×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Die neue Landboheme

Phantogram

Die Band Phantogram hat ihre ganz eigene Dreidimensionalität, sagt Anja Tachler, und steuert selbst entsprechend die Bilder bei.
Geschrieben am
Ein Phantogramm ist eine optische Täuschung: Ein zweidimensionales Bild erscheint dank perspektivischer Verzerrung dreidimensional - je nach Blickwinkel. Die Band Phantogram hat ihre ganz eigene Dreidimensionalität, sagt Anja Tachler, und steuert selbst entsprechend die Bilder bei.

Ältere Hörer mögen einen nondimensionalen Flashback an die frühen 90er erleben, als die Shoegazer-Szene kurzzeitig musikalisch den Ton angab. Ähnlich wie früher Slowdive oder Lush vermischen Phantogram elektronische Beats mit melancholisch-ätherischem Gesang, psychedelischen Melodien und sehr viel Echo und Delay zu einem weltentrückten Sound, der sehr dreamy rüberkommt. Nun erscheint ihr Debütalbum "Eyelid Movies" auf dem britischen Label BBE.

Das junge Duo Phantogram lebt vier Autostunden nördlich von der Metropole New York auf dem Land. Während viele von uns aus dem heimatlichen Kaff abhauen, so schnell es geht, fühlen sich die beiden unweit von Wurzeln und Familie ganz pudelwohl. Jetzt, denn auch Josh Carter hatte nach der Highschool zunächst seinen Heimatort verlassen: Greenwich, ein idyllisches kleines Örtchen, in dem städtische New Yorker im Herbst gerne den Indian Summer genießen, um sich von den rot verfärbten Blättern besäuseln zu lassen, und wo man auf Forellenfang statt ins Nachtleben zieht. Er landete in Williamsburg, Brooklyn und erhoffte sich dort eine Karriere als Musiker. Die gemeinsame Band mit dem Bruder kam nur langsam voran. Nach ein paar Jahren in einem fensterlosen Durchgangszimmer für schlappe 800 Dollar im Monat hatte Josh die Nase voll. "Mit reichen Eltern ist es leicht, das Leben der Stadtboheme zu romantisieren", kommentiert er lakonisch seine Rückkehr aufs Land.

Ebendort traf er auf eine alte Schulfreundin, Sarah Barthel, die im nahe gelegenen Vermont Kunst studierte. Sarah konnte nicht fassen, dass er über 30 unfertige Songs einfach so verstauben ließ. Sie überzeugte Josh davon, weiter an den Stücken zu arbeiten. Die beiden begannen zu jammen, und in null Komma nix entstand "Mouthful Of Diamonds". "Es ist ein Lied über das Schlussmachen", sagt Josh, ein ruhiger und unaufgeregter Mittzwanziger. Es geht darum, den Mut zu haben, schlechte Elemente aus dem Leben zu streichen. Der lyrische Schlussstrich markiert einen Neuanfang: Sarah motiviert Josh, Josh inspiriert Sarah, die beiden gründen eine Band und beziehen eine große (fensterreiche) und günstige Wohnung in dem Collegestädtchen Saratoga Springs. Praktischerweise lässt sich eine verstaubte Scheune auf dem Grundstück von Joshs Familie schnell zum Studio und Proberaum umfunktionieren. Die neue Landboheme? Gestört werden sie kaum, ab und zu läuft eine Landratte durch die Scheune, die auch gleich in die Songs eingebaut wird.

"Wir wären dieselben Menschen, wenn wir in der Stadt leben würden", bekräftigt Josh. "Unsere Musik würde genau so klingen." Allerdings hätten sie wohl viel länger gebraucht, um das Album fertigzustellen, meint Sarah. In der Stadt ist man einfach zu abgelenkt. "Dank der langen und einsamen Winter in Saratoga Springs haben wir gelernt, diese Einsamkeit in Worte und Musik zu fassen", fügt Josh noch hinzu. "So isoliert zu sein, die Ruhe, die nächtliche Dunkelheit, all das ist sehr magisch", schwärmt Sarah, eine hübsche Brünette, die überhaupt nicht nach Landei aussieht. Die beiden scheint der Mangel an Ausgehmöglichkeiten und Geld nicht zu stören. "Wir haben Computer, Instrumente, Aufnahmegeräte und unsere Vorstellungskraft." Die neue Bescheidenheit. Ganz dreidimensional. Wenn die Platte allerdings gut läuft und die Kohle stimmt, würden sie auch gerne wieder in die Stadt ziehen, verrät mir Josh zum Abschied. So viel zum Thema Landboheme.

Phantogram "Eyelid Movies" (CD // !K7 / BBE / Al!ve)