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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Bands, die dieses Jahr garantiert noch für Furore sorgen

Die elf besten Acts des Eurosonic Noorderslag 2014

Auch 2014 hat das Eurosonic Noorderslag Festival in Groningen gehalten, was wir uns von ihm versprochen haben: Eine tolle, musikinteressierte Atmosphäre in der ganzen Stadt, wunderbare kleine Clubs und Konzertsäle und nicht zuletzt viele musikalische Entdeckungen. Diese elf Auftritte haben es uns dieses Jahr besonders angetan.
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1. Benjamin Clementine (Mittwoch, 22:15 Uhr, Grand Theatre Up) Ein bestuhltes, kleines Theater. Die Bühne ist leer, bis auf ein altes Klavier. Auftritt: Benjamin Clementine. Der in Paris lebende Brite kommt barfuss, mit hängenden Schultern unter einem schweren Mantel. Er grüßt leise, bleibt neben dem Klavier stehen, blickt ins Publikum, kurz, dann zögert er, starrt auf sein Instrument. Noch ist nicht ein Ton erklungen, und schon füllt Clementine die Bühne mit seinem fast grimmigen Charisma. Er nimmt Platz, spielt ein paar Töne, beschwert sich beim Tonmann, dass etwas mit dem Pedal nicht stimme. Der scheint’s nicht zu hören. Clementine zuckt mit den Schultern und spielt los.

Es wird ein kurzes Vergnügen, vier Songs mit beklemmenden Pausen dazwischen, in denen der laute Soundcheck aus der Haupthalle des Grand Theaters nach oben dringt. Clementine wirkt in diesen Pausen noch ein wenig mieser gelaunt, setzt mehrmals an, sich über die Situation aufzuregen, aber dann reißt er sich immer wieder am Riemen und spielt zum Beispiel ein Stück namens »I Won’t Complain«, das in diesem unseligen Rahmen nicht besser hätte passen können. Und wie er spielt, dieser Typ! Wenn man schon durch seine stumme, sture Art irgendwie seltsam elektrisiert war, haut er einem mit seinem Klavierspiel und seiner Stimme komplett aus dem Stuhl. Wie beseelt gibt er mal den Crooner, dann den Soulboy, um nur wenige Sekunden später einen rauen Blues in den Saal zu bellen. Als ihn kurz vor Ende der Show jemand aus dem Publikum mit dem iPhone fotografiert, starrt er den Typen an, fragt: »Why do you take a photo?« Antwort: »Why not? Do you have a problem with it?« Clementine dazu: »Yeah, actually I do have a problem with it. It’s illegal, you know? I like to be asked first.« Blicke wie Blitze, dann wieder einer dieser Momente, in denen er auf sein Klavier starrt – und dann gibt es noch einen letzten Song. Ach, wie gerne hätte man noch zehn weitere gehört…

 

 

 

 

2. Jungle (Donnerstag, 20:22 Uhr, Simplon) Die Zauberformel für störungsfreien Einlass beim Eurosonic ist ganz einfach: pünktlich sein. Denn obwohl Jungle im Vorfeld als einer der viel versprechenden Acts gehandelt wurden, ist ihre Show am Anfang noch überschaubar besucht. Dabei bietet die britische Band, die bislang mit zwei grandiosen Singles auf dem Label XL Recordings auf sich aufmerksam machte, viel auf – mehr als man erwarten konnte: Ganze sieben Musiker machen die Show von einem Electro-Soul-Set zu einem lebendigen Big Band-Auftritt. Das kommt sehr gut an, könnte aber, wenn die Band ihr Zusammenspiel weiter verfeinert, noch viel besser werden. Für das Bestehen der ersten Nagelprobe in Groningen reichen ihre Hits wie »The Heat« oder »Platoon« aber aus. Trotzdem: hier geht noch viel mehr! Das merken auch die Fans, die wegen der langen Schlange vor dem Club am Ende nur noch wenige Takte mitbekommen.

 

 

 

 

3. Paus (Donnerstag, 21:05 Uhr, Vindicat) Die Portugiesen Paus hatten im Vorfeld wohl nur die im Blick, die die regelmäßigen Empfehlungen des Primavera Festivals aufmerksam verfolgen. Dementsprechend überschaubar ist der Publikumszuspruch im Vindicat – Portugal steht eben immer noch nicht auf der Landkarte der angesagten europäischen Pop-Nationen. Trotzdem überrascht dieser Auftritt alle. Denn das Quartett ist live wuchtiger und energetischer als jede andere Band des diesjährigen Line-up. Im Zentrum ihrer Bühnenshow stehen zwei Drummer, dahinter Bassist und ein Typ, der wahlweise Gitarre und Synthesizer bedient. Nicht nur der Aufbau erinnert an Helden wie Trans Am, HEALTH, Holy Fuck oder sogar Battles, sondern auch die Show selbst. Die Band spielt einen von Electro und Kraut infizierten Postrock, der die Hardcore-Wurzeln der Band offenbart und das Publikum bis in die hinterletzten Reihen antreibt. Auf jeden Fall ein Act, der diesen Sommer jedes Publikum für sich gewinnen kann.

