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Hört die Signale!

Sci-Fi-Autor William Gibson im Gespräch

Es gilt als Gottvater des SF-Cyberpunk - seit er in den 80ern mit »Neuromancer« debütierte. In dem Roman verquickte der in Vancouver lebende US-Amerikaner die reale mit der virtuellen Welt zum visionären Trip. Die Science-Fiction-Literatur wurde nachhaltig beeinflusst. William Gibson gelang nach einer Reihe solider Arbeiten im Jahr 2004 mit dem Roman »Pattern Recognition« (»Mustererkennung«) nochmals ein Aufsehen erregender Shift. Er verzichtete auf Zukunftsszenerien und richtete seinen Blick auf die Mechanismen der Gegenwart. Wolfgang Frömberg traf William Gibson in Köln, wo er im Rahmen der Litcologne auftrat. Er  sprach mit ihm über Arbeitsmethoden, die Auswirkungen von 9/11 auf »Mustererkennung«, das Internet, seine Position zu Copyrights und Gibsons jüngstes Baby »Quellcode«.

Geschrieben am
Kann es sein, dass »Quellcode«  nach »Mustererkennung« den zweiten Teil einer neuen William-Gibson-Trologie bildet? Zuvor haben Sie schon zwei Mal drei jeweils inhaltlich miteinander in Verbindung stehende Romane veröffentlicht.
Nein, nicht unbedingt. Ich lasse mir selbst lieber die Möglichkeit offen, wie das nächste Buch gestaltet sein könnte. Ich habe damit auch noch gar nicht angefangen. Was meine Vergangenheit betrifft, ist es wahrscheinlich, dass es wieder ein Drei-Romane-Paket geben wird. stimmt. Aber ich folge da keinem Masterplan. Zum Beispiel wusste während der Entwicklung von »Quellcode« nicht, was sich im für die Handlung wichtigen Container befand, bevor das Buch fasst fertig war. Das Nichtwissen hat mich sehr nervös gemacht. Hätte ich es gewusst, wäre allerdings ein vollkommen anderer Roman herausgekommen. Und ich wäre damit sicher nicht sehr zufrieden gewesen. Die Erzählung entwickelt sich nämlich nicht aus einem Teil meiner Persönlichkeit, zu dem ich bewussten Zugang habe. Wenn man mich also zwingen würde, am Schreibtisch zu sitzen und mir den Plot von vorne bis hinten auszudenken, so wie die Handlungen von Hollywood-Filme vorgezeichnet werden, würde sicherlich bloß eine ziemlich unmotivierte Konstruktion im Dokument entstehen.

Könnte man diese Arbeitsweise in Anlehnung an Musik als »Jamming« bezeichnen?
Ich würde es eher »Sampling« nennen. Wenn ich an einem Buch schreibe, sample ich jede Menge Material aus der Welt um mich herum, aus meiner direkten Umgebung. Der größte Teil des kreativen Prozesses beinhaltet die Überprüfung des gesampleten Materials auf seine Nützlichkeit. Und, ja gut, beim »Jamming« mit dem gesampleten Material entsteht der Sound, der Ton der Erzählung. Ich nutze dieses Grundrauschen als eine Art Fundament, auf dem ich dann die gesamte Handlung aufbauen kann. Mir ist es unmöglich, anders zu arbeiten, denn dann verliere ich selbst das Interesse. Man stelle sich ein Buch vor, an dem der Autor während der Fertigung das Interesse verloren hat! Ich bin zu dieser Methode gelangt, indem ich an bestimmten Punkten meiner Arbeit nach Wegen suchte, die mich weitermachen ließen, ohne gelangweilt zu werden. Ich habe bloß diesen einen Weg gefunden.

Es gibt Charaktere, denen Sie treu bleiben bzw. die Ihnen treu bleiben. Mr. Bigend, der Strippenzieher aus »
Mustererkennung« spielt auch in »Quellcode« eine Rolle…
Er ist wieder da, und er ist tatsächlich eine äußerst wichtige Figur. Aber es war gar nicht meine Absicht, dass er zurückkehrte. Insofern stimmt es, dass er mir treu geblieben ist.

Es hat an Ihre Tür geklopft und wollte wieder rein …
Ja, er hat darauf gedrängt, wieder aufzutauchen. Er hat es bewirkt, so wie ein Magier eine bestimmte Karte auswählt, die er mit verbundenen Augen aus dem Stapel ziehen möchte: Hoppla, da ist sie … Und hoppla, da ist er ja, Mr. Bigend!  Plötzlich wusste ich, dass ich mich am Ort befand, den der erfahrene Science-Fiction-Leser »Die Welt von…›Mustererkennung‹« nennen würde. Ich war zurück im selben fiktionalen Universum.

