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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Die umgedrehte Nonitschka

Detlev Buck

Ich habe Kunst "Was hast Du fürn Film drin, Farbe oder Schwarzweiß?" - "Schwarzweiß." - "Ah so, du machst also Kunstfotos." Buck hat seine sehr eigenen Ansichten, und die sind gerne mal befremdlich volkstümlich. "Beim Kino ist das auch so, Sc
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Autor: intro.de

Ich habe Kunst
"Was hast Du fürn Film drin, Farbe oder Schwarzweiß?" - "Schwarzweiß." - "Ah so, du machst also Kunstfotos." Buck hat seine sehr eigenen Ansichten, und die sind gerne mal befremdlich volkstümlich. "Beim Kino ist das auch so, Schwarzweißfilme sind immer gleich Kunst." Was der Regisseur zugegebenermaßen nicht voll und ganz nachvollziehen kann, schließlich "ist es wesentlich anspruchsvoller, mit Farbe zu arbeiten, da müssen viel mehr Komponenten aufeinander abgestimmt werden." Buck ist ein Macher - im Sinne von Selbermacher -, und das, was von Pflanzen so im Boden steckt, ist ihm trotz Mainstreamerfolgs nie verloren gegangen. Wir sitzen zu dritt in seinem Kleinwagen und drängeln uns zwischen zwei Terminen durch die von Last-minute-Weihnachts-Shoppern überfüllte Hamburger Innenstadt. Ich teile mir die Rückbank mit der kompletten Auslage eines Bahnhofskiosks.
Kaum ein Blatt, das dieser Tage nicht ein oder zwei Worte über Bucks aktuellen Streifen hat fallen lassen - die Begeisterung hielt sich allerdings in den meisten Artikeln in eng gesteckten Grenzen. Der hat offensichtlich alle Kritiken gelesen und ist von dem, was da an seinem Moralstück bemängelt wird, wenig überzeugt. Kein Wunder - einem Märchen den umgedrehten Daumen zu zeigen, "weil es ihm an Realitätssinn" fehlt, ist definitiv absurd. Doch die Kritik ist angesichts der Tatsache, daß der - bei seinen Anhängern vor allem für seine knochentrockene Situationskomik geliebte - Regisseur als Rahmen ausgerechnet das seit eh und je mit einem Hang zum Kitsch und dem wedelnden Zeigefinger besetzte Weihnachtsmärchen wählte, erst einmal so wenig verwunderlich wie ebendiese Wahl - zeigt letztere doch einmal mehr des Regisseurs Hang zum unbequemen Populismus auf. Dabei hält Buck sich, was die kitschige Seite betrifft, betont zurück.
Down & Out In Beverly Hills
Berlin, der Ort der Handlung, holpert in verkanteten Bildern, unter völligem Verzicht der Totalen, an den Darstellern vorbei. Kamerawinkel und Lichtsetzung verzögern das Erfassen von Situationen und Personen. So scheint der Film bereits zu Beginn eine atemberaubende Geschwindigkeit zu entwickeln, obwohl er in Wahrheit langsamer geschnitten ist als "Männerpension". Buck bringt hier zum ersten Mal deutlich seine Erfahrungen aus der Werbe- und Videoproduktion mit ein. "Videos haben seit dem Siegeszug von Musiksendern wie 'VIVA' und 'MTV' die Wahrnehmung von Bildern bei jüngeren Leuten völlig verändert." Natürlich versucht der Film zu bezaubern, zu romantisieren, aber im Endeffekt reißt er die Abgründe, in die er gebaut ist, nur noch weiter auf. Der Kontrast zählt - und schmerzt. Ihre aufopferungsvolle Hilfe für die Obdachlosen schützt Isolde (H. Makatsch) z. B. nicht davor, bewußtlos von einem der Penner vergewaltigt zu werden.
Der hat wie die anderen Heilsarmee-Kunden ein Gesicht, dem man ansieht, daß er wenig bis gar nichts zu verlieren hat und, je nach Tagesform, zu solchen Handlungen durchaus fähig sein könnte. Sie sind eindeutig keine Charaktere, die man mit ein bißchen Einweichen, Schrubben und abgelegten Anzügen in Nick Nolte verwandeln kann. "Klar, das sind Penner, die habe ich größtenteils auf der Straße angesprochen." Deren Fahne riecht man noch im Kinosessel. Keine Chance zur Identifikation also.
