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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Der sparsame Popstar

Grimes

Die Kanadierin Claire Boucher hat unter dem Namen Grimes innerhalb der letzten beiden Jahre zwei Alben und eine EP im Alleingang aufgenommen. Ihr kommendes Album »Visions«, das einen Mix aus süßlichem R’n’B, kruden Beats und spartanischen Synthie-Melodien beinhaltet, entstand ebenfalls in kompletter Eigenregie. Martin Riemann erzählt den bisherigen Lebensweg der Kanadierin und trifft sie zum Gespräch.
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Als Claire Boucher vor gut zwei Jahren mit 21 von ihrer Heimatstadt Vancouver nach Montreal zieht, hat sie in ihrem Leben noch keinen einzigen Ton Musik gespielt. Sie sucht sich einen Job bei einem Radiosender, für den sie telefonisch Spenden organisieren soll, und bezieht ein billiges Zimmer in einem stillgelegten Industriegebiet. Um in ihre Wohnung zu gelangen, muss sie täglich über Obdachlose steigen, die im Hausflur campieren. Dort, wo sie wohnt, gibt es außer einigen Crackhändlern keine nennenswerte Infrastruktur. Aber sie liebt diese Gegend.
Nach einiger Zeit stellt Boucher fest, dass jeder Mensch, mit dem sie sich in Montreal anfreundet, Musik macht. Jedes Wochenende sieht sie sich in einem illegalen Club Bands an, die Popmusik lautstark durch einen Geschmacksfilter aus Punk, Experimentalmusik und Psychrock jagen. Ansonsten hängt sie bei Jam-Sessions ab und wundert sich, dass all die talentierten Leute zwar den ganzen Tag nichts anderes als gute Musik machen, aber nie irgendetwas von ihren Songs aufzunehmen scheinen. Möglicherweise liegt es daran, dass sich die meisten von ihnen ansonsten nur für Drogen und Partys interessieren.

Claire Boucher hört zu dieser Zeit privat eher Mariah Carey, die Musik von Hildegard von Bingen, R’n’B oder Aphex Twin. Sie spürt in der Musik aber eine Leerstelle, eine musikalische Stimmung, die sie nirgends findet. Selbst bei Songs, die sie richtig gern hört, kommen ihr sofort Elemente in den Sinn, die noch fehlen, die das Ganze verbessern könnten. Mit einem 50-Dollar-Keyboard, das sie mal zum Geburtstag geschenkt bekommen hat, versucht sie die Sehnsucht nach den fehlenden Sounds zu stillen. Ihr ist aber von Anfang an klar, dass ihre Experimentiererei nur dann Sinn ergibt, wenn sie die Ergebnisse auch aufnimmt. Also produziert sie ihre ersten Songs mithilfe ihres Computers, eines Mikrofons und GarageBand, einer simplen Recording-Software, die auf so gut wie jedem Applerechner zu finden ist. Die Aufnahmen rauschen wie verrückt. Trotzdem veröffentlicht Boucher alles, was ihrer Ansicht nach als Song durchgeht, sofort. Das in Eigenregie aufgenommene erste Album heißt »Geidi Primes« und erscheint 2010 zunächst nur auf Kassette und als Download auf ihrem eigenen Label Arbutus Records. Erst 2011 wird »Geidi Primes« von No Pain In Pop Records offiziell veröffentlicht.Schon auf diesem halbstündigen Debüt untermalt die Musikerin süße Melodien mit düsteren Billigkeyboard-Hooks. Gleichzeitig lässt sie den Hörer in einem Meer von popkulturellen Andeutungen zwischen Science-Fiction, Videospielen und mittelalterlicher Mystik baden. Das Artwork zeugt mit dem Totenschädel von ihrer tiefen Zuneigung zu Slayer und anderen Thrash-Metal-Bands. Es wird in der Folgezeit dazu beitragen, dass der Grimes-Sound als düster und unheimlich kategorisiert und somit zunächst Genres wie Witchhouse und Gothic zugeordnet wird.

