×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Anti-Fanzine Der Neuen Welle

Die 80er Jahre.

In Gelsenkirchen brachte zu Beginn des Jahres 1978 der Künstler und Joseph-Beuys-Schüler Jürgen Kramer die erste Nummer eines New-Wave-Magazins heraus. Das 6-seitige, großformatige Pamphlet, durch dessen Umschlag eine Sicherheitsnadel gezogen war, trug den Titel "Einige Millionen". Der Schriftzug au
Geschrieben am

In Gelsenkirchen brachte zu Beginn des Jahres 1978 der Künstler und Joseph-Beuys-Schüler Jürgen Kramer die erste Nummer eines New-Wave-Magazins heraus. Das 6-seitige, großformatige Pamphlet, durch dessen Umschlag eine Sicherheitsnadel gezogen war, trug den Titel "Einige Millionen". Der Schriftzug aus ausgeschnittenen Buchstaben (wie man es prototypisch von den Schallplattenhüllen der Sex Pistols kannte) war ironisch zu verstehen und spielte auf die gesellschaftliche Marginal- und Außenseiterexistenz der Punks an. Jürgen Kramer nahm mit seinem Magazin jedoch im Punk-Kontext ebenso eine Außenseiterposition ein. Geprägt von seinen künstlerischen Interessen und seinem zwischen 1969 und 1974 absolvierten Studium bei Joseph Beuys, hatte er den Künstler Werner Speis sowie die damals noch recht unbekannten Beuys-Schüler Katharina Sieverding und Felix Droese eingeladen, jeweils eine Seite im Heft zu gestalten.

Die nächste Nummer der Zeitschrift, die im April 1978 erschien, brach mit diesem künstlerischen Schwerpunkt. Das Verhindern einer Kontinuität bzw. Identität sollte einer neuen Jugendbewegung Ausdruck und Form verleihen, die sich nihilistisch und pessimistisch als Anti-Bewegung, als No Wave verstand. Während man die erste Nummer als Negation eines konventionellen Punk-Fanzines verstehen konnte, war die folgende Ausgabe eine Affirmation: ein ganz und gar typisches Fanzine - im handlichen DIN-A-5-Format war es das einzige fotokopierte Heft der Reihe und enthielt vorrangig Informationen über angloamerikanische Punk- und New-Wave-Gruppen.

Von historischer Bedeutung war dann die dritte, im August 1978 veröffentlichte Ausgabe. Hier tauchte auf dem Titel in eckigen Buchstaben erstmalig der Schriftzug "Neue Welle" auf. Der Hamburger ZickZack-Labelchef und Journalist Alfred Hilsberg griff diesen Titel ein Jahr später für seine dreiteilige Artikelserie in der Zeitschrift Sounds auf und wurde damit zum Erfinder der Neuen Welle. Textzitate von Jürgen Kramer und Abbildungen von dessen Zeitschriften in dieser Artikelserie belegen jedoch, dass Hilsberg mit den Gelsenkirchener Aktivitäten wohl vertraut war. Der örtliche Knotenpunkt der Gelsenkirchener Szene befand sich in einer Baracke auf dem Schulhof eines Gymnasiums. Der Joseph-Beuys-Schüler Johannes Stüttgen, Lehrer an dieser Schule, veranstaltete hier eine wöchentliche Kunst-AG. Der sogenannte "Erweiterte Kunstbegriff" von Beuys, der Kreativität über das bloße Malen von Bildern hinaus propagierte, schuf eine offene Atmosphäre, in welche die kreative Aufbruchstimmung des Punk einströmte. 1978 hielten junge Mitglieder der Kunst-AG (die wenig später die Band Salinos gründeten), durch englische Musik mit der neuen Welle infiziert, einen Punk-Vortrag in der Baracke. Dieser verband das Gedankengut Beuys' mit der zugleich lustvoll und nihilistisch aufschäumenden Punk-Welle. Über diesen Vortrag berichtete Jürgen Kramer ausführlich in der dritten Ausgabe.

Für die nächste Nummer änderte er dann erneut Stil, Aufmachung und Umfang. Unter dem neuen Titel "Die 80er Jahre" erschien Ende 1978 ein dickes Portfolio, das eine Fülle von Materialien enthielt: Collagen in den unterschiedlichsten stilistischen Ausrichtungen, Dokumente der New Wave aus verschiedensten europäischen Ländern, aus Amerika und aus dem Ruhrgebiet. Kramer interessierte sich dabei weniger für The Clash oder die Sex Pistols als für extreme Musikphänomene wie z. B. Throbbing Gristle, Pop Group oder SPK. Auch die kalifornischen Residents tauchten in seinem Fanzine auf, noch bevor sie von der regulären Musikpresse in Deutschland entdeckt wurden. Durch die Vermittlung von Jürgen Kramer wurden die damals noch in Wuppertal ansässigen späteren Mitglieder der Düsseldorfer Band Der Plan auf die Residents aufmerksam. Sie sollten eine wichtige Rolle für die stilistische und klangliche Entwicklung der Gruppe spielen. Genauso wichtig waren die ebenfalls durch die Zeitschrift Kramers vermittelten Kontakte zu kalifornischen Bands wie Monitor und dem Musiker Boyd Rice, der den Plan bald darauf in Düsseldorf besuchte und ihm von seiner Begegnung mit Martin Denny vorschwärmte, einem Gründungsvater der Exotica-Musik, die bis heute im Kosmos des vom Plan begründeten Musiklabels Ata Tak eine große Rolle spielt.

