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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

»Posen«

Die Sterne

Auf den zwölf Songs von »Posen« schwingt sich Frank Spilker endgültig zum Gralshüter der Neologismen auf und öffnet den Mund weit genug, so daß man gelegentlich von Gesang sprechen könnte.
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Autor: intro.de

Als ich gerade die Grundschule verlassen hatte, gab es für mich nichts Aufregenderes als den Ehrenkodex der Kutten-tragenden »Rocker« samt ihrer ghettoisierten Jugendzentrumshierarchie. Zu »Silver Maschine« von Hawkwind entwickelten die Rebellen in Jeans erste Auswüchse ihrer Körperlichkeit. Zu den orgiastischen Spacerock-Hymnen erlernten die bewesteten Jungs die erste ernsthafte Pose ihres Lebens: die Luftgitarre. Ich für meinen Teil merkte schnell, daß es irgendwann nicht mehr ausreicht, Zigaretten unter dem Armstück des T-Shirts zu tragen und nach kaltem Schweiß zu stinken. Mit dem Eintritt der Mädchen in mein Leben verloren die Rocker ihre ausschließlich maskulin definierte Anziehungskraft. Im Plattenlädchen fiel mein Blick auf »Every 1’s A Winner« von Hot Chocolate. Von nun an hatte ich neue Helden und fühlte mich magisch angezogen von der völlig anders gearteten Körperlichkeit der komplett weiß gekleideten Musiker. Errol Brown wirkte in seiner scheinbar bis unter die Achseln gezogenen Hose cool, ohne feminine Ausstrahlung gänzlich zu verleumden. Außerdem bot er Angriffsfläche durch Verletzbarkeit, ohne Disco-Kompatibilität vermissen zu lassen. Somit wären wir bei einer weiteren Pose des Pubertierenden: die »Ich-steh-zu-meinem-Aussehen-habe-dafür-aber-innere-Werte«-Pose.  

Ohne »Posen« geht es nicht, das wissen auch DIE STERNE. Trotzdem sind es auf ihren Alben eher Haltungen, welche vermittelt werden (sollen). 1993 holperten sie »Wichtig« daher, um Indie-Rock auf der Tanzfläche dumm stehen zu lassen. Geprägt von einer nervösen Rastlosigkeit, vermittelte die Band Aufbruch und Abgrenzung: »Mach Die Tür Zu, Es Zieht ...« Bereits 1994 war man in der Lage, aus einer zurückgelehnten Position nüchtern Bestandsaufnahme zu betreiben. »In Echt« bot einerseits Songwriting auf der Suche nach Brüchen im monotonen Erzählfluß (teilweise etwas bemüht wirkend), andererseits einen weiteren Schritt Richtung Tanzbarkeit. Auf den zwölf Songs des aktuellen Werks schwingt sich Frank Spilker endgültig zum Gralshüter der Neologismen auf, verzichtet sogar teilweise darauf, die Worte mundfaul durch seine mächtige Zahnlücke zu quetschen, sondern öffnet den Mund weit genug, so daß man gelegentlich von Gesang sprechen könnte. Obwohl beide Instrumentalstücke nicht überzeugen können – »Unter Geiern II« wirkt wie Musik zu einem Trimmingl30-Werbeslogan, »Frank Orgel« wie die Verquickung von Combustible Edison – und G.Love –Fragmenten –, ist man dem angestrebten Band-Songwriting nähergekommen.  

Auf »Posen« scheint man uns eine neue Semantik lehren zu wollen. Vom ersten Album an, auf dem aktuellen jedoch am ausgeprägtesten, breitet sich dem Zuhörer mit jedem Song ein weiteres Stück einer geschlossenen Gedankenwelt aus. In der Gedankenwelt der Sterne sind Inseln keine rundum von Wasser umgebenen Landstücke oder von Peter Cornelius besungene Naherholungsgebiete, sondern Spielarten von Utopia. Die Sterne entwerfen Autobiographien mittels einer Konvergenz von Ästhetik und Geschichte. Es entsteht eine fiktive Nostalgie(risiko)biographie. Im Kontext dieser Herangehensweise ist es nicht mehr wichtig, ob der Autor das Erzählte wirklich komplett aus eigenen Erfahrungen singt oder die Ich-Perspektive lediglich benutzt. Nicht Wahrheiten werden vermittelt, sondern Möglichkeiten filigran herausgearbeitet. Genausowenig, wie Frank Spilker universeller Tellerwäscher war oder Gott weiß wie privilegiert ist, kaufte ich mir als Jugendlicher jemals die Scheiben von Hot Chocolate oder bewunderte Hawkwind-Hörer. Egal! Hauptsache, Ihr kauft im Themenladen Eurer Wahl »Posen«.

Die Sterne

Posen

Release: 22.04.1996

℗ 1996 Sony Music Entertainment (Germany) GmbH