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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

»Es ist kein Jazz!«

Die Sterne ausführlich befragt

Vier Jahre nach dem Disco-infizierten »24/7« sind die Gitarren wieder holprig, rumpelt die Rhythmusgruppe und verirrt sich die Orgel auf »Flucht in die Flucht« in psychedelische Sphären. Zudem verließ Keyboarder Richard von Schulenburg mittlerweile die Band, so dass die Sterne zurück bei der ursprünglichen Trio-Besetzung sind. Es gibt also einiges, worüber es sich zu reden lohnt. Bastian Küllenberg traf Frank Spilker, Thomas Wenzel und Christop Leich zum ausführlichen Gespräch im gemütlichen Musikzimmer ihres Labels Staatsakt in Berlin.
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»Flucht in die Flucht« klingt irgendwie wieder mehr »wie früher«, es gibt Referenzen in Richtung Country und dann diese Sixties-Orgel. Seht ihr das ähnlich?
Thomas Wenzel: Es ist weniger elektronisch könnte man vielleicht sagen, im Vergleich zu unserer Disco-Platte. Frank Spilker: Das sind aber auch Klischees. Wenn du so wie wir die Produktion komplett digital machst, dann ist sowieso alles Elektronik, ganz egal wo die Schallquelle mal herkam. Das letzte Notwist-Album ist zum Beispiel komplett aus akustischen Signalen zusammengesetzt, die alle bearbeitet wurden. Wenn du ein Signal ganz laut machst, was eigentlich ganz leise ist, dann hast du als Konsument schnell das Gefühl, dass es sich dabei um elektronische Musik handelt. Ich finde es ganz schwierig darüber zu reden. Wir haben ein Album gemacht, das vom Konzept her weniger weit weg von dem ist, was man vermutet, dass wir machen. Was von uns am bekanntesten ist, sind Songs wie »Was hat dich bloß so ruiniert« oder »Universal Tellerwäscher«, die irgendwie auch Indie-Rock-Bezug haben. Alles was sonst noch Teil des Sterne-Konzepts ist, wird davon etwas überstrahlt.
Christoph Leich: Ein Unterschied ist natürlich, dass wir keinen Tastenmenschen mehr als festes Bandmitglied mehr haben. Thomas spielt das natürlich auch gut.
FS: Thomas ist ja auch ein Tastenmensch.
TW: Ich bin ja nicht der einzige, der in dieser Band Tasten spielt. Ihr beiden habt ja auch einige Klavier-Parts eingespielt.  Jeder kann  das irgendwie.
FS: Klavier kann jeder! (lacht)
TW: Es ist einfach nicht so wichtig, studierter Musiker an seinem Instrument zu sein. Gerade bei der Musikform  die wir uns ausgesucht haben ist es eher förderlich, wenn die Sachen recht einfach sind, damit sie noch Platz lassen für eine Stimme oder eine inhaltliche textliche Botschaft. Von daher steht man sich eigentlich selber im Weg, wenn man zu gut spielt.  

In dem Sinne wäre die Musik dann nur das Vehikel für die Texte?

TW: Nein, das würde ich nicht sagen. Aber das ist ja kein Jazz oder Instrumentalmusik oder Klassik. Wobei man in einem Popsong alles irgendwie verwursten kann.
FS: Der entscheidende Punkt ist: Wo kommt man zusammen als Band. Anders als bei einem Solo-Produzenten, der allein vorm Computer sitzt, versuchen wir von einer Band-Situation auszugehen, zu Proben und Arrangements zu dritt zu machen. Gar nicht, weil es unbedingt noch nötig wäre die Sachen zusammen zu spielen, sondern weil man darüber eine Kommunikation herstellt und einen gemeinsamen Bezug zu dem Song. Es ist diese Song-Charakteristik die sich in der Produktion am Ende widerspiegelt, die verursacht, dass man denkt es sei wieder »mehr Sterne, als vorher«.  

Es geht dabei vor allem um die klanglichen Verweise. Auf »Flucht in die Flucht« haben viele Stücke etwas vermeintlich Junges, Unbeschwertes, das auch die ersten Sterne-Platten transportiert haben.

FS: So jung, dass ich mich teilweise gefragt habe, ob man mir das noch abnimmt als Sänger.  

Das Gefühl hatte ich auch. Man stellt sich einen jüngeren Sänger vor, wenn man unbefangen vor allem an die Texte herangeht.
FS: Vom Text her hatte ich leichte Probleme mit »Wo soll ich hingehen«. Wenn du meine Biographie dagegen hältst, gegen diesen jungen Menschen der zur Selbstoptimierung gezwungen wird und irgendwann eine Grenze ziehen will. Das hat viel damit zu tun, dass man eine Position erzählen will und nicht authentisch aus dem Leben berichtet. Man nimmt eine Rolle ein, um eine Position klarzumachen. Das ist der Schlüssel zum Verständnis des Albums. Dann ist auch ein Lied wie »Menschenverachtend verliebt« nicht mehr so schwer zu verstehen.  

Besteht dabei die Gefahr, dass man mit der jeweiligen Rolle identifiziert wird, dass die Leute den Bruch nicht verstehen?

