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10 Jahre »Whatever People Say I Am, That's What I'm Not«

Arctic Monkeys im Gespräch

»Whatever People Say I Am, That's What I'm Not« von den Arctic Monkeys wird dieser Tage auch schon zehn Jahre alt. Startschuss einer Riesenkarriere. Wir werfen einen Blick zurück ins späte Jahr 2005: kurz vorm Release trafen wir die Band in Köln und Berlin. 
Geschrieben am
Mittlerweile ist das ja nichts Neues mehr: britische Bands, die mit ihrem ersten Album für Furore sorgen, als wären sie alteingesessene Bestseller. Das neueste Beispiel: die Arctic Monkeys aus Sheffield. Vier Typen im Alter von 19 und 20 Jahren mit nicht mehr als ein paar Demosongs Vorlauf, dann aber mit ihrer ersten richtigen Single "I Bet You Look On The Dancefloor", veröffentlicht auf dem offenbar mit goldenen Händchen versehenen Domino-Label, im UK von 0 auf 1. Eine klassische Indie-Band lässt aus dem Stand Robbie und die Sugababes links liegen. Wahnsinn! Aber was steht dahinter? Und was erklärt den enormen Erfolg ihrer Musik? Wir hatten das Glück, die Band in den letzten Monaten gleich mehrmals zu treffen.

11.11.2005 Köln, Underground

Die Nachricht, dass die Arctic Monkeys in England die Spitze der Singlecharts erklommen haben, muss auch den Bestinformiertesten noch relativ neu sein. Trotzdem ist ihr erstes Köln-Konzert nicht nur ausverkauft, nein, die geladenen Medienvertreter stehen sich bis ins Freie hinaus die Beine in den Bauch, um Einlass zu bekommen. Die Prinzipien der Hypemaschinerie sind seit Jahrzehnten gleich geblieben, diese hat aber, mal wieder, ihre Schlüsselbegriffe gewechselt: Sie heißen heute "England", "Franz Ferdinand", "Domino" und "Gitarren". So sehr die britische Postille NME für ihre stilistische Engstirnigkeit, ihre reißerische Verarbeitung von neuen Acts und ihren Hang zu Boulevard-Schlagzeilen auch zu verachten ist, man muss doch konstatieren, dass sie sich wieder in ihrem Element befindet: Das, was musikalisch ihr Stammgebiet darstellt, ist wieder en vogue, alle beachten, womit sie groß aufmacht, und sie kann aus einem randvollen Pool neuer Gesichter schöpfen.  

Und die Arctic Monkeys? Sie stellten sich den Mechanismen bisher mit einer stoischen Gleichmütigkeit: "Don't believe the hype!" formulierte es Sänger Alex Turner plakativ. Gleichzeitig ist es natürlich ein ironischer Zug, wenn sie vor der Maschinerie warnen und gleichzeitig die momentan wohl gehypteste Band des Planeten sind. Ein letztlich sinnentleerter Trademark-Spruch also? Oder doch ein Zeichen, dass die Band all dem Wirbel um sie herum hilflos ausgeliefert ist? Und somit Spielball der schäumenden Medien? Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. Wenn sich Alex in Interviews plötzlich zu vollmundigen Attacken hinreißen lässt (wie gegen die Kaiser Chiefs oder zuletzt Pete Doherty), stürzt sich die Gossip-geile britische Musikpresse natürlich auf die wenigen Brocken und bläst einzelne Sätze zu handfestem Beef auf. Die Frage, ob das letzten Endes doch wohlkalkuliertes Einscheren in die gängigen Zusammenhänge oder schlicht Naivität ist, lässt sich kaum klären.  