Außer den vermittelten Musikeinflüssen ist wichtig zu wissen, dass Der Plan sich personell aus einem Bandprojekt mit dem Namen Weltende entwickelte, in dem Frank Fenstermacher und Moritz Reichelt 1978 gemeinsam mit Jürgen Kramer agierten. Kramer steht als Anreger nicht nur im Kontext der ersten, 1979 veröffentlichten EP des Plans, sondern musizierte gemeinsam mit Sylvia James, die mit Materialschlacht eine eigene wichtige Punk-Band der ersten Stunde hatte. 1979 gründete Kramer eine weitere Gruppe mit dem Namen Das 20. Jahrhundert - von der es leider keine Platten gibt.

Kramer verlor danach sein Interesse an der Neuen Welle in dem Maße, wie diese sich zu einer Modebewegung entwickelte. Deutlich wird seine Reaktion auf diese Entwicklung in der neunten Ausgabe. In dem kleinen, bibliophilen Büchlein wurde auf Kunstdruckpapier kommentarlos eine Reihe von Kathedralen abgebildet. Das für ihn mit Punk verbundene existentielle Hinterfragen der Zivilisation und des modernen, aufgeklärten Lebens führte ihn zu einer intensiven Beschäftigung mit Mythologien. 1980 und 1982 erschienen als Nummern seiner Zeitschrift zwei umfangreiche Bücher, in denen dieses kulturgeschichtliche Interesse vorgeführt wird. Eine 1982 veröffentlichte Publikation mit dem Titel "Der Rabe" beendete sein Engagement im Kontext der Neuen Welle. Danach widmete er sich vor allem der Malerei.

Von Thomas Groetz ist im Verlag Martin Schmitz das Buch "Kunst = Musik. Deutscher Punk und New Wave" erschienen.

2raumwohnung Statements

I. Verschwende Deine Jugend

Inga Humpe: Ich finde es gut, dass mit dem Buch den Leuten Respekt gezollt wird, die maßgeblich zu der Sache beigetragen haben und anschließend in der Versenkung verschwunden sind. Es war auch für mich interessant, da ich das meiste einfach nicht wusste. Man denkt ja immer, das wäre eine einzige große Szene gewesen, und alle hätten miteinander zu tun gehabt. Das war aber nicht so. Franz Bielmeier, Peter Hein ... Ich kannte die alle nicht damals. Für uns in Berlin waren Düsseldorf und Hamburg andere Planeten. Und auch in Berlin selbst ging es in den Achtzigern weniger um Kooperation als um Abgrenzung. Sobald sich die Bands formiert hatten, hieß es nur noch "wir sind so, und die sind so", und keiner wollte mehr mit irgendwem anders was zu tun haben.

Tommy Eckart: Es gab ja auch einen unheimlich starken Hang zum Diskurs: Jede Platte wurde ausdiskutiert. Das Cover, der Titel, der Name, wer macht das und warum, das wurde alles auseinandergenommen. Und wenn du alles auseinandernehmen konntest, warst du eh der Chef der Welt, denn du hattest ja alles begriffen. Dieses Prinzip hat sich dann auch ziemlich verselbständigt und ist Anfang der Neunziger ins Gegenteil umgeschlagen. Ich fand auch wichtig, dass mal dargestellt wurde, welcher Geist in dieser Szene Anfang der Achtziger herrschte, und die Frage gestellt wurde: Was war eigentlich Punk in Deutschland? War das nur nachgemachter englischer Punk, oder hatte das auch eine Bedeutung? Und ich meine, es hatte eine große politische Bedeutung, vieles abzuwerfen und neu auf Risiko zu gehen.

II. Mia

Inga Humpe: Ich hab' Mia zuerst nur live gesehen und fand sie wirklich gut. Ich fühlte mich zwar schon etwas erinnert an damals, aber der Sound klang trotzdem nach 2000 - sehr frisch. Als ich dann die Platte gehört habe, fand ich die Produktion auch sehr 80er. Ich weiß nicht, ob die von der Plattenfirma dazu gedrängt wurden ...

Tommy Eckart: Vielleicht ist das auch Strategie von der Band. So wie bei den Strokes. Das finden ja viele gut, und es ist ja irgendwie auch okay. Aber man muss schon sagen: Es ist eine sehr zitatreiche Musik, eng verwoben mit Velvet Underground usw. Bei Mia hat man das dann echt in Reinform, und wenn man ganz genau hinhört, kann man vielleicht sagen, es ist keine ganz originale 80er-Produktion, aber ...

Inga: Was andererseits positiv an die 80er erinnert, ist, dass da eine Frau vorne steht, die nicht nur säuselt, sondern die auch mal dissonant singt, die einfach schräg ist und diese Haltung verkörpert: rebellisch sein und nicht auf das gängige Kosmetik-Image abgehen.