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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Folk-Theater

Devendra Banhart

"Was die Leute als Folk-Musik bezeichnen, bedeutet nichts anderes, als dass sich die Leute in ihre eigene Welt zurückziehen - vielleicht, weil die Regierung so am Arsch ist und ihnen keine Beachtung mehr schenkt. Also lebt man nach eigenen Gesetzen und Regeln, das kann man sicherlich eine Weile durc
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"Was die Leute als Folk-Musik bezeichnen, bedeutet nichts anderes, als dass sich die Leute in ihre eigene Welt zurückziehen - vielleicht, weil die Regierung so am Arsch ist und ihnen keine Beachtung mehr schenkt. Also lebt man nach eigenen Gesetzen und Regeln, das kann man sicherlich eine Weile durchziehen. Es geht um Musik, die nicht für Labels oder die Presse gemacht wird, sondern füreinander - genau das ist das Folk-Element dabei", sprach Devendra Banhart noch letzten Herbst vor seinem ausverkauften Konzert im belgischen Hasselt. Der Weltenbummler (Venezuela, Kalifornien, New York, Südfrankreich ...) und seine Musiker (u. a. Mitglieder von Vetiver und Jackie-O-Motherfucker) waren genervt von Zuschreibungen wie "New Weird Folk" oder "Hippie-Punk". Alles Hype-Quatsch, tatsächlich gehe es um Kollektivität, musikalische Freiheit, Aufrichtigkeit. Und um die Tatsache einer tiefen Verwurzelung in der amerikanischen Independent-Kultur mit ihrem Do-It-Yourself-Ethos, wie er z. B. von Calvin Johnson (Beat Happening, K Records) verkörpert wird.

Trotz Betonung von Kontext und Gemeinschaft wird Banhart, der seinen Namen angeblich bei einem Indientrip mit seiner Mutter von einem Guru erhalten hat, zu Recht als Popstar des Singer/Songwriter-Genres gehandelt. Ob er mit nacktem Oberkörper auftritt, mit Zeichenpolitik (Jamaika- und Afrika-T-Shirts) wedelt oder in verschiedene Bühnenrollen schlüpft, die Kunst der Selbstinszenierung beherrscht Banhart perfekt. Und es sind alleine seine Lippen, nicht die seiner Mitstreiter, an denen die Leute bei den Konzerten kleben. Schon lange nicht mehr klang Singer/Songwriter-Musik so intim, lebendig und zeitgenössisch, obwohl ihre stilistischen Wurzeln tief in der Vergangenheit liegen: Mal klingt Banharts Stimme wie der junge Marc Bolan, mal wie eine hysterische Diva. Wie ein Gourmet seines eigenen Gesangs schmeckt er die Worte mit der Zunge ab. "It's a sight to behold, when you've got some words to mold, and make them your own", heißt es in einem seiner aphoristischen Songs, die Brücken schlagen zwischen Sehnsucht und Surrealismus, Naivität und Humor, Poesie und Protest.

Gleich zwei Alben schoss Banhart 2004 raus. Und mit "Cripple Crow" veröffentlicht der gerade mal 24-Jährige jetzt schon sein viertes, das ungefähr dem Reifegrad des "White Album" der Beatles entspricht. Banharts romantischer Veranda-Sound (spärliche akustische Instrumentierung, stets offen gegenüber Neben- und Hintergrundgeräuschen) hat sich nun zu ausgefeilten und leicht verhallten Folk-Rock-Psychedelic-Beat-Arrangements erweitert. Dem verräumlichten Klang entspricht das Sozialmodell Band, dem Banhart vorsteht. So gibt es schönste Background-Vocals, revitalisierten Southern Rock und Country Hop, Antikriegslieder und hermaphroditische Fantasien, wohldosiertes Geflöte und brillant abgelutschte Gitarren-Licks - liberté toujours. Dazwischen immer wieder mal eine spanische Ballade mit elegischem Gezupfe und Gestreiche, die nach Gänsehaut ruft. Kurz: Große Musik, die in Shakespeare-Kostümen zeitgenössisches Theater spielt.