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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Alte Liebe in Disneyland

Der Samstag beim Reeperbahn Festival 2015

Letzter Tag Reeperbahn Festival. Die vorangegangenen Nächte waren hart und haben Opfer gefordert. Trotzdem schälen wir uns nochmal aus der Bettdecke, das Programm ist einfach zu attraktiv: PINS, Isolation Berlin und RDGLDGRN, alle auch bei unserem Superintim, Torres und noch so viele mehr.
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PINS (Intro Superintim, Superbude St. Pauli + Molotow) 
Manchester. Das sind nicht nur große Namen und betagte Herren, die noch immer der Aura der Factory hinterherhecheln. Die fünf Damen um Sängerin und Gitarristin Faith Holgate klingen eher nach amerikanischen Riot Grrrl-Bands als nach ihrer Heimatstadt. Mit lauten, aber catchy Gitarren, direkten Texten und einer formidablen Schlagzeugerin im Rücken spielen sie gleich dreimal auf dem Reeperbahn Festival. Den Anfang machen sie bei unserer Konzertreihe Superintim, wo sie das noch etwas verschlafene Publikum charmant wachlärmen. Gleich im Anschluss ging es in den Innenhof des Molotows, wo sich die Kunde um ihr Können schon verbreitet hat. Die Folge: Einlassstopp und eine lange Schlange vorm Eingang. Ist aber auch schwer, diesen rauen Schmuckstücken von Songs zu widerstehen. »What will we do when our dreams come true?«, singen sie in »Young Girls«. Tja, was wohl? PINS hören!

RDGLDGRN (Intro Superintim, Superbude St. Pauli) 
So viel Konsequenz bei einem Farbkonzept hat man seit den White Stripes nicht mehr gesehen. RDGLDGRN (sprich Red Gold Green) sind alle in ihrer jeweiligen Farbe gekleidet, bei Gitarrist Red sind sogar alle Gitarrenpedale in leuchtendem Rot gehalten. Nachdem Pins die Müdigkeit aus dem Raum geblasen haben, ist nun direkt das ganze Publikum in der kleinen Rockstar Suite der Superbude auf den Beinen. Direkt als Einstieg gibt’s die Single »Doing The Most«, und der ganze Raum tanzt. Naja, fast der ganze Raum, denn Frontmann Green beklagt sich über den wabbeligen Dielenboden, der seine Bewegungsfreiheit arg einschränkt. »Usually I move way more during that song!«.

Isolation Berlin (Intro Superintim, Superbude St. Pauli + Grüner Jäger) 
Von ihrer aktuellen Single »Annabelle« grinsen sie im trashigen »Eis am Stil«-Artwork heraus, ihre »Körper«-EP kleiden sie in schwarzweiße 1980er-Postpunk-Tristesse. Kein Zufall, denn Isolation Berlin nennen tatsächlich beides als Referenz. Live ist es vor allem Sänger und Gitarrist Tobias Bamborschke, der die Leute entweder in seinen nihilistischen Bann zieht oder sie mit seiner betont coolen Attitüde nervt. Wir gehören zu ersten Fraktion, denn diese Rolle passt perfekt zu Stücken wie »Wahn«, »Alles Grau« oder »Isolation Berlin«. »Ich glaub, ich nehm’ die nächste U-Bahn und fahr zum Bahnhof Zoo, dann nehm’ ich mir nen Strick und häng mich auf im Damenklo.« Wer will schon Zeilen wie diese von einem Grinsebär verkauft bekommen? Dazu muss man schon eine abgehangene Lederjacke tragen, auf der man den eigenen Bandnamen gekritzelt hat. Neuerdings sind diese jungen Herren bei Staatsakt unter Vertrag, da wird im Februar auch das Album kommen.

Kelvin Jones (Grünspan) 
Ganz ehrlich: Wir sind zufällig hier gelandet. Weil es nebenan vor dem Indra so voll war, sind wir ins Grünspan und haben uns überraschen lassen. Kelvin Jones erwartet uns, und spätestens als er »Call You Home« spielt, ist er da, dieser »Ach, DER ist das«-Moment. Jones ist noch so einer, der sich wundert, wenn die Menschen bei seinen Konzerten tanzen. Wieso eigentlich? Seine warme Soulstimme legt sich über eingängige Pop-Arrangements, so beschwingt, dass ein Tänzchen ruhig drin wäre. Später spielt er noch seine Version von The Weeknds »Can’t Feel My Face«. So ganz ohne Electro-Beat ist das Lied richtig schön.

Benjamin Maack (Alte Liebe) 
Die Lesung von Benjamin Maack verzögert sich, denn es wird noch Equipment für die folgende Show reingetragen – äußerst lautstark. Der Autor sitzt allerdings bereits am Mikro unter dem Pavillon und kommentiert irritiert witzelnd die Situation. »Auch verrückt, dass so ein Laden »Alte Liebe« heißt, und dann sitzt man in so einem Disneyland.« Maack liest seinen mit dem Hamburger Literaturförderpreis ausgezeichneten Text »Drei«, eine eindringliche Erzählung über einen nächtlichen Autounfall. Eigentlich möchte man mehr von ihm hören, doch die Zeit würde nur noch einen halben Text zulassen, deshalb wird das Publikum mit der Empfehlung entlassen, sich später unbedingt William Fitzsimmons anzusehen. 
Royce Wood Junior (Prinzenbar) 
 Die Prinzenbar ist für viele nach wie vor der schönste Konzert-Club in direkter Reeperbahn-Nähe. Heute darf man dort tanzen: Royce Wood Junior bringt dort mit Band den Electro-Funk seines letzten Albums »The Ashen Tang« auf die Bühne. Das klingt gar nicht so elektronisch, wie man es angesichts der Zuarbeit von Jamie Woon denken könnte, vielmehr bekommt die Musik durch die Spielfreude der Band live einen jazzigen Vibe. Das ist vielleicht nicht das, was sich so mancher der Tänzer vorgestellt hat – aber noch lange kein Grund, nicht zu tanzen. 

Family Of The Year (Große Freiheit 36) 
Mit »Hero« hatten Family Of The Year einen erfolgreichen Hit. Der Rest, den sie heute Abend hier zum Besten geben, ist jedoch eher surfig angehauchter Pop-Rock von der Stange. Die Art von Liedern, die man in US-amerikanischen Komödien zu Hauf im Soundtrack findet und die im Radio hoch und runter laufen. Natürlich ist das nicht schlecht, aber eben auch nicht weiter von Belang. Dabei sind die langhaarigen Männer und zwei Damen auf der Bühne sehr sympathisch, vor allem der Schlagzeuger. