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Die Leute wollen tanzen!

The Whip / Infadels / Crystal Castles / Mindless Self Indulgence

Rave-Fever vs. Indie-Rock? Die vermeintliche Trennlinie zwischen Body und Mind ist längst futsch.
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Rave-Fever vs. Indie-Rock? Die vermeintliche Trennlinie zwischen Body und Mind ist längst futsch. Christine Käppeler fragte die Indie-Raver The Whip, die Electronic-Rock-Darlings Infadels, die Techno-Frickler Crystal Castles und die Electro-Punk-Freaks Mindless Self Indulgence: How does it make you feel?



The Whip aus Manchester sitzen in Hamburg in einem Herbstwald aus Achtziger-Jahre-Tapete-Wänden und freuen sich einen Ast. "Ain't we lucky?" fragt Sänger Bruce Carter mit theatralischem Unterton. "Oh, ain't we lucky!" Nathan Sudders, der Bassist der Band, grinst zustimmend. Dabei sind The Whip seit 18 Monaten unterwegs - aber genau das macht ihnen ja so Spaß. Für ihren Soundmix aus Electronic-Rock und Disco-House ist die klassische Trennung in "Clubs" und "Venues" - Partylocations und Konzertbühnen - dabei irrelevant geworden. Sie spielen an allen Orten: um zwei Uhr morgens vor einer euphorisierten Techno-Crowd und am frühen Abend vor einem bierseligen Indie-Publikum, das erst nach ein, zwei Songs richtig in die Gänge kommt. Ihr Fazit hier wie dort: "Die Leute wollen tanzen", meint Lil Fee, die mit der Präzision einer Drummachine am Schlagzeug den Beat der Band bestimmt: "Sie wollen Spaß haben. There's a lot of love flying around right now."

Auch die Herzen des Pariser Labels Kitsuné flogen ihnen entgegen. Für Disco-affine Indie-Bands bedeutet ein Track auf einer der "Maison"-Compilations einen ähnlichen Ritterschlag, wie es einst für Indie-Rock-Bands die Aufnahme in die legendären "John Peel Sessions" war. Kitsuné veröffentlichte "Divebomb" auf der "Maison 4" und als 12-Inch mit einem Remix des Duos Crystal Castles aus Toronto auf der B-Seite. Ihre Platte veröffentlichten The Whip dann allerdings bei einer anderen Adresse: bei Norman Cooks Label Southern Fried.Manchester, Paris, Toronto, Brighton: Trifft man sich zwischen all diesen Orten überhaupt? "Mit Gildas Loaëc von Kitsuné haben wir bei Label-Nights in London und Paris Sets gespielt", erzählt Bruce. "Und letztens in Japan haben die beiden Labelmacher einen Abend für uns eröffnet, danach hatten wir zusammen ein koreanisches Barbecue." Und Crystal Castles? "Wir sind uns ein Mal zufällig begegnet. Im Aufzug in einem Hotel in Japan, sie kamen allerdings von einer anderen Show als wir."

Klingt ziemlich lost, dieser internationale Band-Jetset. Nathan Sudders widerspricht, sie fühlen sich in dem globalen Wirrwarr zu Haus: "Daheim in Manchester, im Warehouse, wo wir schon in unseren Teenie-Tagen gefeiert haben, spielen wir heute mit denselben Leuten wie in Paris." Bruce Carter versucht sich an einer Definition: "Im Prinzip ist es wie der 'Eurovision Song Contest'. Nur ohne Regeln, das Punktesystem und mit besserer Musik."

Infadels - Mit Justice und AC/DC in Singapur

2003, als The Whip noch Jungspunde und im Warehouse Teil der Crowd vor der Bühne waren, war "Can't Get Enough" von den Infadels so etwas wie die Hymne dieses globalen "Indievision Song Contest". "Can't Get Enough" war ein herrlich spontaner Wurf im Gegensatz zu den glatten Tracks, die die Londoner Electroclash-Szene goutierte. Die Infadels selbst hatten sich ein paar Jahre in dieser Szene unter dem Namen Balboa versucht und waren - mit einem viel zu perfektionistischen Ansatz, wie Bassist Wag Marshall-Page rückblickend meint - grandios gescheitert: "Balboa fehlte der Soul." Soul, das meint dieses Gefühl von "Wow" und "Now", das der dreckige, treibende Sound der Infadels fortan auf den Tanzflächen verbreitete. Den Londoner Szene-Verbindlichkeiten waren sie damit entronnen.Während Wag Marshall-Page und Infadels-Drummer Alex Bruford in Hamburg über die neue Platte "Universe In Reserve" sprechen, schläft der Rest der Band in London aus. Jetlag - bis gestern waren die drei in Hongkong und Singapur und haben Platten von Justice, AC/DC und Infadels-Remixe aufgelegt. Bekannte Gesichter treffen auch die Infadels vor allem auf Tour. Marshall-Page lacht und serviert eine besonders schöne Anekdote: "Letzten Sommer spielten wir bei einem Festival in Irland, und unser Gitarrist Matt hatte sich verletzt und lief mit einer Augenklappe rum. Er hat nicht so super gesehen. So meinte er dann, Erol Alkan zu begegnen, dem DJ der legendären Trash-Partys in London. Erst im Laufe des Gesprächs bemerkte Matt, dass er nicht mit Erol, sondern mit Dave Grohl sprach." Auch das ist wohl symptomatisch für diese Szene: Zwischen einem Londoner Electro-DJ und einem amerikanischen Rockstar gibt es keine augenscheinlichen Unterschiede mehr.