Aber Sie schreiben doch gar keine Science Fiction mehr. Das habe ich jedenfalls nach dem in der Gegenwart spielenden »Mustererkennung« überall gelesen…

Den Leuten, die sagen, ich schreibe keine Science Fiction mehr, geht es um eine Definition des Begriffs Science Fiction. Um die Frage, wo dessen Grenzen liegen. Ich war nie daran interessiert, das Genre in Grenzen zu fassen, oder mich bewusst innerhalb solcher Mauern zu bewegen. Ich war schon immer unentschieden, ob es eine Trennlinie zwischen Science Fiction und dem Rest der Literatur gäbe. Für mich persönlich kann ich sagen: Science Fiction war die literarische Heimat, in der ich als Leser groß geworden bin. Doch habe ich zu lesen gelernt. Als Kind habe ich dank SF viele wertvolle Erfahrungen gesammelt. Zu der Zeit, als ich anfing, selbst Geschichten zu verfassen, war ich bereits so etwas wie ein Post-Genre-Wesen. An einem Tag konnte ich Ray Bradbury lesen, am nächsten wiederum James Joyce. Und mir schien das alles gleichermaßen spekulativ zu sein. Meine eigene Arbeit wurde für den Markt schnell als Science Fiction kategorisiert. Ich würde auch keinen Streit vom Zaun brechen mit der Behauptung, es sei keine Science Fiction. Ich würde aber schon festhalten wollen, dass das, was ich mache, sich in der Zeit von »Neuromancer« bis »Mustererkennung« nicht sonderlich verändert hat. Klar haben einige Kritiker in den USA im Fall von »Mustererkennung« das Modell einer innovativen Zukunft vermisst. Ich fand es allerdings eher zufrieden stellend, dass sie diesbezüglich nicht ganz zufrieden waren…

Reden wir zunächst einmal über das, was Ihre Bücher gemeinsam haben und was sie im Speziellen unterscheidet. Lassen Sie es mich so sagen: »
Neuromancer« war ein Buch über den Einfluss, den Technologie auf menschliches Leben, die Gesellschaft, das Bewusstsein der Einzelnen hat. Und »Mustererkennung« als erstes der »neuen Trilogie«, handelt von kommerzialisierten Räumen; anders betrachtet: von Räumen, die noch nicht kommerzialisiert sind, und wo weder Brands noch Logos den Ton angeben. Es sind also immer durchaus gegenwärtige Problematiken, die Sie thematisieren und fiktionalisieren - ob das Setting nun eine mögliche Zukunft imaginiert oder nicht. Die Besonderheit von »Mustererkennung« wäre dann eben die spezielle Gegenwart, auf welche die Story sich bezieht – die Phase nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Die sind in dem 2004 veröffentlichten Roman sehr präsent. Ich fühlte mich an eine bewegende Graphic Novel von Joe Kubert erinnert, der in »Yossel« sein eigenes Schicksal als Kind im Warschauer Ghetto imaginiert. Wie es hätte kommen können, wären seine Eltern nicht schon vor dem Krieg in die USA emigriert. Dann wäre es wie in seinem Comic-Buch möglich gewesen, dass er dank seines zeichnerischen Talents die Zeit im Ghetto überlebt hätte. Die Tatsache, dass sein fiktives Alter Ego in der Geschichte zum Vergnügen der deutschen Mörder zeichnen und malen muss, wirft auch die Frage nach der Macht und Funktion von Kunst unter bestimmten Bedingungen auf. Am Ende von »Yossel« steht ein leeres Blatt. Ich habe das als Symbol begriffen für die Verpflichtung jedes Einzelnen zur Neudefinition von dem, was Kultur in einer Gesellschaft bedeutet - nach einem Ereignis jenseits aller Kultur, wie es die Ermordung von sechs Millionen europäischen Juden durch die Deutschen während der Nazi-Herrschaft zweifellos darstellt. Von einem Ereignis »jenseits der Kultur« ist in 'Mustererkennung' auch bezüglich der Ereignisse von 9/11 die Rede. Im Roman gelingt es Ihnen, das Paradox aufzulösen, wonach man das Ungeheuerliche von historischen Ereignissen wie dem Holocaust oder 9/11 nicht in Wort, Bilder oder Töne fassen kann - und dennoch als Künstler in der Verantwortung steht, damit umzugehen.
»Mustererkennung« wurde zur Post-9/11-Erzählung, weil 9/11 passierte, während ich daran arbeitete. Ich schrieb an einem Buch mit demselben Titel, das ungefähr so anfing, wie das jetzige »Mustererkennung« anfängt…Ich hatte drei Kapitel geschrieben, und wusste nicht weiter. Die Hauptfigur Cayce befand sich schon im Apartment in Camden Town, aber ich wusste noch kaum etwas über sie. Diese sehr interessante Frau wacht in der Wohnung eines anderen auf - und ich versuche herauszufinden was überhaupt los ist! Mir war allerdings bereits klar, dass sie aus New York kommt. Soweit war ich am 10. September. Ein paar Tage später rief ich meinen besten Freund in New York an und erzählte ihm, dass mir gerade klar geworden war, dass ich niemals diesen Roman in dieser Form würde weiter erzählen können. Cayce stammte aus New York und die Handlung spielte im folgenden Jahr. Das bedeutete, sie war da gewesen, hatte die Anschläge leibhaftig erlebt, ihr Leben war davon berührt worden. Unmöglich, das zu ignorieren. 9/11 war die Ursache dafür, dass dieses Buch jetzt ungewollt ein »Alternate History«-Werk war. Es war auf einen Schlag bedeutungslos geworden. Mein New Yorker Freund überzeugte mich von der Notwendigkeit, die historischen Tatsachen einzuarbeiten. Für mich war das zunächst eine schreckliche Vorstellung. Wenn ich etwas getan hätte, 9/11 herunterzuspielen oder einen Vorteil aus dem schrecklichen Material zu ziehen, wäre das für mein Selbstverständnis verheerend gewesen. Also musste ich sehr behutsam vorgehen. Am Ende war ich furchtbar erleichtert. Denn ich wusste, dass auf der ganzen Welt Leute damit beschäftigt waren, ein Buch über den 11. September, seine Gründe und Folgen, zu schreiben. Und niemand wusste so recht, wie es anzustellen sei. Meine Arbeit war schon getan. Innerhalb weniger Monate nach den Ereignissen hatte ich sie literarisch verarbeitet. Meine künstlerische Pflicht, von der eben die Rede war, hatte ich erfüllt.  Ein gutes Gefühl, zu wissen, nicht permanent auf 9/11 zurück blicken zu müssen.