Sicher ist: Die einzigen Promotion-Tools, die man als Band aktiv und selbstbestimmt zu nutzen in der Lage ist, sind Livekonzerte. Und die muss man erst mal ansprechend performen. Im Fall der Arctic Monkeys mit nur einem den meisten Leuten noch komplett unbekannten Album und in einem Alter, in dem es noch nicht besonders viele Gigs zum Training gegeben haben kann. Aber trotz ihrer kurzen Geschichte haben sie genug Aufsehen erregt, um mittlerweile all ihre Konzerte auszuverkaufen. Zur Hilfe kam ihnen dabei das Internet. Bzw. die unzähligen Weblogs. Dort multiplizierte sich die Nennung ihres Namens spätestens nach Release der ersten Albumauskoppelung derart rasant, dass viele Menschen erreicht werden konnten, um den Namen Arctic Monkeys so richtig klingen zu lassen.
Klingen lassen sie live in Köln auch die Ohren der Anwesenden. Die wenigen Songs ihres Repertoires erweisen sich als so einfach wie smart, sodass Euphorie nahezu vom ersten Ton an den Saal erhitzt. Darüber hinaus ist es ein ganzer Haufen mitgereister britischer Fans, der die Stimmung dem Siedepunkt annähert. Lautstarke Sprechchöre, wilde Tänze und mitgrölende, errötete Gesichter prägen das Bild. "Sie sind extra hergeflogen, um uns zu sehen. Das erleben wir öfters. Es sind auch nicht immer dieselben Leute", wird Gitarrist Jamie Cook später dazu sagen. Warum das so ist, ist ihm ein Rätsel. Ist es vielleicht gar eine Art "self fulfilling prophecy", sich in Zeiten eines immer unüberschaubareren Tonträgermarktes nur noch intensiver auf die Acts zu stürzen, die von einer omnipräsenten, einmütig urteilenden Medienlandschaft empfohlen werden? Oder ist es doch eine Art wundersame Magie der Monkey'schen Musik?  

An dem, was als "perfekt durchgestylte Rockshow" für außerordentliches Identifikationspotenzial stehen könnte, kann es nicht liegen, denn bei aller atmosphärischen Eindeutigkeit der Songs ist das Auftreten der vier Jungmänner aus Sheffield alles andere als stromlinienförmig. Sie scheren sich offensichtlich nicht übermäßig um ihr Outfit, ihre Tanzschritte sind dünn, wenn auch effektiv, und der Mut zur großen Geste hat weder Turner noch ein anderes Bandmitglied bisher ergriffen. Wenn man diese Bedeutungssphäre bemühen will, muss man viel eher sagen, dass die Arctic Monkeys mehr als jede andere aktuelle britische Band den Charme völlig normaler britischer Heranwachsender verkörpern. Kein Art-School-Kontext, kein ausladender, expressionistischer Gestus mit wilden, selbstironischen Kostümen und kein Anspruch, in irgendeiner Form politisch zu agitieren. Und wenn man den vier Typen gegenüber sitzt, bekommt man auch nicht den Eindruck, dass sich das je ändern wird. 

Selbst dem Style-verliebten Kölner Britpop-Publikum macht das nichts aus. Es feiert eine Band, die selbst noch nicht richtig begriffen hat, in welche Rolle sie da eigentlich in den letzten Monaten geschlüpft ist oder eben auch gedrängt wurde, sich darüber aber auch keine großen Gedanken macht. Weder über die Möglichkeiten und Potenziale, die daraus erwachsen, noch über die Risiken. Ihre Strategie ist die hartnäckige Negation von allem, was ihnen ungemütlich werden könnte. Erkennbar an der Antwort Cooks auf die Frage, wie sie denn mit all den Artikeln umgehen würden, die Woche für Woche über sie zu lesen seien: "Das ist uns völlig unwichtig. Fuck them. Das ist doch alles bloß Scheiße." Ganz nach dem Motto: Niemand wird mir je etwas über mich sagen, was ich nicht schon selbst weiß. Und ihr, unsere Fans, solltet nichts von dem ganzen Geschreibsel glauben. Getreu dem Albumtitel, der da lautet: "Whatever People Say I Am, That's What I'm Not".
02.12.2005 Berlin, Restaurant Mädchenitaliener  

