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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Die Kraft der Bilder

Miike Snow

»Diese Platte könnte ›Everybody’s Darling‹ werden«, hieß es in diesem Magazin 2009 anlässlich des Debütalbums von Miike Snow. Diese popmusikalische Prophezeiung sollte sich tatsächlich erfüllen: Der Ohrwurm »Animal« schaffte es auf Platz 1 der Intro-Jahrescharts und die Band weltweit in große Hallen. Nun ist der Nachfolger da. Sebastian Ingenhoff unterhielt sich mit Miike-Snow-Sänger Andrew Wyatt über das cinematische »Happy To You«.
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Andrew Wyatt erklärt seine manchmal etwas dadaistisch anmutenden Texte nur ungern. Sie seien dazu gedacht, das Kopfkino des Hörers in Gang zu setzen, und das sehe von Fall zu Fall eben anders aus. »Ich hasse es, wenn ein Song meint, eine konkrete Interpretation diktieren zu müssen. Vielleicht sind wir da ein bisschen durch das Kino geprägt. Einer meiner Lieblingsregisseure ist Fellini. Seine Filme regen immer auch die Fantasie des Betrachters an. Ich hoffe, dass es Leute gibt, die das auch über unsere Musik sagen«, wünscht sich der Miike-Snow-Sänger.

Nach Eric Rohmer lebt gutes Kino von Lüge, Heuchelei und Geheimnis. Auch Miike Snow wissen die Lüge ausdrücklich zu schätzen: »The sun is gone completely / I used to lie thinking clouds aside here and which was dust / I lie as I throw myself out in the shower cold and thin«, heißt es in der neuen Single »Paddling Out«.

Die cineastische Prägung schlägt sich schon im Bandnamen nieder: Das Doppel-i ist eine Hommage an den japanischen Regisseur Takeshi Miike, der in Europa vor allem für blutrünstige Streifen wie »Audition« oder »Ichi, der Killer« bekannt ist. Wobei Wyatt direkt einwirft: »Es ist natürlich stark verkürzend, Miike nur auf diese Splatterfilme zu reduzieren. Er hat wahnsinnig ästhetische Filme gemacht, die sicherlich einen gewissen Einfluss auf unsere Musik ausüben«, sagt der bärtige Amerikaner, der seit ein paar Jahren zwischen New York und Stockholm pendelt, wo seine Bandkumpels Christian Karlsson und Pontus Winnberg leben.

Wir brauchen dringend neue Lügen

Auch Miike Snow möchte Andrew Wyatt als »offenes Projekt« verstanden wissen, das seine Fühler in verschiedene Richtungen ausstrecke. In Zukunft will man sich nämlich vermehrt auch anderen künstlerischen Sparten öffnen und hat mit dem schwedischen Regisseur Andreas Nilsson sogar eine Art viertes Bandmitglied gewonnen, das für die visuelle Umsetzung des Bandkonzepts zuständig ist. »Der Rhythmus aus Plattenveröffentlichung, Tour und Studioaufenthalt ist tödlich. Ich glaube, dass eine Band daran zwangsläufig zugrunde gehen muss. Wir versuchen das zu umgehen, indem wir immer mehrere Sachen gleichzeitig machen. Wir haben mittlerweile ein gutes Netzwerk von Leuten, mit denen wir zusammen arbeiten, das immer weiter wachsen soll.«Deshalb haben Miike Snow mit ihren Freunden von Peter Bjorn And John sowie Lykke Li kürzlich auch ein Label namens Ingrid (der Name ist eine Hommage an Ingrid Bergman) gegründet. Auf dem soll nicht nur Musik, sondern auch Film- und Videokunst aus Schweden veröffentlicht werden. Schon 2010 realisierte Wyatt mit dem polnischen Künstler Sebastian Mlynarski im New Yorker New Museum die von Brion Gysins und Ian Sommervilles »Dreamachine« inspirierte Installation »Waves«. Außerdem arbeitete er kürzlich mit Mark Ronson für das Londoner Royal Opera House an der Musik zu einer Tanzchoreografie. Zwischendurch gibt es immer wieder Produzentenjobs zu erledigen.

Ein Wunder, dass bei all den Aktivitäten überhaupt noch Zeit blieb für ein Album. Doch mit »Happy To You« haben Miike Snow nun den Nachfolger ihres Debüts von 2009 eingespielt. »Happy To You« unterscheide sich von dem Vorgänger vor allem dadurch, dass die Band sich von der »Zensur« habe befreien können, wie Wyatt sagt. Mit »Zensur« sind keine schurkenstaatlichen Prüfstellen gemeint, sondern vielmehr die Auftraggeber, für die Miike Snow in den letzten Jahren gearbeitet haben. »Unser erstes Album war soundtechnisch von unseren Produzentenjobs geprägt. ›Happy To You‹ fühlt sich dagegen mehr wie unser eigenes Album an. Es ist vielschichtiger. Es gibt einige psychedelische, abstraktere Stücke, dazwischen immer wieder Harmonien zum Runterkommen, andererseits aber auch relativ brachiale, beatgetriebene Tracks wie ›Paddling Out‹, die eher für den Club gedacht sind. Es entspricht wahrscheinlich mehr dem geschlossenen Albumformat als das Debüt, wir versuchten uns von dem Gedanken zu lösen, dass jedes Stück eine potenzielle Single sein muss.«

Einen ähnlich herausragenden Hit wie »Animal« sucht man vielleicht genau deswegen vergeblich, was den einen oder anderen Fan des Debütalbums enttäuschen könnte. Stattdessen prägt das Album eine wall of sound aus Orchesterwerk, Blaskapellen und psychedelischen Spielereien, die eher dem Format des Filmsoundtracks entspricht. Ein Vergleich, den Miike Snow natürlich begrüßen. Schließlich geht es ihnen ja genau darum: das Kopfkino in Gang zu setzen.


Miike Snow »Happy To You« (Smi Col / Sony / VÖ 16.03.)