 

 

 

 

4. Lulu James (Donnerstag, 21:30 Uhr, Platformtheater Main) Kann man über eine Künstlerin wie Lulu James schreiben, ohne die Äußerlichkeiten zu erwähnen? Der Auftritt der jungen Britin beantwortet diese Frage mit einem lauten: »Nein«. Aber bevor es so weit ist, sollte man noch ein kleines Hohelied auf ihre musikalischen Qualitäten vorausschicken: Vor allem die aktuellsten Singles »Sweetest Thing«, »Step By Step« und »Closer« sind wundervolle Popsongs, wie sie die junge britische Künstlergeneration in letzter Zeit in schöner Regelmäßigkeit raus haut. Zeitgemäß produziert, erotisch und dunkel knisternd, catchy, perfekt gesungen. Lulu James zeigt auf der flachen Bühne des Platformtheaters, das sie ihr Handwerk auch live beherrscht. Vor allem das wundervolle »Sweetest Thing« sitzt. Und trotzdem tuschelt Männlein wie Weiblein auch und vor allem über ihr Outfit, über das kunstvoll drapierte Kopftuch, das sie zum ersten Song trägt, über den goldenen Gesichtsschmuck, eine Kette, die augenscheinlich an ihren Ohren hängt und ihr mitten durchs Gesicht baumelt, über die im selben Stil gehaltenen goldenen Ketten, die sie an ihren Oberschenkeln trägt, über den nur das nötigste bedeckende Body und über die nach eigener Auskunft 18cm hohen Absätze. Das Publikum ist sich einig, dass manches ein wenig übertrieben scheint, ein wenig zu sexy und effektheischend. Andererseits sind viele berauscht von dieser Frau, die schon jetzt wie ein Popstar aus einer benachbarten Galaxie wirkt.

 

 

 

 

Die Fotos vom Eurosonic Noorderslag 2014 findet ihr hier in unserer Galerie:

5. Bear’s Den (Donnerstag, 22:45 Uhr, Stadsschouwburg) »We’re sorry that our songs are so depressed«, sagen Bear’s Den auf der wundervoll ausgeleuchteten Bühne der Stadsschouwburg, einer der schönsten Locations in Groningen. Och, macht aber gar nix, Jungs. Der melancholische Folk der Engländer mag zwar stilistisch nicht die Neuerfindung des Rades sein, aber Lieder wie »Agape« und das epische »Sahara« sind verflucht gutes Handwerk, das sie live mit dem richtigen Maß an Leidenschaft verbinden. Und welche Band hat schon einen Schlagzeuger, der gleichzeitig den Bass spielen kann? Eben. Wäre der Sound anständig gewesen, hätte man nix zu meckern gehabt, so bleibt ein kleiner Stich, für den sie freilich nichts können. Wie so oft bei Bands mit vornehmlich depressiven, oder sagen wir melancholischen, Liedern, verbergen sich dahinter übrigens prächtig gelaunte Typen, die sich beim Interview mit uns herzlich für unsere Empfehlung im Vorfeld bedankten. Da nich’ für...

 

 

 

 

6. Jaakko Eino Kalevi (Donnerstag, 23:23 Uhr, Forum Images) Eines muss man den Finnen lassen: Sie wissen, wie sie einen Live-Auftritt optisch gewitzt aufwerten können. Dabei hätte es das angesichts der Klasse von Jaakko Eino Kalevis erster EP auf Domino gar nicht gebraucht. Trotzdem macht das Setup des Schlacks’ mit der langen blonden Metal-Matte mit seinem Popper-Schlagzeuger und der Saxofonistin mit den zentimeterlangen High Heels eine Menge her. Musikalisch wavt er höchst elegant durch seinen von den Achtzigern beeinflussten Synthie- und Dream-Pop – genau auf der Schiene von Acts wie John Maus oder Ariel Pink. Das wird in diesem Jahr noch an vielen Orten sehr gut ankommen.

 

 

 

 

7. Okta Logue (Donnerstag, 1:00 Uhr, Shadrak) Endlich wieder eine einheimische Band, bei der das Bescheinigen von Chancen auf dem Weltmarkt nicht nur eine höfliche Aufmunterung ist. Okta Logue aus Frankfurt haben bereits in den USA veröffentlicht und werden 2014 beim SXSW sowie der Canadian Music Week spielen. Vorher beehren sie das Eurosonic und spielen im Obergeschoss der dezent angegrauten Studentenkneipe Shadrak. Aufregen wollen andere, dieses Quartett lotet Stimmungen in kleinsten Tempowechseln und sanften Gitarrensoli aus. So spannend klang Midtempo selten in letzter Zeit. Das Publikum bedankt sich bei der Band durch hypnotisches Mitwippen und sucht Pink Floyd und Procol Harum bei iTunes.