Als ich die Band knapp einen Monat später wieder treffe, bestätigt sich der Eindruck, der nach Lektüre der ersten Medienberichte absehbar war: Die Arctic Monkeys geben sich einmütig verschlossen, aber unbeeindruckt. Wenn überhaupt, könnte man sagen, dass der Promotionmarathon seine Spuren hinterlassen hat. Denn während Cook sich noch bemüht, den vielen Fragen gerecht zu werden und sich einigermaßen auf sie einzulassen, belässt es Turner meistens dabei, Unverständliches vor sich her zu nuscheln oder zu gähnen. Die Oasis-Coolness zieht noch immer, jedenfalls in den englischen Midlands. Die Schutzmechanismen, um gegen die Gefahren unbedachter oder gar peinlicher Äußerungen gefeit zu sein, greifen hier voll, und nur wenig lässt die Band aus ihrer Pose auffahren. Arctic Monkeys stehen als Band wie so viele andere für den Mythos, dass Musik, losgelöst von jeglichen sozialen Zusammenhängen, ausschließlich als mitreißendes Klanggemälde funktionieren soll. Man wehrt sich reflexartig gegen jegliche Eingemeindung in Phänomene welcher Art auch immer. "Whatever People Say I Am, That's What I'm Not". Das Ding ist Sheffield, da sind sie zu Hause, und da sitzen die Leute, die ihre Hood bilden, die ihnen vertrauen. Die Wertmaßstäbe des HipHop funktionieren nun auch hier: Wir sind wahr, weil wir wissen, wo wir herkommen. Diesmal sprechen halt Gitarren und nicht der Plattenspieler.  

Diese ganze Inszenierung weckt offenbar starke Identifikationspotenziale, jedenfalls scheint die Fanbase der Monkeys so engagiert zu sein wie schon lange keine mehr. Weite Anreisen zu Konzerten sind keine Seltenheit, entsprechend euphorisch die Publikumsreaktionen überall auf dem ganzen Kontinent. Der NME proklamierte schon die "Arctic Army" und klopfte den Enthusiasmus von Konzertbesuchern daraufhin ab, ob sie sich als Mitglied dieser wie auch immer gearteten Fanschar fühlen würden. Auch wenn diese Armee noch nicht so institutionalisiert sein mag wie z. B. die Fanorganisation "Turbojugend" von Turbonegro, erklären diese Phänomene doch ein Stück weit das, was selbst große Teile der an Indiepop interessierten Musikhörer mal wieder suchen: nämlich Authentizität - keine choreografierten Rockshows, sondern den Jungen mit der Gitarre aus dem Nachbarhaus. Ergo den Schein von Wahrhaftigkeit. Hatten wir doch schon, oder? Klappt aber auch in der x-ten Auflage. Der Band selbst ist der Gedanke an solche Theorien, man kann es sich denken, relativ egal.  

Ihr seid ja aus Sheffield. Was für eine Stadt ist das eigentlich?

Jamie: Das ist eine ziemlich kleine Stadt. Sie ist sehr hübsch. Ein bisschen wie, na ja, eigentlich sind alle Städte unterschiedlich. Die Gebäude sind alle unterschiedlich, aber es gibt überall Plätze, an denen es nett ist. 
Alex: Es gibt auch einige tolle Bands, die von dort kommen. [beginnt, unverständliche 
Bandnamen aufzuzählen]
 

Die einzigen Sheffielder Bands, die ich kenne, sind Human League und ABC. Kennt ihr die? Haben die eine Bedeutung für euch? 
A: [murmelt weiter] Human League, ABC, they're all gone.
J: Nein, da gibt's keine Verbindung.
 

Ich habe euch in Köln live gesehen. Am meisten haben mich die Reaktionen des Publikums beeindruckt, besonders die des britischen Teils. Wie erklärt ihr euch diesen Enthusiasmus? 

J: Ja, das war überwältigend. Wir hätten auch nicht gedacht, dass die Leute derart abgehen würden.
Die sind richtig ausgeflippt!
J: Ja. Aber ich glaube, dass auch viele Deutsche unter denen waren, die richtig abgegangen sind. Die deutschen Shows waren alle sehr gut, wahrscheinlich die besten auf dem Kontinent.
 

Lasst uns über Domino reden: Wieso habt ihr euch für sie als Plattenfirma entschieden?

J: Wir trafen Labelbetreiber Lawrence, er war ein netter Typ, sehr natürlich, und er bot uns, was uns wichtig war. 
A: Wir wollten endlich damit aufhören, ein Label zu suchen. Also dachten wir, wir sollten am besten einfach eins auswählen.
 

Kennt ihr euch mit euren Labelmates aus?

J: Nicht wirklich, nein. Wir hatten bisher nichts mit ihnen zu tun.
 