Crystal Castles - Hate is in the air
Bam-Bam-Bam-Bam. Soundcheck in Belfast. Über die Telefonleitung ist kaum ein Wort zu verstehen. Nur so viel: Crystal-Castles-Mastermind Ethan Kath ist schlecht gelaunt. "Why do you have to fucking ...?" Eine Frau, die mit ihm in dem Schlagzeug-Gewitter steht, scheint ihm gehörig auf die Nerven zu gehen. "Hello?" Ja, also: "Hello again." Mit einem höflichen "Sorry" wechselt Ethan Kath den Raum.
Zweiter Versuch: Dieser Remix, den er für diese Band aus Manchester gemacht hat, The Whip ... "Right", Kath unterbricht mich: "Kitsuné haben das veranlasst. Sie wollten eine Crystal-Castles-Single haben, aber wir hatten keine Zeit dafür. Also haben sie gesagt: 'Könnt ihr wenigstens eine unserer Bands remixen?' Ich habe ihnen erklärt, dass ich auch dafür keine Zeit habe. Dann haben sie gesagt: 'Was, auch nicht, wenn wir dich dafür bezahlen?' Und ich brauchte das Geld. Wir waren zu der Zeit auf Tour, und wir konnten uns noch nicht mal was zu essen leisten. Alice hatte Hunger. Sie wollte Pommes haben. Und ich musste ihr sagen: 'Sorry, ich kann dir noch nicht mal Pommes kaufen. Die kosten einen Dollar, und den habe ich nicht.' Dann haben Kitsuné gesagt: 'Wir bezahlen dich dafür, dass du diese Band remixt, The Whip. Ist uns egal, ob du die gut findest, mach einfach den Remix, und wir bezahlen dich dafür.' So konnten wir uns dann etwas zu essen kaufen."[kaufen]

Ihre erste eigene Single veröffentlichten Crystal Castles bereits 2006 bei Merok, einer kleinen Live-and-Work-Klitsche in Londons hippem Osten. Was im Vorfeld dieser Single geschah, klingt ziemlich obskur: Bis 2005, so erzählt Kath, sei er Bassist einer Torontoer Heavy-Metal-Band gewesen. Jakarta soll sie geheißen haben, im Netz gibt es allerdings keinen zuverlässigen Hinweis auf diese Band. Dafür ein Feature eines Rockzines namens sugarbuzzmagazine.com, in dem ein schlecht gelaunter Ethan Kath (alias Ethan Deth) mit überstylter Haarmatte über seine Band Kill Cheerleaders plaudert, die Lemmy Kilmister einst für "die beste Band seit Guns N' Roses" befunden haben soll. Von Kill Cheerleaders gibt es eine Platte namens "All Hail", und die wartet in der Tat mit Hair-Metal in fiesester 80er-Manier auf. Kath jedenfalls ging und fand sein Heil in Computer-Frickeleien und Atari-Tunes und die geeignete Stimme für sein Projekt in Alice Glass, der Frontfrau einer lokalen Noise-Punk-Band. Was sich seither verändert hat? "Es war plötzlich überall dasselbe: Die Leute wollten tanzen. Das war für mich neu: Früher standen sie bei meinen Konzerten rum und tranken Bier." Die Single "Alice Practice", die "nur" ein Mikrofon-Test war, wie Kath betont, war innerhalb kürzester Zeit bei Merok ausverkauft. 4,5 Millionen MySpace-Freunde später sind Ethan Kath und Alice Glass auf dem Cover des NME. Hat der NME in Web-Hype-Zeiten für eine Band wie Crystal Castles noch eine Bedeutung? "Das interessiert uns beides nicht", schnappt Kath noch kurz, dann zieht er sich in das Soundcheckgewitter zurück. Bam.

Mindless Self Indulgence - There's lots of work lying around
"Privat habe ich nicht viel für Musik übrig. Musik heißt für mich: Arbeit." Eigentlich hatte ich gehofft, von Jimmy Urine, Sänger und Programmierer der New Yorker Band Mindless Self Indulgence, etwas über seine musikalische Sozialisation zu erfahren. Denn Mindless Self Indulgence paaren das, was Ethan Kath sukzessive betrieben hat: Metal und Techno. Die beiden Stilrichtungen, die sich immer spinnefeind gewesen sind. So erfahre ich nur, dass Punk und eine "Rocky Horror"-Liveshow der Kitt sind, der beides zusammenhalten soll. Aber was ist das nun genau, was sie so machen? Atari-Geblubber für Metalheads? Metalriffs für Raver? "Wir wurden noch nie für diesen oder jenen Song geliebt", erklärt Jimmy. "Ich mag das. Ich will niemanden langweilen."