FS: Es wäre alles schwierig für eine Radio-Single. Man kann es schwer kommunizieren und viele Leute verstehen nicht, dass es nicht wortwörtlich gemeint ist, wenn man es aus dem Zusammenhang reißt.
Einer der Kandidaten für Missverständnisse ist auch »Ihr wollt mich töten«.
CL: Musikalisch hatten wir dabei »Dead Man« im Kopf.
FS: Du hattest »Dead Man« im Kopf. Was ist »Dead Man« eigentlich?
CL: Ein Film von Jim Jarmusch. Neil Young hat dazu die Musik gemacht. Eine bearbeitete Einzelton-Gitarre.
FS: Ich kenne den Film nicht und dachte dabei vor allem an Alex Hacke (Einstürzende Neubauten) und diese ganze Nick Cave-Szene, die sich den amerikanischen Folk auf eine sehr morbide Art aneignet. Es gab einen ursprünglichen Entwurf, wo ich es allein singe und die Sterne-Version sollte sich davon weit entfernen, was sie vor allem durch das Duett auch tut. Das ist eine völlig überraschende Wendung und auch eine Spielart von Rock-Musik, ein bekanntes Klischee, das wir wirklich noch nie bedient haben. Das war komplettes Neuland und auch schwierig. Wir haben den Song viermal aufgenommen.  

Ist es euch wichtig, immer etwas zu machen, dass ihr noch nie ausprobiert habt?

FS: Der künstlerische Anspruch ist auf jeden Fall, dass es mit anderen Sachen mithalten können muss. Einfach etwas nachmachen und das schlimmstenfalls noch nicht mal zu merken, das wäre unter unserem Niveau. Wenn man also zum Beispiel keinen Nick-Cave-Song schreiben kann, muss man versuchen, etwas zu schreiben, das dem nahe kommt ohne zur Parodie zu werden. Das kann man aber auch als technische Herausforderung sehen, die einem Spaß macht. Zu Verstehen, wie ein Song funktioniert, wie bestimmte Klischees funktionieren und welche Töne man laut machen muss, um das Ganze ästhetisch auf einen anderen Planeten zu heben.  

Das klingt ja beinahe nach einem akademischen Zugang, fast nach Studieren.

FS: Nein, es ist Handwerk. Akademisch ist es nicht, aber man muss analytisch hören, um zu verstehen wie ein Genre funktioniert. Wir haben Mal Bläser aufgenommen für ein Stück, das eine Reggae-Note haben sollte. Von den erfahrenen Leuten lernten wir dann, dass es ganz wichtig ist bestimmte Frequenzen weg zu drehen, damit es diesen etwas billigen, typischen Reggae-Sound bekommt. Machst du das nicht, klingt es auf einmal nach dem NDR-Galaorchester. Das sind so die Tricks, an die man als Konsument nicht unbedingt denkt. Auch ich höre nicht immer so analytisch. Wenn man aber in die Produktion geht und einen bestimmten Sound haben möchte, muss man das tun.  

Die schönste Zeile auf dem Album ist für mich ganz klar »Mit Job scheiße und ohne auch«.
FS: Das ist fast ein Tocotronic-artiger Slogan!  

Ist es denn so einfach? Ist der Schluss daraus: Wir können nix ändern, also machen wir einfach so weiter?
FS: Das wäre ein bisschen böse. Im Grunde ist das Stück entstanden, da wir bereits diese beiden Lieder über Gentrifizierung und das Leben in der Stadt hatten - »Innenstadt Illusionen« und »Miese kleine Winterstadt« - daher dachten wir ein Stück übers Land sei auch nicht schlecht. Das ist mein Original-Lebensgefühl von 1986, eine jugendliche Position. Man hockt auf dem Land und will einfach nur weg da. Das ganze Thema passt enorm gut zum Album. Deshalb ist das Stück in einer Klarheit geschrieben, die ich damals nicht zustande gebracht hätte. Ein richtiges Pop-Stück.

Die Hauptthemen des Albums scheinen mir ein Gefühl von Unterwegs-Sein, Weg-wollen, aber auch Positionen neu zu überdenken und von diesem Punkt weiterzugehen. Als Tocotronic ihre »Kapitulation« veröffentlich haben, wurde sehr viel davon fabuliert, ob man das Scheitern und Aufgeben zur Kunstform erheben dürfe. So schwierig würde ich es überhaupt nicht machen wollen, aber bedeutet für euch »Flucht in die Flucht« aufzugeben?
FS: Es ist eine Form der Verweigerung, genau wie Rebellion. Du kannst auf die Straße gehen und demonstrieren. Du kannst dich am nächsten Baum aufhängen. Du kannst dich auf einen LSD-Trip begeben. Ganz plakativ gesprochen. Das sind Strategien um das Nicht-einverstanden-sein-Wollen auszudrücken. Wir wollen Nicht-einverstanden-Sein ausdrücken. Das kannst du als Leitfaden unter jedes unserer Alben setzen. Es sind verschiedene Dinge, mit denen wir nicht einverstanden sind. Das ist die zweite Kernaussage. Und das dritte ist die Form. Eigentlich wollten wir die Songs noch mehr dekonstruieren, aber wir haben uns für diese konkrete Form der Psychedelic-Nähe begeben, um die Sterne jedes Mal neu zu erfinden. Damit es für uns und für das Publikum nicht langweilig wird.