Boucher selbst bezeichnet ihren Sound schlichtweg als »post-internet« und macht damit die unüberschaubare Vielzahl ihrer Einflüsse geltend. Die Blogs lieben ihre Musik vom ersten Tag an. Noch in 2010 schickt sie mit »Halfaxa« bereits ihr zweites Album in den Äther und erntet auch dafür überschwängliches Lob. Die Kritiker lassen sich zu Vergleichen mit Kate Bush und Donna Summer hinreißen. Von Ersterer will Boucher allerdings noch nie etwas gehört haben.

Sonst bist du total gefickt!

Schon kurz nach der Veröffentlichung von »Halfaxa« kommen die ersten Show-Anfragen. Eine der ersten führt 2011 gleich zu einem Auftritt bei einem der bedeutendsten Musikfestivals der Welt, dem South by Southwest in Texas. Grimes betritt die Bühne, ohne auch nur die geringste Ahnung davon zu haben, was sie dort eigentlich machen soll. Trotzdem erobert die zierliche Kanadierin das Publikum mit ihrer dilettantischen One-Woman-Show, bei der sie sichtlich gestresst zwischen zwei Pedalen mit Gesangseffekten, einem Sampler und einem Synthesizer hin und her wechselt, im Sturm.

Bald wird ihr klar, dass die Überforderung sie musikalisch in schnell reifen lässt. Sie beschließt, Grimes als Vollzeitprojekt zu betreiben: »Ich kündigte meinen Job beim Radiosender und konzentrierte mich nur noch auf die Shows. Bei der nächsten Tour war ich schon Vorband von Lykke Li. Nachdem ich kaum live und wenn, dann nur vor ein paar hundert Leuten aufgetreten war, stand ich nun allein vor über 4000 Menschen. Gerade auf der ersten Hälfte der Tour wusste ich die meiste Zeit gar nicht, was abging. Ich musste erst mal damit klarkommen, in so großen Räumen zu spielen. Die Samples hüpften dort von einer Wand zur anderen. Jeder Drumsound verdoppelte sich durch das Echo. Ich hatte auch keine Monitorbox, weil, da kostet eine schon bis zu 2000 Dollar. Ich richtete mich dann ausschließlich nach den Bassdruckwellen, die ich zu meinen Füßen spürte. Meinem Gehör konnte ich unter diesen Bedingungen ja nicht mehr trauen. Aber es sollte ein positiver Antrieb sein. Bei mir ging es jeden Tag nach dem Motto: ›Heute musst du das schaffen, sonst bist du total gefickt!‹«Ein Album für 100 Dollar

Martin Riemann traf Claire Boucher in Berlin zu einem Gespräch über den extrem billigen Aufnahmeprozess zu ihrem neuen Album »Visions«, über ihr sehr reduziertes Equipment und die spezielle Atmosphäre ihrer einnehmenden Musik.

Claire, deine Shows wirken teilweise, als könntest du Hilfe gebrauchen.
Am Anfang war es sehr schwierig. Mittlerweile komme ich etwas besser klar, aber meine Konzerte sind eine anstrengende Angelegenheit. Ich bediene den Sampler, den Synthesizer, zwei Vocal Pedals und singe. Das Timing beherrsche ich inzwischen richtig gut – aber das ist auch wichtig.

Wäre es nicht besser, du hättest eine Mitmusikerin?
Ich schätze, das wäre hilfreich, aber momentan fehlt mir das Budget. Es geht hier ja nicht nur darum, jemandem ein Gehalt zu bezahlen, da kommen ja auch noch die Ausgaben für die Reisen hinzu. Das ist viel zu teuer. Ich spiele auf vielen Festivals, weil es leicht ist, mich überall hinzubringen. Ich kenne viele Bands mit drei oder vier Leuten, bei denen das nicht geht, weil es finanziell nicht mehr zumutbar ist, so viele Leute irgendwo hinzufliegen. Die Flugtickets wären teurer als ihre Gage. Der größte Teil meines Publikums lädt meine Musik irgendwo runter. Mir ist das eigentlich scheißegal, aber das Budget zwingt mich dann dazu, alles selbst zu machen. Das war zu Beginn nicht einfach, aber ich musste es eben lernen. Das alles macht es superintensiv.

