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Der Tanz an der Kanalkante

So war der Amsterdam Dance Event

Die Marienstatue an der Wand blickt mit ausgebreiteten Armen auf die Rumbude zu ihren Füßen. Im Handbecken für das Weihwasser lehnt sich eine grüne Bierflasche an ein halbvolles Cocktailglas. Petrus, der an der Wand des Raucherbereichs nicht den besten Platz hat, scheint die
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Die Marienstatue an der Wand blickt mit ausgebreiteten Armen auf die Rumbude zu ihren Füßen. Im Handbecken für das Weihwasser lehnt sich eine grüne Bierflasche an ein halbvolles Cocktailglas. Petrus, der an der Wand des Raucherbereichs nicht den besten Platz hat, scheint die Nase zu rümpfen beim Anblick und Geruch der Qualmenden, die sich vor dem Beichstuhl versammelt haben. Und was machen eigentlich die fünf kichernden IM Beichtstuhl? Aber auch die Frage hat sich für einen kurzen Moment erübrigt, als Jesus um 23 Uhr endlich die Bühne betritt. Mit wehendem Haar stellt er sich hinter den Altar und übernimmt die darauf aufgebauten Turntables…

Man muss schon ziemlich liberal eingestellt sein, um den Network Bash des Amsterdam Dance Event ohne Blasphemie-Empfinden zu überstehen. Denn die inoffizielle Opening Party findet traditionell in der Location De Duif statt, eine ökumenisch genutzte und sehr schmucke Kirche an der Prinsengracht, die hier für vier Stunden zum Laufsteg, Sündenpfuhl und zur Live-Location wird, in der dann auch mal Jesus-Epigonen wie Tommie Sunshine den Altar rocken dürfen.

Der ADE ist nicht nur das vielleicht relevanteste Clubfestival in Sachen elektronischer Musik, er ist zugleich ein wichtiger Branchentermin, bei dem sich die europäische Club- und Technoszene versammelt, um – ähnlich wie bei c/o pop und Co. – den Status Quo der Branche zu sezieren, in Panels und Vorträgen die Zukunft derselbigen anzugehen, oder sich einfach zu meeten und zu greeten. Festivalbesucher können – ähnlich wie bei Events wie dem Reeperbahn-Festival – entweder ein Band für das ganze Wochenende kaufen oder sich einzelne Veranstaltungen rauspicken. Dank der Anwesenheit der versammelten Branche versucht natürlich auch das Festival-Line-up, nicht nur die großen Nummern zu bringen, sondern auch die Acts, die der neue „Hot Shit“ werden sollen. Dabei lebt der ADE nicht nur vom Line-up sondern maßgeblich auch von der Stadt Amsterdam, die mit ihrem heimeligen, grachtenschnuckeligen Charme auf der einen Seite und der exzesslegendenbehafteten Clubszene auf der anderen Seite eine ideale Spielfläche für einen Tanz an der Kanalkante ist. Deshalb sollte die obersten Prämisse auch sein: Zwischen den Beaträuschen, immer auch mal Amsterdam-Atmo tanken – und am besten die Zwischenwege zu Fuß zurücklegen. Weil’s so schön ist, und weil’s einen so schön runterbringt. Nach dem anfangs beschriebenen unchristlichen Treiben im Gotteshaus ging’s am Donnerstag für viele zum Melkweg, wo – so das Getuschel – der Hype 2010 zu sehen sein sollte. Der hörte auf den grenzdebilen Namen Jamaica, hieß vorher Poney Poney und wurde ungefähr so angepriesen: „… der Typ von Justice produziert die und der Typ von Daft Punk findet die geil… und hat die auch gesignt… glaube ich… oder umgekehrt.“ Klar, dass Namen wie diese ziehen und so schlängelte sich die Menschenmassen meterlang vor dem Melkweg. Wer es reinschaffte, sah dann allerdings nicht den Bollertechno, den sich viele bei den Namen Justice und Daft Punk ausgerechnet hatten, sondern eher konventionellen Indierock mit Dance- und New-Wave-Einschlag. Kam aus eben diesem Grund gar nicht so gut an, was schade war, denn ein Song wie „When Do You Wanna Stop Working“ hatte durchaus Klasse.

Wer es nicht so mit den kleinen oder halbmittelgroßen Clubs hat, dem sei am ADE-Wochenende eine Fahrt in die wahrlich hässliche Satellitenviertel Amsterdams empfohlen, wo man in der Heineken Hall in Stadionnähe prima Großraumdissenflair tanken an. Aber die Acts, die dort den Freitag schmissen, brauchten nun mal so viel Platz: Groove Armada sind immerhin in Holland ein Arena-Act mit Luft nach oben, der keine Mühe hatten, die Heineken Hall auszufüllen. Dafür hatten Groove Armada ein Laserrepepertoire an Bord, mit dem man sonst Sternenkriege beginnt und neues Material vom für 2010 angekündigten Album „Black Light“. Das hat musikalisch nur noch wenig mit ihrem Superhit „Shakin’“ zu tun, sondern gibt sich betont düsterer – was sich in der Performance aber nur bedingt niederschlug. Ihre überdrehte Sängerin, die aussah, als wäre sie von den Tron-Dreharbeiten übrigen geblieben und die drölfmillionen grünen Lasserschüsse sorgten eher für Jahrmarktflair. Wahrlich düsterer ging dann der Folgeact Deadmau5 zu Werke. Der Brite mit dem spacigen Mauskopf ballerte einem mit bühnenfüllenden Visuals im Rücken dermaßen die Bässe um die Ohren, das man ganz froh war nicht so große Ohren zu haben wie er. Im Publikum ballten sich derweil die Fäuste und reckten sich Joel Zimmermann entgegen, der ganz offenbar auf dem Weg ist, ein Act in der Justice-Liga werden zu können. Leider kackte auf halber Strecke der Laptop ab, was ihn musikalisch zwar nur ein paar Sekunden lähmte, aber leider zur Folge hatte, dass die zuvor so furiosen Visuals nur noch zerhackt aus den Beamern kamen.

Man kann bei einem Event wie dem ADE nur das meiste verpassen – das ist eine weitere Wahrheit, die man dort – wie auf jedem Stadtfestival dieser Art – am Ende mit nach Hause nimmt. Ob es deshalb die richtige Idee war, im überschicken Jimmy Woo’s – einem Club im Japan-Triaden-Flair – zum DJ- und Remix-Veteranen Junkie XL, dem schon etwas angestauben Big Beat-Zug aufzuspringen, ist dann so eine Frage, die man sich schon mal stellen konnte. Und, ob es so clever war, Faithless am Sonntagabend spielen zu lassen und Simian Mobile Disco am Mittwochabend, wo ein Großteil der Leute gar nicht mehr oder noch nicht da war, ist ebenso eine Frage, die am Ende bloß müßig erscheint. Man sollte es lieber so handhaben: Wenn man am Sonntagabend nach dem ADE die Erinnerungsbilder im wieder aufgeräumten Schädel begutachtet, und dort ein munteres Kontrastprogramm aus lauschigen Bootsfahrten, leuchtender Grachtenpracht, hippiesken Coffeeshop-Eindrücken, verschwitzten Arm-in-die-Luft-Momenten, netzhauterzersengender Lightshowattacken, wild zuppelnder Schönheiten und ekstatisch abgehender DJs findet – dann, hat man eigentlich alles richtig gemacht.