Moment mal. Diese Jungspunde sind mit immerhin Franz Ferdinand auf einem hoch angesehenen Label - und das ist ihnen alles völlig wurscht? Gerade diese letzte Aussage lässt tief blicken. Die Einstellung ist einerseits natürlich autistisch, andererseits eben auch höllisch authentisch und down to earth. "Wir Sind Wir", bellten schon Surrogat. Wo sich Bands wie Franz Ferdinand oder Maxïmo Park eine individuelle Note geben durch Kleidung, Stil und textliche Referenzen, inszenieren sich die Jungs der Arctic Monkeys als boys from next door und verbrüdern sich direkt mit ihrem Publikum. Und grenzen sich dabei auch vom artsy-fartsy Hintergrund gewisser Kollegen ab, die von der Lebenswelt der Fans himmelweit entfernt sind: "All the weekend rockstars in the toilets - practicing their lines", heißt es in ihrer ersten Single "Fake Tales from San Francisco". Keine Flirts mit dem (pseudo-) mondänen Muntermacher, ihr Ding ist natürlich die Volksdroge Bier. Und weiter: "He talks of San Francisco, he's from Hunter's Bar / I don't quite know the distance / But I'm sure that's far." In HipHop-Kreisen, zu denen sie ja - laut eigener Aussage - in ihrer Vergangenheit gehörten, würde man wohl von "keeping it real" sprechen. Gegen Künstlichkeit, gegen Möchtegern. Und für schwitzige Bodenständigkeit. Fast logisch, wenn sie dann komplett vereinnahmt werden: "That's our boys!" schrien die Fans sich immer wieder gegenseitig ins Ohr beim jetzt schon bandintern legendären London-Konzert, als sie freihändig das Astoria, eine 2500er-Location, ausverkauften.  

In anderen Songs setzen sie sich mit konkreten sozialen Umständen auseinander, z. B. in der dritten Single "When The Sun Goes Down". In fast schon getragener Geschwindigkeit erzählt Alex von den Huren vor ihrem Aufnahmestudio: "So who's that girl there? I wonder what went wrong / So that she had to roam the streets", nur um dann zu bemerken: "It's all not quite legitimate." Auf knackigen, gern auch moralischen Common-Sense-Feststellungen wie diesen beruht ihre Attitüde. Und wer verachtet nicht die Zuhälter, die ihre Frauen gnadenlos auf die Straße jagen? Eben. Diese textliche Hemdsärmeligkeit, dieser soziale Realismus hat Alex Turner dann auch Vergleiche mit Mike Skinner von The Streets eingebracht, der sich ja auch an den average lad in uns allen wendet.  

In ihren Songs setzen sie stets auf leichte Zugänglichkeit und versteigen sich weniger in cleveren Arrangements oder ausgefuchsten Sounds. Stimmig wird es, wenn Turner dann auch in Interviews zugibt, nicht gleichzeitig vernünftig Gitarre spielen und singen zu können. Die Attitüde zählt - und sie zahlt sich aus: Ein massives Hit-Album mit wenig Füllmaterial haben sie da scheinbar aus dem Ärmel geschüttelt. Es funktioniert oft schon beim ersten Hören: nachlässig, weggenuschelt und dabei extrem auf den Punkt. Doch zurück zum Interview:  

Nicht dass ihr euch rechtfertigen müsstet, aber was waren eigentlich die Gründe, Musik zu machen, als ihr anfingt? 

J: Oh, ich war vielleicht gelangweilt, ich weiß es nicht. Ich habe etwas gesucht, mit dem man gut Zeit verbringen kann. Es gab keine besonderen Gründe. Nur Spaß haben.
 

Wie nah seid ihr eigentlich euren Fans? Ist es euch wichtig, euch mit ihnen auszutauschen?

J: Ja, schon, aber so bedeutsam ist das nicht, was sie dir erzählen. Sie sagen dir nicht, wie du was tun solltest. Höchstens, dass du tun sollst, was du willst.
 

Was würdet ihr sagen - hat sich euer Stil in der Art entwickelt, dass ihr sehr bewusst nach etwas Neuem gesucht habt, oder kam eure Musik so aus euch, also sehr organisch? 

J: Wir haben versucht, einen eigenen Sound zu entwickeln, der originär unserer ist. Also ein bisschen von beidem, würde ich sagen.


So könnte das noch stundenlang weitergehen. Und irgendwann kommt der Punkt, wo man erkennen und vor allem auch anerkennen muss, dass diese Band die Tretmühle der Promotion eben nur widerwillig mitmacht. Wozu auch? Ihre Songs sprechen für sich, sie beziehen sich auf sich. Und vor allem: auf uns. Wer kann das heute sonst schon von sich sagen?