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Stereloab live

Die Antithese

11.03. Köln, Gebäude9 (mit Four Tet) Ich gebe es zu. Ich habe Stereolab gerade mal bei ’Sound Dust’ (2001) entdeckt. Ich war für das Konzert im Gebäude9 auch nicht auf der Gästeliste, weil da irgendwas falsch lief, und da stand ich draußen und hab mir das schöne ’Margerine Ecplise’-Plakat angesch
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11.03. Köln, Gebäude9 (mit Four Tet)

Ich gebe es zu. Ich habe Stereolab gerade mal bei ’Sound Dust’ (2001) entdeckt. Ich war für das Konzert im Gebäude9 auch nicht auf der Gästeliste, weil da irgendwas falsch lief, und da stand ich draußen und hab mir das schöne ’Margerine Ecplise’-Plakat angeschaut, wo frech ’ausverkauft’ draufgemalt war, und hatte gar kein gutes Gefühl. Wer bin ich denn eigentlich?!

Ich hab dann das ’Emperor Tomato Ketchup’-Losungswort gesagt und war drin. Wie also geht Stereolab live? Und für all die anwesenden Nerds natürlich: Wie geht Stereolab minus Mary Hansen? Das Gebäude9 war eine Kathedrale gestern, der Londoner Laptop-Sampler Four Tet stand an der Kanzel und lieferte die elektronische Blaupause für das, was Stereolab danach in echt nachholen würden. Four Tet sah aus wie der kleinere Bruder von Christoph Schlingensief und performte ein Set, als würde er live und hochkonzentriert seine Spam-Mails löschen. Das war aber auch egal, weil das Publikum seine Synthie-Linien, seine Gitarrensamples und seine modulierten Breakbeats jeweils mitsummen konnte, bevor er sie im Samplewahnsinn auflöste. Großartige Sache und eigentlich ziemlich gewagt.

Stereolab live straften danach all die Klugscheißer Lügen, die jeweils todernst behaupten, von der Londoner Gruppe gäbe es in letzter Zeit keine neuen, sondern immer nur weitere Alben. Stereolab live war die Antithese zur Reduktion auf die Routine: Misstrauen gegenüber den eigenen Melodien, Tempiwechsel, Experimente und Improvisation, mit jedem Ton neu erfunden. Stereolab ohne Mary Hansen war Stereolab mit etwas weniger warmen Harmonien und vor allem eine fast durchs ganze Set französisch singende Band. Laetitia Sadier fragte: ’Are you comfortable?’, irgendjemand sagte ’viel zu eng hier’ und dann ging es los mit fast ausschließlich ’Margerine Eclipse’-Stücken und ohne die alten Hits, die nie richtige Hits waren.

Sie führten ihre detailverliebten Splitter-Arrangements vor, wechselten mühelos das Tempo und die Ebene, schraubten runter und wieder rauf (brillantes Drumming), zeigten in einer Songüberleitung mehr Soundideen und Spielfreude als manch andere Band in ihrem gesamten Backkatalog, schreckten nicht vor Einfachheit zurück, hätten mit einem fliegenden Instrumentenwechsel wohl keine Sau verwundert, wirkten mit Trompete und Posaune (Sadier) stellenweise wie eine konzeptionelle Funk-Brass-Kapelle, an anderen Stellen wie die Reiseführer der ’Making Of-Tour’ ins Stereo-Labor, vor allem dann, wenn sie eine Basslinie aus fünf gleichen Tönen loopten, das Schlagzeug ausbrach, die Orgel durchdrehte, die Stimme von Laetitia Sadier auf ein weiteres Instrument reduziert war, über allem die Trompete die abartig schönste Melodie blies und die Band mit einem zehnminütigen Noise-Experiment, dass sich Sadier die Ohren zuhalten musste, den Sack zumachten, zack, fertig, aus. Ganz großes Kino.