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Der Star, der vom Himmel fiel

Ein Nachruf auf David Bowie

Starman, Thin White Duke, Außerirdischer. David Bowie blieb zeitlebens schwer greifbar und von Mythen umrankt. Wolfgang Frömberg erinnert an einen der Größten des Pop.
Geschrieben am
Ich habe David Bowie über die Jahre als ein Wesen kennengelernt, über das es nur Halbwissen geben kann. Manche behaupten, er sei der letzte schillernde Vertreter des Star-Systems gewesen. Ein Mensch, der für die Öffentlichkeit vollkommen zur Bühnenfigur wird, besser gesagt zu verschiedenen Figuren, und der als Privatperson kaum zu greifen ist. Das Gegenteil eines »Prominenten«, der sein Privatleben zu Markte trägt. In den letzten Jahren habe ich ihn als würdigen Vertreter einer »anderen Zeit« wahrgenommen, wenn ich ihn denn mal wieder wahrgenommen habe. Seine musikalischen Anfänge lagen schließlich in den Sechziger Jahren, Bowies notorischer Hit »Space Oddity« stammt aus dem Jahr 1969, als der Summer Of Love mit Woodstock seinen Höhepunkt erlebte, bevor Altamont und die Manson-Family das Hippietum erledigten.  Wer konnte nach dem irren Charlie schon noch auf dem Cover eines Musikmagazins wie dem US-amerikanischen Rolling Stone landen, um die Welt zu schocken? Eigentlich nur ein ausgewachsener Alien aus Großbritannien. Als »Fremder« im Betrieb hat er lange durchgehalten, auch weil er stets neue Inkarnationen seiner selbst geschaffen hat und zeitgemäße Kooperationen suchte. David Bowie war nicht immer da, aber er war auch nie wirklich weg. Am 10. Januar 2016 ist der 1947 in Brixton, London als David Robert Jones geborene Alleskönner – ja, er hat auch gemalt,  Tapeten designt und war Geschäftsmann – gestorben. Kurz nach der Veröffentlichung seines Albums »Blackstar«.  

Der herrlich überkandidelte Titelsong, der einem dunklen Fantasy-Musical entstammen könnte, hatte mich Ende letzten Jahres nach längerer Zeit an ihn erinnert. Meine ersten Begegnungen mit Bowie fanden in den 1980er Jahren statt, wahrscheinlich in der Sendung »Formel Eins« oder auf MTV. Er hatte einen Hit mit »Let`s Dance«, und noch einen mit »China Girl«. Das Video zu dem Song, einem Iggy Pop-Cover, wie ich später erfuhr, das Bowie in die Charts katapultierte, um seinem alten Kumpel während harten Zeiten zu Geld zu verhelfen, also diesen Clip, in dem er sich nackt mit dem Model Geeling Ng am Strand wälzt und »wirklich« Sex hat, schauten wir Vierkäsehochs damals wie hypnotisiert. Dann kam »Dancing In The Street« mit Mick Jagger und, naja. Es schien also nicht alles wirklich cool zu sein, was er machte. Aber wenn es cool war, dann war es verdammt cool.
Wir fingen an, uns mit der Vergangenheit von Bowie zu beschäftigen. Die Geschichte von Major Tom kannten wir ja schon von einem gewissen Peter Schilling, der sie als NDW-Klamauk adaptiert hatte. »Völlig losgelöst« erschienen uns allerdings eher die älteren Songs und Kostüme Bowies – losgelöst von allem, was wir so kannten. Sein Look als Ziggy Stardust, mit roten Haaren, Blitz-Make-Up und Augenklappe, machte sich gut als Poster an der Wand, und wir wollten Mitglieder seiner Band The Spiders From Mars werden. Nicht nur, weil wir Popstars sein wollten, sondern weil wir dann in seiner Nähe hätten sein können, um mehr über diesen merkwürdigen Typen zu erfahren, der das passende Gegenstück zu Grace Jones zu sein schien. Bowie wirkte auf mich immer weit weg und entrückt. Komisch nur, dass es The Spiders From Mars zur »Let`s Dance«-Zeit schon nicht mehr gab und Bowie ganz »normal« aussah (was man in den 1980ern halt so für normal hielt), während manche der New Romantic-Stars und Eigthies-Popsternchen tatsächlich mehr an den Glam von Ziggy Stardust erinnerten. Bowie war immer schon einen Schritt weiter als die anderen. Und wer so durch die Geschichte schreitet, darf sich eben auch Fehltritte erlauben.