Arbeitest du deswegen mit sehr limitiertem Equipment?
Das stimmt. Ich benutze einen Roland Juno Gi Synthesizer und ein Vocal Pedal, mehr nicht. Das Album konnte daher sehr billig produziert werden, es hat mich nur circa 100 Dollar gekostet.

Tatsächlich?!
Ja, das ist im Grunde lediglich die Miete meines Zimmers, wo ich es aufgenommen habe, sonst fielen keine Kosten an. Ich muss allein sein, wenn ich Musik mache. Ich könnte nie in einem Studio aufnehmen, schon gar nicht mit Streichern oder so. Der Druck wäre zu groß für mich. Ich habe ein starkes Bedürfnis, alles selbst zu machen. Für elektronische Musik braucht man keine Live-Musiker. Man kann alles selbst machen, und wenn man etwas nicht kann, sollte man es sich beibringen.

Was musstest du dir denn musikalisch konkret beibringen?
Ich musste viel über Gesangsaufnahmen lernen. Mein Manager ist Toningenieur. Mit ihm habe ich mich einen Tag hingesetzt. Er meinte einfach: »Pass auf, so nimmt man Musik auf.« Bei den vorherigen Platten hatte ich davon überhaupt keine Ahnung und konnte immer nur hoffen, dass irgendetwas von selbst funktionierte. Diesmal wusste ich besser, wie ich zum Ziel komme.

Ich schätze, du beginnst deine Aufnahmen immer mit dem Beat.
Ja, ich beginne immer mit den Drums. Die sind nach der Stimme am wichtigsten. Wenn die Beats nicht wirklich gut sind, kann ich keinen Song schreiben. Mein Keyboard klingt sehr nach den 90ern, und da ich die Drumlines auch damit mache, hat das etwas von New Jack Swing, finde ich.

Du spielst die Drumlines mit den Tasten ein?
Ja, der Synthesizer hat viele tolle Drumsamples, und die tippe ich mit den Fingern ein. Das ist sowieso das Besondere für mich, dass bei mir alles körperlich entsteht. Es ist nichts quantisiert oder so. Ich würde auch nie die MIDI-Technik benutzen, alles muss so klingen, als wäre es gespielt. Es ist sehr schwierig, elektronische Musik zu machen, die lebendig klingt. Es gibt Leute, die das können, Burial zum Beispiel. Auch Skrillex kann es in gewisser Hinsicht. Aber in seiner Musik geht es darum, aggressiv und energetisch zu sein, weniger um Gefühle.

Ich stelle es mir schwierig vor, mit nur einem Synthesizer ein ganzes Album zu gestalten. Besteht da nicht die Gefahr, eintönig zu klingen?
Es kostet sehr viel Mühe. Ich musste lange rumbasteln, aber irgendwann wusste ich einfach, was genau der richtige Sound ist.

Deiner Musik wird häufig eine schaurige, unheimliche Atmosphäre nachgesagt. Empfindest du das auch so?
Ich denke schon, dass die Musik etwas Unheimliches hat. Aber auf »Visions« bemerkt man das weniger als bei meinen früheren Aufnahmen. Allem, was ich zuvor gemacht habe, haftete viel Depressives an, die Songs hatten eine wirklich düstere Stimmung. »Visions« hingegen ist viel heller ausgefallen. Ich klassifiziere meine Musik oft in Farbkategorien. Wenn ich an meine neuen Sachen denke, denke ich an Weiß und Pink. Bei meinen alten Sachen ist es Schwarz und Purpur. Im Grunde ging es bei dem neuen Album darum, nicht in diese alte Stimmung zurückzufallen. Es besitzt zwar düstere Momente, aber meistens überwiegt eine sehr glückliche Stimmung.


Grimes »Visions« (4AD / Beggars / Indigo / VÖ 09.03.)