×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Interview mit Christoph Dreher

Die Haut

Zehn Jahre erfolgreiches Musikerdasein, Verbindungen zu den schillerndsten Persönlichkeiten der Musikszene, die bisher ansprechendste Platte der Bandgeschichte produziert und eine sehr gut verlaufene Tournee absolviert - Christoph Dreher, seines Zeichens Bassist der Berliner Underground-Helden DIE H
Geschrieben am

Zehn Jahre erfolgreiches Musikerdasein, Verbindungen zu den schillerndsten Persönlichkeiten der Musikszene, die bisher ansprechendste Platte der Bandgeschichte produziert und eine sehr gut verlaufene Tournee absolviert - Christoph Dreher, seines Zeichens Bassist der Berliner Underground-Helden DIE HAUT, hat allen Grund, optimistisch und voller Tatendrang in die Zukunft zu schauen.

C.D.: Unsere großen Konzerte im August (u.a. in Köln beim »Monsters of SPEX«) waren sowohl vom Publikumszuspruch als auch für alle Musiker äußerst zufriedenstellend. Wahrscheinlich das Inspirierendste, was wir mit der HAUT seit Jahren gemacht haben. Diese Konzerte haben nicht unerheblich dazu beigetragen, daß wir im November nochmals auf Tour gehen (u.a. am 20.11. in Bremen). Live werden wir natürlich viele Instrumentals bringen, zumal diese bei den Konzerten im August sehr gut angekommen sind.

INTRO: Sind wieder Gastmusiker dabei?


C.D.: Lydia Lunch und Kid Congo Powers (Gitarrist bei GUN CLUB) begleiten uns die gesamte Tour. Alexander Hacke (u.a. Gitarrist bei den EINSTÜRZENDEN NEUBAUTEN ), den wir schon aus einigen Berlin-Projekten kennen, ist in Süddeutschland dabei. Auf der Hälfte wird er - wenn alles klappt - von Jeffrey Lee Pierce ersetzt. Alexander hat schon bei den August-Konzerten gesungen und dabei eine erstaunlich gute Figur abgegeben. Ab April ist dann eine Welttournee geplant, u.a. bei der WDR-Rocknacht, in Paris, London, New York usw.

INTRO: Warum ausgerechnet zum Jubiläum ein eher untypisches Vokal-Album? Fingerzeig für die Zukunft?

C. D.: Das Jubiläum ist zufällig mit »Head on« zusammengefallen. Schon vor drei Jahren haben wir uns vorgenommen, die beiden verschiedenen Stile von DIE HAUT auf zwei verschiedene Platten zu bringen. »Die hard« war das Instrumental-Album, »Head on« zeigt unsere songschreiberische Seite. Auch in Zukunft werden wir uns nicht für eine Linie entscheiden, was wir live mit dem Splitting Instrumentals/Gesang ja auch dokumentieren.

INTRO: Habt ihr die Stücke bewußt auf Gesang hin komponiert?

C. D.: Wir haben die Stücke so wie sie sind zu den Sänger/innen geschickt; sie sind zumindest auf deren Persönlichkeit zugespitzt. Aber wie diese Vorgabe zum Gesamtsong inkl. Text genutzt wurde, lag einzig und allein in der Hand der Gastmusiker/innen. Am meisten Schwierigkeiten hatte überraschenderweise Alan Vega, obwohl wir schon seit 7 Jahren eine Zusammenarbeit geplant haben und »...Franchise« unserer Meinung beinahe SUICIDE pur war. Inzwischen ist er jedoch begeistert und hat sich durch den Song für seine Solo-LP inspirieren lassen.

INTRO: Liegt nach »Head on« nicht der Wunsch nach einem festen Sänger nahe ?


C.D.: Natürlich haben wir bereits überlegt, einen dauerhaften Sänger in die Band aufzunehmen. Aber die momentane Lage bietet doch zu viele Reize und Herausforderungen; einerseits durch die Instrumentalstücke, aber auch die Kooperation mit fremden Sänger/innen ist ausgesprochen inspirierend - übrigens für beide Seiten, wie man bei Alan Vega sieht. Jemand, der über mehrere Stücke singt, wäre sicher ganz praktisch, aber wir haben da überhaupt keine Eile und gehen die Sache ganz relaxt an.

INTRO: Wie lief die Zusammenarbeit mit Jeffrey Lee Pierce, der ja als äußerst schwieriger Mensch verschrien ist?

C.D.: Tatsächlich? Das halte ich für ein Gerücht. Er is ein völlig liebenswerter Zeitgenosse, der natürlich in seinem Dasein als Musiker aufgeht und damit vielleicht einige Leute vor den Kopf stößt. An unseren großen Jubiläumsgigs konnte er nur wegen seiner Leberschäden nicht teilnehmen, zumal er drei Monate im Krankenhaus gelegen hat. Aber wenn er seine Gesundheit in den Griff kriegt, gehören THE GUN CLUB zu den energetischsten Gruppen überhaupt, und sie werden sich hoffentlich bald wieder zusammenfinden.

INTRO: Sind Songs auf dem Album, die für Rollins vorgesehen waren?

C. D.: »Burn cryin'«. Wir waren natürlich völlig ratlos in New York. Dann hat unser Produzent Martin Bisi Cristina (Sängerin von BOSS HOG) vorgeschlagen. Wir hatten erst Vorbehalte, weil sie oft spärlich bekleidet auf einigen Magazinen zu sehen war. Aber ihre Ausstrahlung ist sehr inspirierend und erfrischend, und wie man hört, war sie dann auch mehr als nur ein Ersatz. Sie hat sogar noch einen Text für Debbie Harry geschrieben und uns dadurch gleich zweimal ausgeholfen.

INTRO: Ist ein Ersatz für das geplatzte Projekt mit Henry Rollins geplant?


C.D.: Absolut! Rollins ist langjähriger Fan von DIE HAUT, und wir haben noch zwei Stücke, die er singen könnte. Das wird garantiert nachgeholt, aber konkret wird die Sache erst bei Produktion der neuen Platte. Das war absolut ärgerlich in New York: Kurz vor den Aufnahmesessions wird Henrys bester Freund erschossen, er wird als Hauptverdächtiger verhaftet und vom FBI verhört; wahrscheinlich weil er etwas brutal aussieht. Die haben wohl einen Schwulenmord vermutet.

INTRO: »Head on« ist mit vergleichsweise geringer Promotion erschienen. Das überrascht angesichts der beteiligten Musiker.

C.D.: Ich glaube, das Album wird angemessen gefeatured, und es verkauft sich auch sehr gut. Wir wollten nur sichergehen, daß es als DIE HAUT-Album und nicht mit unseren »Stargästen« hausieren geht, obwohl die natürlich maßgeblich zum Erfolg beigetragen haben.

Bei so viel Aktivität ist es verwunderlich, daß die Mitglieder von DIE HAUT noch Zeit für Einzelprojekte haben. Das bekannteste ist wohl das von Schlagzeuger Thomas Wydler, der schon bald wieder (u.a. mit Blixa Bargeld) bei den BAD SEEDS mitwirken wird. Christoph Dreher kümmert sich derweil um die vernachlässigte Musiklandschaft im Fernsehen (MTV kann man fast vollständig vergessen...) und arbeitet mit seiner Videoproduktionsfirma »Weltbild« an einer Musiksendung für 3-Sat namens »Lost in Music«. Ansehen!