Die Hauptperson von »
Mustererkennung«, Cayce Pollard, ist nicht nur New Yorkerin, sondern auch »Coolhunter«. Wo stammt diese Figur ursprünglich her, die eine besondere Sensibilität für Markenstrategien und Werbelogos besitzt?
Sie entstand aus dem vorliegenden Material. Cayce entwickelte sich aus einer Erfahrung, die ich gemacht hatte im Jahr, bevor ich begann, ihren Charakter nachzuvollziehen. Damals reiste ich alle zwei Wochen von Vancouver zurück nach London, verbrachte dort zwei bis vier Tage, um in Meetings ein Projekt zu verfolgen, aus dem letztendlich nichts geworden ist. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich diese schnell wiederkehrenden Erfahrungen von Jet Lag. Ich begann, das Phänomen am eigenen Körper zu untersuchen. Eine sehr klinische Betrachtung. Ich bemerkte, wie es hoch- und runter ging. Das schien mir verdammt interessant. Ein spannender Zustand. Mir fiel auf, wie die geballte Medienladung in London fertig machte. Das ist einfach überwältigend. Ich habe also in mich hinein gehorcht, wie sich das auf mich und die »verzögerte Ankunft der Seele« auswirkt (»Soul Delay«: So wird Jet Lag in »Mustererkennung« umschrieben; Anm. d. A.).  Die Figur  Cayce Pollard ist aus diesen Innenansichten hervor gegangen, als ich noch im Dunkeln tappte und einen Charakter finden musste, aus dessen Perspektive man die Geschichte des neuen Buchs erzählen konnte. Es gibt verschiedene Versionen von Cayce, letztlich wurde sie aus einer erweiterten Fassung meiner Gefühlslage zum Zeitpunkt meiner regelmäßigen Abstecher nach London konstituiert. Ihre Branding-Allergie ergab sich halb aus diesen Eindrücken und halb aus dem Titel von Naomi Kleins »No Logo«. Das habe ich zwar nicht gelesen, aber ich sah den Titel ganz vorne auf den Stapeln in den Buchläden. Zusammen mit dem Jet Lag war dieser Titel der Grund.

