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Unstreitbar

Die Heiterkeit im Gespräch

Statt dem Leben ständig Euphorie abzuringen, machen Die Heiterkeit es sich im Zwiespalt gemütlich. Und gehen damit weiter als die meisten anderen Bands ihrer Zunft. Der Chanson-Pop ihres dritten Albums »Pop & Tod I+II« ist auch deshalb der große Wurf nach vorne. Verena Reygers traf sie in Hamburg.
Geschrieben am
Man kann das Leben drehen und wenden, wie man will – am Ende wartet immer der Tod. Allen Unkenrufen zum Trotz ist alleine der Pop unsterblich. Und diesen nach eigenen Regeln zu gestalten macht ihn noch langlebiger. Genau in diesem Sinne handeln Die Heiterkeit. Zum Missfallen vieler. Denn seitdem die Band um Songschreiberin und Frontfrau Stella Sommer vor vier Jahren mit »Herz aus Gold« debütierte, unterstellt man der in wechselnder Besetzung agierenden Formation Arroganz, Gelangweiltheit und – klar, sind ja schließlich Mädchen an Instrumenten – spaßbefreiten Dilettantismus. 

Sonderlich kratzen tut es Stella Sommer nicht. Nicht mit dem zweiten Album »Monterey« und erst recht nicht mit »Pop & Tod I+II«, das als Doppelalbum all denen den Mittelfinger zeigt, die der Meinung sind, Die Heiterkeit sollten sich doch bitte bedeckt halten. »Im Zwiespalt sitze ich bequem« heißt es wohl auch deshalb auf einem der 20 neuen Songs. Es ist die Ansage, Ambivalenzen aushalten zu können. Ja, sie sogar zu begrüßen. »Dort, wo es ambivalent ist, will man hin«, greift Stella Sommer das Stichwort beim Interview im Konferenzraum ihrer Plattenfirma auf.

Mich nerven diese saturierten Menschen, die den Stillstand pflegen. Es muss doch etwas in dir sein. Etwas, an dem man sich zerreibt. Denn wenn das nicht passiert, ist man ja niemand mehr.
Musikvideo zu »Im Zwiespalt«
Die Hamburgerin zerreibt sich unter anderem daran, fürs Musikmachen zu brennen, aber nicht davon leben zu können: »Es ist Wahnsinn, wie viel Zeit man in so eine Band steckt, ohne dass finanziell viel dabei rumkommt. Es ist zu viel Energie, um es nebenbei zu machen, aber zu wenig Geld, um es hauptberuflich zu machen.« Und während Sommer als Kopf und Herz der Band ausharrt, wechseln ihre heiteren Mitstreiter und Mistreiterinnen zum wiederholten Male. Live-Keyboarderin Sonja Deffner ist nun fest mit an Bord, während Gründungsmitglied Rabea Erradi von Hanitra Wagner und Philipp Wulf abgelöst wurde. Letztere sind musikalisch nicht unbefleckt: Wagner steht bei den Ωracles am Keyboard und Mikrofon, Wulf trommelt bei Messer. Zur Heiterkeit passen beide gut. Wo »Monterey« vor allem auf Stimmung setzte, nimmt sich »Pop & Tod I+II« zurück. Der Reduktion verpflichtet, weben Klavier, Streicher und Synthies einen meist unaufdringlichen Klangteppich, der – verstärkt von ätherischen Backgroundgesängen – Sommers sonore Stimme weich einbettet. Den Sound-Dunstschleier durchbrechen gezielt gesetzte Effekte wie das unvermittelt einsetzende Schlagzeug im Opener »Die Kälte« oder das sich zum Punkbrett wandelnde »Komm mich besuchen«. 

Der Band Einfallslosigkeit oder gar Dilettantentum zu unterstellen ist nicht nur deshalb Blödsinn, weil Sommer jahrelang Klavier- und Cellounterricht genommen hat, sondern auch, weil sich hinter den lakonischen Oberflächen auf »Pop & Tod I+II« diverse Abgründe auftun. Ob man sich dort hineinstürzen möchte oder sich lieber zurücklehnt und erst mal abwartet, bleibt jedem selbst überlassen. Tatsächlich aber verleiten Die Heiterkeit mit ihrem dritten Album zum wundersamen Nichtstun. Einfach nur dasitzen, zuhören und sich einwickeln lassen. Sommer jedenfalls empfindet den Eindruck der gepflegten Lethargie als Kompliment: »Es ist wie ein Strudel, in den man hineingezogen wird. Aber man muss sich eben auch drauf einlassen.«
Musikvideo zu »The End«
Sich einzulassen impliziert auch, intellektuell zu kapitulieren, nicht wirklich schlau zu werden aus Textzeilen, aus Geschichten, die mehr verschweigen als erzählen. Songs, die souverän im Dunst der Uneindeutigkeit schweben. »Betrüge mich gut«, singt Sommer so doppeldeutig, dass offen bleibt, wer hier eigentlich wen betrügt. In »Dunkelheit wird niemals« bleibt unklar, was willkommener ist: der Anbruch des Tages oder das Fortbestehen der Nacht. Und »Komm mich besuchen« verweigert sich entgegen dem Titel der Außenwelt. »Man will niemanden sehen, aber dann irgendwie doch«, erläutert Sommer vage den Hintergrund des Songs. So richtig weiß sie selbst oft nicht, auf was eine Textzeile anspielt. 

Sommer schreibt Songs, seitdem sie 13 ist. In ihrem Notizbuch sammelt sie wahllos alles, was ihr unter Augen und Ohren kommt. Mit dem Ergebnis, dass sie ein paar Monate später keine Ahnung mehr hat, woher dieser oder jener Einfall gekommen ist. Klarer dagegen ist, in welchem Zeitraum gewisse Dinge entstanden sind. So ist »Pop & Tod I+II« auch von der leichten Depression geprägt, die Sommer regelmäßig überfällt. »Nicht super-depressiv«, betont sie, »mehr so wie postnatale Depressionen, nachdem man ein Album rausgebracht hat oder auf Tour war und denkt: Was mache ich denn jetzt bloß?«

Sie macht keinen Hehl aus Gefühlen wie Isolation und Stagnation. Dass ein Lächeln von Mitgliedern der Heiterkeit so selten ist wie ein Sonnentag in Hamburg, stößt dagegen vielen negativ auf. Egal, ob in ihren Videos, auf Fotos oder bei Live-Auftritten: Spröde geguckt wird immer. Das steht so ziemlich im Gegensatz zum Interview, in dem die Künstlerin sehr viel zugänglicher ist, als ihre Musik erwarten lässt. Sommer glaubt, dass dieser Eindruck auch daher komme, weil sie in keine Schublade passe. »Riot Grrrls sind rotzig, und Gitarrenmädchen stehen mit zittriger Stimme auf der Bühne. Bei uns aber fühlen sich die Leute schnell provoziert, weil wir weder das eine noch das andere sind und sich auch keine andere Schublade öffnen will.« Na, Gott sei Dank! Denn sich konsequent dem Schubladendenken zu verweigern nennt man geradlinig. »Und was ist geradliniger als wir?« stellt Sommer fest – und lacht. Den Tod bezwingen Die Heiterkeit so zwar nicht, aber ein ausdauerndes Stück Musik haben sie mit »Pop & Tod I+II« – den Unkenrufen zum Trotz – allemal geschaffen. 

Die Heiterkeit

Pop & Tod I+II

Release: 06.04.2016

℗ 2016 Buback Tonträger

— Die Heiterkeit »Pop & Tod I+II« (Buback / Indigo / VÖ 03.06.16)