 

 

 

 

8. George Ezra (Freitag, 14:30 Uhr, Coffee Company) Man könnte denken, es gäbe dankbarere Spielorte als die Filiale einer modernen Kaffeehauskette. Aber wer in Groningen am Nachmittag beim offiziellen Festival-Ableger »Platosonic / Coffee & Music« vorbeischaut, bei dem abwechselnd in Groningens bestem Plattenladen Plato und eben in der Coffee Company gespielt wird, muss dieses Vorurteil revidieren. George Ezra hat jedenfalls kein Problem damit, dass hinter ihm Studenten mit Laptops sitzen und nur zwei Meter vom Mikroständer entfernt Milchkaffees verkauft werden. Aber wer so eine Stimme hat wie dieser junge Engländer, muss sich eh keine Sorgen machen. So singt er von seinem Kumpel »Benjamin Twine«, von den Launen des Wetters »Did You Hear The Rain« und von »Budapest«. Und alle kleben an diesen sanften Lippen und diesem braven Gesicht, aus dem eine bluesig raspelnde Stimme dröhnt, die er sich nach eigener Aussage antrainiert und nicht angesoffen hatten – was man ihm dank seiner gesunden Gesichtshaut glatt glauben mag.

 

 

 

Die Fotos vom Eurosonic Noorderslag 2014 findet ihr hier in unserer Galerie:

9. Mighty Oaks (Freitag, 23:05 Uhr, Stadsschouwburg) Wenn schon der Vorraum voll ist mit Bookern und Journalisten, bestehen keine Zweifel mehr, dass diese Band sehr hoch gehandelt wird. Nach zwei EPs stehen Mighty Oaks gerade vor der Veröffentlichung des Debütalbums und haben bislang alles richtig gemacht. Sänger Ian Hopper wirkt wie eine Mischung aus Kings Of Leons Caleb Followil und die US-Serienversion eines Grunge-Sängers, seine beiden Mitmusiker ergänzen seine Stimme durch ihre perfekt, und insgesamt wirkt der Sound wie eine Westcoast-Version von Mumford & Sons, die sehr viel Weite und positive Vibes in sich trägt. Genug davon, um damit für jede Form von Mainstream interessant zu sein, ohne dabei peinlich zu wirken. Bereits am Nachmittag hatte das Trio in einem rappelvollen Kaffeehaus gespielt, vor dem die Leute in langen Schlangen anstanden. Kein Zweifel: Die drei Wahl-Berliner laufen überall offene Türen ein.

 

 

 

 

10. Blaenavon (Freitag, 23:50 Uhr, De Spieghel) Wie passend, dass Blaenavons stärkster Song »Wunderkind« heißt. Das müssen diese drei jungen Herren allesamt sein, wenn sie schon mit 17 klingen, als würden sie seit zehn Jahren gemeinsam musizieren. Während die bisher veröffentlichten EPs »Koso« und »Into The Night / Denim Patches« auf eine glatte Produktion setzen, die vor allem Ben Gregorys edle Stimme in den Vordergrund stellt, zeigen sie im Spieghel, wieviel Freude sie auch am dreckig rausgequälten Schweinesolo haben und wie sehr sie die Momente mögen, in denen sie ihre aufgeräumten Songs zerreißen, um sich mit einer kleinen Noise-Einlage bei Laune zu halten. Das juvenil Ungestüme und die Freude am Spiel sind dabei ein sehr erfrischender Kontrast zum ernsten Songwriting, der ihnen ziemlich gut steht. Blickfang bleibt vor allem Gregory, der auch Gitarre spielt und mit seinem langen Haar und dem dramatischen Babyface darunter einen veritablen Frontmann abgibt. Umso angenehmer, dass man nie das Gefühl hat, er würde sich in den Vordergrund spielen wollen.

 

 

 

 

11. Larry Gus (Freitag, 23:55 Uhr, Simplon) Wo hat sich dieser Typ nur so lange versteckt? Vermutlich hat der Grieche Larry Gus in den letzten Jahren die ganze Zeit in einem Keller an seiner Live-Performance gearbeitet. Denn so einen unterhaltsamen Solo-Electro-Live-Act hat man bislang selten gesehen. Das liegt auch daran, das Gus selbst, letztes Jahr erst mit seinem tollen Album »Years Not Living« über LCD Soundsystems DFA-Label herausgekommen, ein großartiger Entertainer ist. Immer wieder unterbricht er seine mitreißenden Sequenzer-Schraubereien über Rare Groove-Beats für verblüffende Ansagen, etwa über Masturbation auf der Flughafen-Toilette. Das bisweilen etwas reservierte Eurosonic-Publikum liegt ihm zu Füßen. Wie der wohl erst performen wird, wenn es in den Festivalzelten warm und er in seinem Element ist?

 

 

 

Die Fotos vom Eurosonic Noorderslag 2014 findet ihr hier in unserer Galerie: