht als Risiko. Wer soll mein Leben denn in die Hand nehmen, wenn nicht ich selbst? Das ist und war für mich schon immer eine Selbstverständlichkeit.  

Ein ganz wichtiger Schritt für euch alle war der Umzug in die Großstadt. Ihr drei seid von der Provinz nach Hamburg gezogen, Intro von Osnabrück nach Köln.
Frank: Dabei wird in Deutschland viel Geld für das kulturelle Angebot in der Provinz ausgegeben, gerade damit die Leute nicht in die Großstadt ziehen. Unter anderem, weil man sie auf dem Land besser kontrollieren kann. Dem stellt man sich mit dem Umzug in die Großstadt bewusst entgegen. Auch wenn es immer schwieriger wird mit den ökonomischen Nischen wie Berlin Kreuzberg oder auch St. Pauli, die immer mehr verschwinden. Vielleicht ist das, was wir gemacht haben in zehn Jahren gar nicht mehr vorstellbar.  

Passenderweise wurde der erste Intro-Titel der Sterne in genau so einer ökonomischen Nische fotografiert. Das war 1996.
Frank: Ich weiß noch, dass ich das Bild furchtbar fand. Wir saßen vor dem Saal II auf dem Schulterblatt, bevor das Schanzenviertel das Schanzenviertel war. Es war Januar, wir hatten Wollmützen auf und froren fürchterlich.  

Und die Story trug den Titel »Starlight Express«, ähem …
Frank: Das war ohnehin immer das Problem mit unserem Namen. Wenn wir in irgendeinem Jugendzentrum aufgetreten sind, war die Beleuchtung schon auf »Sterne« eingestellt. Irgendwann haben wir im Rider obligatorisch vermerkt, dass wir das nicht wollen.


Daniela, Fritzi, was schreibt ihr in euren Rider?
Daniela: Wir haben eigentlich gar keinen Bock, uns über Bühnenausstattung Gedanken zu machen. Das ist für kleine Clubs auch in Ordnung, aber sobald die Bühne größer ist, gehen wir total verloren. Als wir die Bilder von unserem Auftritt bei Rock im Park gesehen haben, dachten wir nur, dass wir viel zu weit auseinander standen und kein Mensch erkennen konnte, wer Band und wer Techniker ist.
Frank: Als Indieband ist man überhaupt nicht darauf eingestellt. Wir sind mal bei Rock am Ring auf der Hauptbühne aufgetreten, weil Selig sich zu dem Zeitpunkt aufgelöst hatte und Sony den Platz auf der Hauptbühne mit einer anderen Band besetzen musste. Ein absolut merkwürdiges Gefühl. Wenn du auf der Bühne stehst, ist das überhaupt kein Problem; da ist das Publikum auf deiner Seite. Hinter der Bühne ist das schon schwieriger. Da wird auch schon mal gefragt: »Wer sind die denn, kenne ich nicht, sind die überhaupt in den Charts?«
Daniela: Uns hat das großen Spaß gemacht. Ich finde das gut, wenn die Fans das so abfeiern. Und es hat uns natürlich auch viel gebracht, zumindest jede Menge Facebook-Likes.  

Von den Höhepunkten mal zum Gegenteil. Wie geht man am besten mit Hängern in der Bandkarriere um?

Frank: Wieso guckst du mich so an? Die haben doch ihre ganze Karriere noch vor sich (zeigt auf die Schnipos).
Fritzi: Nach dem Motto: Was passiert, wenn das zweite Album ein Flop ist?
Frank: Das stimmt, das zweite Album wird immer besonders kritisch beäugt. Sind alle nur auf »Pisse« abgefahren?
Daniela: Sag das doch nicht! Ich träume jetzt schon schlecht deswegen.
Frank: Ja, aber da mache ich mir bei euch überhaupt keine Sorgen, weil ihr Personality habt. Wer die hat, kann sich auch einen Hänger leisten.  

Ok, wenn die Personality stimmt, was steht dann in 25 Jahren – abgesehen von
»Mach’s Besser« – auf dem Intro, wenn ihr jeweils Titel seid?

Frank: Hm, vielleicht »Immer noch geil« oder »Erstaunlicherweise immer noch nicht abgekratzt«. Auch gut: »Schon wieder ein neues Album«.
Fritzi: »Immer noch nicht scheiße« finde ich auch ganz gut.

Various Artists

Mach's besser: 25 Jahre die Sterne

Release: 10.02.2017

℗ 2017 Materie Records

Schnipo Schranke

Rare

Release: 27.01.2017

℗ 2017 Buback Tonträger