Ein weiterer Kniff von »
Mustererkennung« ist die Beschreibung der »Spiegelwelt«, die Manifestation der Unterschiede zwischen Amerika und Europa in vielen kleinen Details. Klingt nach Science-Fiction, ist aber ein alltägliches Phänomen.
Ein Phänomen, das langsam verschwindet. Wir waren eben essen und liefen durchs Kölner Zentrum. Mir fiel eine Straßen auf, die typische globalisierte Einkaufstraße: der Bennetton-Shop gegenüber von McDonalds, eine Kentucky Fried Chicken-Filiale  gleich um die Ecke. Dieselbe Straße gibt es auch in Vancouver. Ich konnte keinen Unterscheid erkennen. Sicherlich gibt es den irgendwo, aber die gleichen Brands wie heute in Köln findet man auch in Kanada und in jeder mittelgroßen englischen Stadt in einer ähnlichen Anordnung.

In den 80ern entstand neben dem von Ihnen geprägten SF-Sublabel »Cyberpunk« in der General Fiction eine Richtung – initiiert von Vertretern des so genannten literary Brat Pack um »
American Psycho«-Autor Bret Easton Ellis – in der die Welt der Protagonisten in all ihrer Oberflächlichkeit ausgebreitet wurde. Markennamen dienten zur Beschreibung der Wirklichkeit. »Coolhunter« Cayce Pollard erscheint als zeitgemäß aufbereitetes Zitat dieser literarischen Erscheinung, ja als Möglichkeit, deren damals schon zukunftsweisendes Potenzial, das in der Folge nicht selten in tatsächlich oberflächliche selbstbezogene Gegenwartsbeschreibungen  junger Schrifststeller mündete, neu auszuloten. Andererseits waren Sie mal wieder Ihrer Zeit voraus. »Mustererkennung«, wo es um im Internet vervielfältigte Clips und um Geheimwissen geht, war der erste Roman, der auf Clip-Portale wie Youtube Bezug nimmt…
Oh, »Musterekennung« war ein Pre-Youtube-Roman. Das wurde mir vor wenigen Monaten klar. Das war echt ein leichter Schock, als ich feststellte, wie nah dran ich beim Schreiben an der Wirklichkeit war, ohne etwas von Youtube geahnt zu haben. Die Story mit den Clips könnte aber so gar nicht passieren in einer youtubed world, mit spezialisierten Websites, auf denen Nerds das Material austauschen, denn die Clips wären für alle auf Youtube zu sehen. Das ist schlicht die geeignete Form für sie. Ich war nah dran, wirklich sehr nah dran ….
Erst vor kurzem habe ich einen Artikel darüber gelesen, wie der Digital Underground in Kuba funktioniert. Die Basis, die den kubanischen Internet-Untergrund bildet, besteht aus Memory Sticks und DVDs. Es gibt nur wenige Leute, die die Möglichkeit haben, aufs Internet zuzugreifen. Sie kopieren die Informationen und verbreiten die schnell über die gesamte Insel, von Hand zu Hand, und umgehen somit erfolgreich die Zensurbemühungen der Regierung. Die Träger der Informationen sind Kids, die scharf auf Entertainment sind. Träger all der Info sind Musik, Filme, Spiele – wahrlich machtvolle signal carrier. Versuch mal, Teenager daran zu hindern, an die nächste Version von »Grand Theft Auto« heranzukommen oder an die Alben, über die sie auf Mini-Stick-Versionen von Websites gelesen haben. Vollkommen unmöglich. Genau so gut kann man versuchen, Wasser am Fließen zu hindern. Selbst harte politische Schranken durchbricht die Macht der globalen Unterhaltungs-Industrie.