Herpes-A-GoGo
Während wir auf der Suche nach einem Ladekabel für Bucks - von selbigem ob der dem Gerät zu verdankenden Repressalien - nahezu ohne Unterbrechung verfluchtes Mobiltelefon durch die Fußgängerzone hetzen, stolpern wir fast über einen auf dem Boden sitzenden Bettler. "Hast du mal was Kleingeld? Seit ich den Film gemacht hab', kann ich an keinem Penner mehr vorbeigehen." Als der Mann wenig später eine Bekannte trifft und sich ob des von ihr erworbenen Weihnachtsgeschenkes für ihren Freund - Zahnpasta und -bürste - haltlos begeistert zeigt ("Da hätte ich auch drauf kommen können"), bin ich zwei Minuten ratlos, beschließe dann allerdings, ihm für den Rest des Gesprächs vorbehaltlos alles abzunehmen. Im "D2"-Laden sitzt auf einem Barhocker ein muskelbepackter Security-Mann mit Herpes-Salbe an den Lippen. Eine Figur wie aus einem Buck-Film. Einer dieser scheinbar unanfechtbaren Charaktere, die, aufgrund eines kleinen Fehlers der Lächerlichkeit preisgegeben, so überhaupt erst menschlich werden.
"Menschen mit Moral wirken zwar oft altmodisch, auf den ersten Blick naiv, weshalb man sich über sie lustig macht - aber was sie wirklich bedeuten, merkt man oft erst, wenn sie nicht mehr da sind. Irgendwie mag man sie." So einer darf, wenn er denn wirklich will, den Zeigefinger heben. Aber Buck kommt ohne diese Geste aus. Obwohl über fünf Ecken verwandt mit Ebenezer Scrooge und dem Mädchen mit den Streichhölzern, mahnt der Film niemals direkt an. Statt dessen hat der Macher seine größte Stärke, seinen Witz, zur tödlichen Waffe umfunktioniert. Die Pointen in "Liebe Deine Nächste" hinterlassen schwarze Löcher. Wenn zu Beginn des Films Josefine (Lea Monar) versucht, einen Lebensmüden davon abzuhalten, von einem Hochhaus zu springen, und dieser ihr eine Minute lang zuhört, um dann - ohne auch nur einen Moment des Zögerns - mit den Worten "Weißt du was? Ich springe jetzt, und du bist schuld" seinen Abgang anzutreten, dann ist das nicht komisch.
Peep
"Und soll ich dir was sagen? Sie war selbst schuld." Wir sitzen im Alster Pavillon, warten auf das Filmteam von "Peep", und Buck hat nach zähen Verhandlungen mit der Serviererin ein Stück Käsesahne erworben. "Was ist denn das für grünes Zeug da obendrauf?" - "Kiwi, das sind Vitame." - "So'n Quatsch. Ich nehm' meine Vitamine mit Tabletten." Nicht komisch ist auch die Musik. "Danke Für Diesen Schönen Morgen". In den unterschiedlichsten Interpretationen klingt das zwar erst einmal fatal nach den "Roten Rosen", hat aber - Hand in Hand mit den Arrangements des Filmorchesters Babelsberg - vor allem in den Szenen, in denen die Musik den Einzug des Teufels in Gestalt des Rationalisierungsexperten Tristan Müller (M. Bleibtreu) begleitet ("Danke Für Meine Arbeitsstelle ...."), frappierende Ähnlichkeit zu dem von Wagners "Götterdämmerung" unterlegten Hubschrauberangriff in "Apocalypse Now". Ohnehin nicht der schlechteste Vergleich: da wird die "Soldatin Gottes" Josefine tief in den Großstadtdschungel geschickt und darf sich dort mit dem Charme des absoluten Bösen auseinandersetzen. Ungefähr so naheliegend wie jeder dritte Western oder das Negativ zu Lubitschs "Ninotschka", verfilmt von Woody Allen. "'Die umgedrehte Nonitschka', so habe ich den Film am Anfang immer genannt."
"Was meinst du, wie lange die Feldbusch das noch machen kann, ohne daß es zur Masche verkommt?" Fotograf Mika bittet um ein Autogramm für einen Freund. Ich bekomme ungefragt auch eins. "Für meine Freundin. Sehr treu" steht drauf. Sehr komisch.