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Hamburg – Hitsville und zurück

Die Liga Der Gewöhnlichen Gentlemen

Am Freitag erscheint mit »Alle Ampeln auf Gelb« das zweite Album der Superpunk-Nachfolger Die Liga Der Gewöhnlichen Gentlemen. Im Interview spricht Sänger Carsten Friedrichs über Fußballsongs, Radiobeschallung in der Eisdiele und bösen deutschen Rock/Pop-Dreck .
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Am Ende der Hamburger Garagensoul- Institution Superpunk hatte 2012 so mancher hart zu knabbern. Wie gut, dass Carsten Friedrichs und Bassist Tim Jürgens nicht mal ein halbes Jahr später mit dem Debütalbum der Liga Der Gewöhnlichen Gentlemen auf der Bildfläche erschienen, um den Weg von Hamburg nach Hitsville, USA mit gewohnt spitzbübischem Charme fortzusetzen.

 

Stücke wie »Alleine auf Partys« oder »Begrabt mich bei Planten und Blomen« hätten ebenfalls ins »Altherren«-Programm deiner früheren Band gepasst, wo ihr skandiert habt: »Baby ich bin zu alt«. War dir eine tatsächliche Abgrenzung der Liga von Superpunk jemals irgendwie wichtig?

Nein, über eine Abgrenzung zur alten Band habe ich mir keine Gedanken gemacht. Bei der Liga sind ja andere Leute dabei, da liegt es in der Natur der Sache, dass das schon anders klingt. Und wenn Ähnlichkeiten da sind: Sei's drum. Superpunk waren ja eine Spitzenband. Warum eigentlich »Altherren«? Sind die Themen Tod und Einsamkeit nicht für alle Altersgruppen interessant? Gerade als Teenager denkt man doch dauernd über diesen Quatsch nach. Zumindest wenn man Indie-Musik hört und Bücher liest.

 

Hatten sich auf dem Debütalbum eine Vielzahl der Songs im Themenkreis Fußball bewegt, ist das runde Leder auf »Alle Ampeln auf Gelb« verschwunden. War alles Sportliche auserzählt?

Über Fußball könnte man bestimmt noch tausende Songs machen. Es passiert ja jedes Wochenende was Neues. Ich habe noch eine schöne Idee in petto für einen Song über ein gewisses Stadion in Hamburg. So würde er anfangen: »Keine schöne Gegend, das steht außer Frage/ Doch träum ich meine Träume bei der Müllverbrennungsanlage«. Etwas holprig aber ganz gut, oder? Dieses Thema gewürzt mit einer Prise Erotik und/oder Romantik und ein bisschen Sozialkritik wäre der Knaller. Allerdings würden mir dann die Bandkollegen, die einem gewissen Hamburger Club anhängen, an die Gurgel gehen.

Das »Gewöhnliche« zum Prädikat erheben, könnte man das als eine Art Bandmotto verstehen?

Eigentlich nicht. Eigentlich ganz im Gegenteil: Auf der neuen Platte singen wir über außergewöhnliche Menschen und unser Sound ist auch einzigartig, um nicht zu sagen: »ungewöhnlich«. Gewöhnlich vielleicht in dem Sinne, dass wir nicht so den Dicken machen, wie es ja in der Musikszene üblich ist. Aber das ist ja auch schon wieder ungewöhnlich. Und wenn wir riesigen Erfolg hätten, würden wir dann den Dicken machen? Vermutlich. Das wäre wiederum gewöhnlich. Schwieriges Thema.

 

Die Liebe zu Kino, Mode und Musik der Sechziger ist bei eurer Band zentraler Bestandteil. Was macht die Faszination dieser Epoche aus?

Ich kann nur für mich sprechen. Ich war in den 80er Jahren Kind und Teenager. Man wurde, zumindest in Deutschland, ja erschlagen von so viel Hässlichkeit. Es war fast unmöglich, ein schlichtes gutes T-Shirt zu kaufen. Und die Musik erst... es kommt mir so vor als ob das Lied, das ich am öftesten in meinem Leben hören musste »Maria Magdalena« von Sandra war. Im Radio zuhause, in der Eisdiele, bei Hertie, überall: »You are a creature of the night« oder wie das ging. Über Jahre! Wenn man nicht ganz abgestumpft ist, haut das den stärksten Ochsen vom Schlitten. In Hamburg gab es nur zwei Mal im Jahr Soul-Partys. Muss man sich mal vorstellen! Und dann sah ich Filme aus den Sechzigern und hörte Musik aus den Sechzigern und mir fiel auf: Es muss ja gar nicht so sein! Es geht ja auch cool und smart, jeder kann gut aussehen. Selbst Louis de Funes sah gut aus. Ein Glücksversprechen! Ich wollte und will dieses Versprechen eingelöst haben!

 

Ist es euch ein Anliegen, durch die oft liebevoll nischig gewählten Zitate und Referenzen dazu beizutragen, dass diese nicht in Vergessenheit geraten? Etwa Schauspieler Werner Enke, dem ihr einen eigenen Song widmet.

.Ein direktes Anliegen ist es nicht. Aber schaden kann es auch nicht, wenn die Referenzen nicht in Vergessenheit geraten. »Zur Sache Schätzchen« und »Nicht fummeln Liebling« sind schon erstaunliche Filme. Das mit den Zitaten haben wir ja schon immer gerne gemacht. Übrigens nicht nur wir. Auch etwas erfolgreichere Kollegen, etwa die Beatles oder die Smiths, haben sich da ja gerne mal bedient

 

 

 

Im Stück »Rock-Pop National« werft ihr die berechtigte Frage auf, warum nicht viel mehr Leute gute Musik hören, wo es doch mit Streamingdiensten heute alles immer umsonst gibt. Habt ihr eine Antwort darauf gefunden?

Das liegt vermutlich am allgemeinen Zivilisationsrückstand in Deutschland. Oder die Leute wollen sich mit Absicht das Leben so freudlos wie möglich machen. »Es ist eine fremde und seltsame Welt.« Der Plan.

 

 

Motown und Creation sind zwei Namen, die in jenem Song fallen, und irgendwo dazwischen könnte man die Liga Der Gewöhnlichen Gentlemen verorten. 

Vielen Dank für die Blumen! Genau, eine Mischung aus frühen Creation-Platten und späten Motown-Sachen. So soll es sein. Der eine Pol sind die Jasmine Minks, der andere Pol die Funk Brothers und quasi als Äquator Die Liga Der Gewöhnlichen Gentlemen.

 

»Rock-Pop National« kann man auch als Statement gegen stumpfe, deutschtümelnde Bands verstehen. Darf man? Habt ihr die Freiwild-Debatte um die beiden Echo-Verleihungen verfolgt?

Man darf. Eigentlich war der Song nur als Statement gegen den normalen Dreck gedacht. Aber als Statement gegen den bösen Dreck passt er natürlich auch. Die Debatte haben wir mitbekommen, geht ja gar nicht anders, wenn man Internetnutzer ist. Es ist wirklich erstaunlich, wie viele Leute sich gerne von diesen Türstehertypen anbrüllen lassen wie schön ihre Heimat ist. Sick.