×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

»Flucht in die Flucht«

Die Sterne

Freunde und Freundinnen wirklich guter, stringenter Vergleiche: Verzeiht mir, aber Die Sterne erinnern mich an die Schweiz.
Geschrieben am
Nicht des Geldes wegen, vielmehr sind beide kauzig, outstanding, traditionsreich, werden gern mal unterschätzt im Vergleich zu den größeren Nachbarn, sind charmant, bergig – und in guten wie in schlechten Zeiten möchte man einfach hinziehen. Klar, ein Lob auf das genialische Wort und die karamellige Stimme von Graf von Lowtzow und eins auf den einstigen Souffleur des innerdeutschen schlauen Popzeitgeists, Jochen Distelmeyer. Aber geliebt, geflasht, herausgefordert und »at home« fühle ich mich am meisten bei Frank Spilker. Ein (nicht wirklich neutrales) kleines Weltreich haben er und (aktuell noch) Thomas Wenzel und Christoph Leich da errichtet. Dichte Platten, eng durchsetzt von Haltung, Hits und Verzweiflung. Die inhaltliche Stabilität, ja, Verlässlichkeit sind dabei bekannte Trademarks. Wichtig scheint mir daher zu betonen, wie variabel die Band dabei ästhetisch geblieben ist: Post-NDW, Schrammel-Indie, die funky Frühphase, Pop und auf dem letzten Album repetitiver Songwriter-Dance zwischen Club und Kindle.

Auf »Flucht in die Flucht«, dem ersten Album nach dem Roman-Debüt von Spilker, präsentiert sich der textliche wie soundmäßige Gestaltungsbock abnutzungsfrei. Spilker fabuliert fanatisch und verdreht Redewendungen, als wäre Poplyrik immer noch eine Kunstform, gar eine eigene Sprache. Und wisst ihr was? Hier ist sie es auch, »kapitulieren auf allen Vieren«, »erschieß mich mit’m Strick«, »ich bin der oberste Tautologe« ... Musikalisch geht das Panorama nach der Konzeptplatte »24/7« wieder weiter auf, so erinnert das Stück mit Alex Hacke an den deutschen Country von Fink, »Hirnfick« bedient sich bei Punk, und der Sprechgesang der ersten Alben schneit genauso rein wie die Hamburg-Hoffnungsträger Zucker und Schnipo Schranke, wenn’s ums Thema Chor geht. Wer möchte, kann sogar das wunderbare »Wie groß ist der Schaden bei dir?« als Reboot ihres größten Erfolgs »Was hat dich bloß so ruiniert?« verstehen. In jedem Fall aber dürfte klar sein, dass in dem Album weit mehr drin ist, als auf diese Review-Postkarte hier passt.

In drei Worten: Verzweiflung / Pop / Hirnfick
- Die Sterne »Flucht in die Flucht« (Staatsakt / Rough Trade / VÖ 29.08.14)