Vor kurzem war der kanadische Science-Fiction-Autor Cory Doctorow in Köln, der seine Romane mit Creative Commons-Lizenz ins Netz und zum freien Download zur Verfügung stellt. Wie sieht Ihre Position zum Thema Copyrights aus?
Cory Doctorow kenne ich gut, er gehört zu meinen Freunden. Aber was meinen Standpunkt zum Thema Copyrights und Free Downloads angeht: Ich habe noch in keiner Weise eine Anti-Piraterie-Strategie verfolgt. Sicher ist es möglich, alle meine Romane umsonst im Internet zu bekommen, wenn man es unbedingt darauf anlegt. Ich bin allerdings auch niemals in der Öffentlichkeit aufgetreten und habe gerufen: »Hier gibt es was umsonst!« So bleibt mein Verleger glücklich, und andererseits wird niemand davon abgehalten, sich meine Bücher im Netz zu besorgen, wo sie bestimmt schwieriger zu lesen sind als im handlichen Buchformat. Cory vertritt die Auffassung, Piraterie sei eine Art Steuer auf den Ruhm, den man eingeheimst hat. Wenn man dich nicht gut kennt, dann wird sich auch keiner für die frei herunter zu ladenden Werke interessieren. Wenn man also zum Ziel so genannter Piraten wird, weiß man, dass man im Grunde auf einem sehr guten Weg ist. Ich fand es immer einleuchtend, dass es schlecht aussieht, wenn man gerichtlich gegen die Verletzung von Copyrights vorgeht. Waren es nicht Metallica, die sich da so blamiert haben? Mehr Geld hat ihnen das wohl kaum eingebracht. Es hat sie bloß in aller Öffentlichkeit als jene Arschlöcher da stehen lassen, die sie auch vielleicht sind. In dem Fall haben sie nicht beachtet, dass ein Arschloch im Gegenteil versuchen muss, nicht wie ein Arschloch auszusehen.

Bewegen Sie sich viel im Internet? Lesen Sie zum Beispiel Blogs?
Ich lese täglich 
BoingBoing, Cory Doctorows Blog, ansonsten ist die Liste meiner Favoriten, die ich regelmäßig lese, sehr knapp. Ich empfinde es als beinahe schwieriger, eine neue URL zu entdecken, die man tatsächlich mehr als einmal aufsuchen möchte, als ein neues interessantes Print-Magazin ausfindig zu machen. Was mich am Netz mitunter so frustriert, ist, dass die Liste meiner Bookmarks mit der Zeit nicht sonderlich wächst. Eher wird die Liste kürzer … Was der Grund dafür sein könnte? Möglicherweise bin ich einfach ein Gewohnheitstier. Es ist auch nicht so einfach, meine Aufmerksamkeit zu gewinnen. Blogs können natürlich durchaus wie Print-Magazine feste Positionen vertreten, unterhaltsam sein und durch eine gewisse Konsequenz Eindruck schinden. Dazu hat man als Blogger den Vorteil, schneller agieren zu können. BoingBoing ist ein gutes Beispiel. Ich checke auch immer einen politischen amerikanischen Blog namens Talking Points Memo. Diese beiden Seiten verfügen über superhohe professionelle Standards und ungemeine editorische Intelligenz. Sie werden von supersmarten Leuten betrieben, die davon teils leben.
Wenn nun jetzt ein einzelner, brillanter Exzentriker etwas Aufsehen Erregendes macht, dann hält das im Regelfall nicht lange vor, weil die Typen mit der Zeit ausbrennen. Sie verausgaben sich. So existierte eine Zeit lang diese wunderbare politische Seite »The-Poor-Man-Institute«. Leider wird der Betreiber immer inaktiver, er postet nur noch selten. Noch vor einem Jahr war es für mich das schlaueste und witzigste Projekt weit und breit. Initiiert wurde es von einem einzelnen Freak aus New England, der nicht ewig auf dem Niveau weiter machen konnte. Auch ein Blog verfügt über eine gewisse Dauer, nur lässt er sich nicht wie ein Buch zuklappen. Wenn man dann zum x-ten Mal die Seite aufruft, ohne ein neues Posting vorzufinden, wird der Blog durch wachsendes Desinteresse der Leser verschwinden.

In »
Quellcode« sagt der erwähnte Mr. Bigend zur Protagonistin – einer Journalistin, die auf eine Karriere als Popstar zurück blicken kann –, dass Massenmedien in der alten Form nicht mehr existieren. Die gesamte Gesellschaft besteht aus Massenmedien. Sind Sie mit dieser Analyse einverstanden - und was genau ist damit gemeint?
Bis zu einem gewissen Ausmaß denke ich genau so. Mr. Bigend ist ja stolz auf seine provokanten Aussagen. Man kann niemals sicher sein, was er wirklich denkt. Was er in diesem Fall wohl meint, ist, dass die Journalistin Hollis ihm echte Informationen liefern kann. Während professionelle Industriespione, die er ja auch hätte anheuern können, ihm bloß das Material zukommen lassen würden, auf das er es ihrer Meinung nach abgesehen hat. Hinter den großen Gedanken von Mr. Bigend stecken immer ganz persönliche Absichten.
    

William Gibson

Mustererkennung. Roman

Release: 28.07.2004

William Gibson

Quellcode

Release: 06.04.2010