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Material, Sixteen Years Of Video Material

Die Goldenen Zitronen, Alec Empire / Atari Teenage Riot

Während die Zitronen wichtige Worte sprachen und in den Wohlfahrtsausschüssen den Diskurs suchten, sprangen ATR kompromisslos auf LKWs und riefen zur "Revolution Action" auf.
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Während die Zitronen wichtige Worte sprachen und in den Wohlfahrtsausschüssen den Diskurs suchten, sprangen ATR kompromisslos auf LKWs und riefen zur "Revolution Action" auf, zur Zerstörung der Kultur der letzten 2000 Jahre, lieferten sie den Soundtrack.

Eine der wichtigsten deutschen Bands meiner Generation schickt mal wieder etwas vorbei. Kongenial "Material" betitelt und nicht weniger als eine Werkschau in bewegten Bildern, ein Dokument dessen, was Punk immer ausgezeichnet hat: Selbstermächtigung, Wandlungsfähigkeit und Wahrheiten. Also Punk, wie ihm Martin Büsser hier Monat für Monat das Wort spricht, und nicht die eher wertkonservative Form, wie sie Linus Volkmann gerne und regelmäßig in den letzten Jahren in den Besprechungsteil schmuggelte, aus Nostalgie, aus Freunde an der Stumpfheit, aber auch, da er schon früh spürte, dass in Zeiten des deregulierten Sozialstaates selbst diesem Punk das Comeback gesprochen werden müsse; so viel zum Stichwort "endgültige Wahrheiten".

Die Zitronen - das für all jene, die sehr lange geschlafen haben - begannen an der Seite der Toten Hosen als Funpunks, nur lustiger und besser angezogen, wandelten sich aber im Gegensatz zu diesen zur Wendezeit zu einer Band, die ausspricht, was in diesem Land zu sagen ist: zu störrischen Beobachtern dieses neuen Deutschlands. Wenn ihr ehemaliger Labelmacher, Fabsi vom Weser-Label, auf der DVD nun ehrlich (was ihn ehrt) erzählt, dass er ab jenem Punkt nichts mehr mit ihnen habe anfangen können, als sich ihre Texte wie aus der Tageszeitung zitiert lasen, dann ruft dies in Erinnerung, wie steinig der Weg war, wie groß die Kluft, die sie sich da antaten. Wie alle Künstler, die mehr im Sinne haben als Karriere und schnöden Mammon, mussten sie diesen Weg aber einschlagen.

Was der Verweis auf die Texte ausblendet, mal ganz abgesehen davon, dass man diesen damals wie heute schon gefühlt folgen muss, wenn man auch nur den Hauch von linkem Selbstverständnis in sich trägt, ist, dass die Zitronen damit einhergehend auch den Sound transformierten. Ihr 90er-Punk-Update, das bis heute anhält, ist ein widerspenstiges Miteinander von Elektronik, HipHop, Rock und Jazz, hektisch, manchmal wirr, immer ruhelos und unruhig. Neben den Bildern und Geschichten aus den Anfangstagen, die einen nicht nur wegen der jungen Gesichter von Band und Weggenossen (wie Daniel Richter, der, auch das lehrt der Film, für ein Jahr Manager der Band war, und Rocko Schamoni, der, auch das haben viele vergessen, einst mit der Band eng unterwegs war) und der kreativen Bühnenoutfits oft schmunzeln lassen, ist es vor allem diese Umbruchphase, die den Reiz des Films ausmacht.

Der Film selbst ist chronologisch aufgebaut, spielt als Trumpf ein paar gute Ideen aus wie jene, dass zwei Rentner Interviewpassagen von Schorsch Kamerun und Ted Gaier sprechen, ist ansonsten aber angenehm unambitioniert. Hier wusste einer, dass die Band allein schon das Format trägt und nicht das Setting. Als Bonus gibt es auf der Doppel-DVD alle Clips der Band sowie eine Doku zu Albumaufnahmen in Rumänien.
Genug aus Hamburg.

Schauen wir zurück nach Berlin. Bewusst in der Vergangenheit formuliert, da ich Atari Teenage Riot nicht mehr mit derselben Wucht als aktiv empfinde wie Die Goldenen Zitronen. Was dem Respekt für sie und ihre Haltung und ihre Musik aber keinen Abbruch tut. Die Form, für die sich Alec Empire, Hanin Elias, Carl Crack und die später hinzugestoßene Nic Endo entschieden hatten, dieses so unglaublich intensive, explosive Gebräu, das sie selbst als Digital Hardcore bezeichneten, konnte nur mit voller Wucht gegen die Wand gefahren werden; der Blick auf die Soloprojekte, der auf der DVD getätigt wird, zeigt aber auch bei ihnen die Offenheit und Fähigkeit, den Stil zu modifizieren, nur zuletzt eben nicht mehr mit dieser Stilsicherheit und Intensität der ersten Jahre.

Während die Zitronen wichtige Worte sprachen und in den Wohlfahrtsausschüssen den Diskurs suchten, sprangen ATR kompromisslos auf LKWs und riefen zur "Revolution Action" auf, zur Zerstörung der Kultur der letzten 2000 Jahre, lieferten den Soundtrack zum "Riot", zu den Berliner 1.-Mai-Protesten, mit ordentlich "Speed" im Blut, "Sick To Death" und immerzu united mit den Kids. Mehr Slogans geht nicht. Mehr Energie auch nicht. Ein Wirbelsturm tobte damals über Deutschland mit Alec Empire als Role-Model. Heute haben wir stattdessen Ed Banger - bloß dass denen die Inhalte abgehen.