 Bowie interessierte sich für alle Künste, und er ließ sich von Science-Fiction-Geschichten inspirieren. Das war für mich das Faszinierende an seinen Siebziger-Alben wie »Hunky Dory« und »Diamond Dogs«. Ich stellte aber auch fest, dass der Sound der Platten sich allmählich änderte, kühler wurde, minimalistischer. Während Punk über die Welt herfiel, um sie aus dem Schlaf zu rütteln, war Bowie zugedröhnt mit seinem Buddy Iggy durch Westberlin gerannt. Iggy Pop sang auf seinem Neunziger-Album »American Caesar« in Erinnerung an diese wilden Tage: »The wall is gone, but something is lost...« Er fand im Berlin nach der Vereinigung von BRD und DDR nicht mehr das Flair, das Bowie und ihn damals so fasziniert hatte. Eine seltsame, geteilte Stadt, die vor allem aus Subkultur zu bestehen schien. Für Bowie sprang künstlerisch die Berlin-Trilogie heraus, die Alben »Heroes«, »Low« und »Lodger«, produziert von Brian Eno. Bowie produzierte derweil Iggy Pops Alben »The Idiot« und »Lust For Life« (Erfahrung als Produzent hatte er zuvor bei Lou Reeds Album »Transformer« gesammelt, auf dem sich dessen Hit »Walk On The Wild Side« befindet). Zwei coole Platten. Bisschen tragisch jedoch: Iggy Pop brauchte etwas länger als David Bowie, um vom Heroin loszukommen. Es hätte ihn fast kaputt gemacht.
Diese Geschichte vom Bowie, der dem Heroin verfiel, ist bis heute mehr so ein Pop-Mythos für mich, weniger die Story eines echten Menschen, der beim Entzug in eine echte Toilette kotzt. Das liegt wohl auch an der Verfilmung des Buches »Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« nach dem autobiografischen Roman von Christiane Felscherinow. Im Film von Uli Edel aus dem Jahr 1981 spielt David Bowie sich selbst. Das heißt, er verkörpert die Rolle, die er für viele andere auch spielte – einen flackernden Fixstern, an dem man sein Leben orientieren möchte, unerreichbar fern und gleichzeitig, wegen seiner Strahlkraft, scheinbar zum Greifen nah. Ohne Bowies Mitwirkung hätte es den Film nicht gegeben, sagte Produzent Bernd Eichinger später einmal. Sein Konzertauftritt ist der eigentliche Höhepunkt. Christiane F.s Leben drehte sich eben nur darum: Heroin und Thin White Duke. In ihrer Geschichte werden beide eins.  

David Bowie hat in diversen Filmen mitgewirkt, und er hat Lieder für Filme geschrieben (meine erste Erinnerung ist der Titel-Song zum Endzeit-Animationsfilm »When The Wind Blows«). Aber seine perfekte Rolle spielte Bowie wahrscheinlich schon 1976 in  Nicolas Roegs »Der Mann, der vom Himmel fiel«. Die Figur, Thomas Jerome Newton, ist ein Außerirdischer, der zur Erde kommt, weil sein Heimatplanet an Wassermangel leidet. Irgendwie möchte ich mir vorstellen, dass David Bowie vierzig Jahre später zu diesem Planeten aufgebrochen ist. In jede Zelle seines Körpers eingeschrieben die Geschichte der Popmusik, in der Manteltasche ein Fläschchen Perrier. Leider weiß ich viel zu wenig über ihn, um sagen zu können, ob das wirklich realistisch ist.