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Das muss man gehört haben

Deutschrap 2013

So heterogen und hochwertig wie noch nie und trotzdem von negativen Schlagzeilen überschattet: Das war Deutschrap 2013.
Geschrieben am

Um ein Haar hätte es funktioniert. Beinah hätte auch die breite Öffentlichkeit die deutsche Rap-Szene so wahrgenommen, wie sie sich intern darstellte: Alligatoah (»Triebwerke«) , Genetikk (»D.N.A.«) und RAF 3.0 (»Hoch2«) gingen unerwarteterweise auf die Eins. Casper veröffentlichte mit »Hinterland« äußerst erfolgreich einen mehr als würdigen Nachfolger zu »XOXO«. Haftbefehl fabrizierte mit »Blockplatin« nicht nur das beste Album seiner Karriere und einen Meilenstein des deutschen Gangsta-Raps, sondern verankerte seinen multilingualen Kauderwelsch so tief in der hiesigen Jugendkultur, dass die Langenscheidt-Jury nach »Swag« und »YOLO« seinen selbst gewählten Ehrentitel »Babo« zum Jugendwort des Jahres wählte. Währenddessen kochte es im Untergrund, neue Charaktere traten aus den Cyphers und YouTube-Kanälen in die Öffentlichkeit und es hagelte hochwertige Indie-Veröffentlichungen. Und die Riege derjenigen, die sich 2012 noch durch Videobattle-Turniere kämpfte oder am großen Durchbruchswerk feilte, konnte nun die anvisierten Lorbeeren einheimsen. Kurzum: Deutscher Rap 2013 war geprägt von großen und kleinen Erfolgen und von einer bis dato ungekannten stilistischen und inhaltlichen Vielfalt. Die großen Festivals waren bestens besucht, es herrschte eine kreative, kooperative Atmosphäre. Doch dann kam Bushido.

 

Als hätte es die großen Umwälzungen nach dem Ende der Aggro-Ära nicht gegeben, als hätte sich deutscher HipHop dank Marteria, Casper und Cro nicht aus dem Gefängnis der aufgesetzten Härte, der permanenten Indizierungen und öffentlichen Streitereien befreit. Als wären Gangster- und Straßen-Rap nicht nur ein Teil der großen HipHop-Szenerie, als wäre nicht längst klar, dass sowohl Prinz Pi (»Kompass ohne Norden«) als auch Kollegah & Farid Bang (»Jung, Brutal, Gutaussehend 2«) eigentlich Teil derselben kreativen Ursuppe sind, konnten die üblichen Nörgler und Kulturpessimisten im Rahmen eines ausgedehnten Sommerlochs wieder auf den HipHop draufhauen. Und das allein deswegen, weil der scheinbar gezähmte Ex-Staatsfeind Bushido sich nach Bambi und CDU-Praktikum wieder einmal der Mechanismen bediente, die seine Karriere lange Zeit prägten: Er machte Stress ohne Grund. Obwohl, es gab einen Grund. Immerhin musste das Solodebüt »NWA« seines neuen Schützlings Shindy standesgemäß platziert werden. Und so beleidigte und bedrohte der Gangstarap-Pate auf seinem Gastvers der programmatisch betitelten Single »Stress ohne Grund« kurzerhand ein paar Politiker, die – wie erwartet und vermutlich einkalkuliert – die ganze Angelegenheit äußerst öffentlichkeitswirksam gar nicht witzig fanden und juristisch reagierten. Da war er wieder, der böse deutsche Rap. Und weil Bushido obendrein auch noch als notariell beglaubigtes Mitglied einer Mafia-Familie geoutet wurde und sein ehemaliger Labelkollege und Texteschreiber Kay One mindestens so öffentlichkeitswirksam vor besagter Familie nach Schwaben flüchtete, wurde die Causa Bushido in der zweiten Jahreshälfte das bestimmende Thema – gekrönt vom Klickrekord seines überlangen Diss-Videos »Leben und Tod des Kenneth Glöckler«.

 

 

Muss man sich als HipHop-Fan nun ärgern, dass die anstrengenden Negativschlagzeilen 2013 so dominant waren? Mitnichten. Dafür ist viel zu viel Schönes passiert in dieser Szene. Das ewige MC-Talent Megaloh hat mit »Endlich Unendlich« endlich das Album veröffentlicht, auf das man jahrelang gehofft hatte. Weekend hat mit »Endlich Wochenende« gezeigt, dass Online-Battle-Turniere sehr wohl der Auftakt einer Rap-Karriere im echten Laben sein können. Haftbefehl und Cro haben kollaboriert, ohne dass das irgendjemandem besonders absurd vorkäme. Das Splash! war zum zweiten Mal in Folge ausverkauft. Und der virtuelle Plattenschrank konnte 2013 mehr als nur ein paar hochkarätige Neuzugänge verbuchen. Alles gut also.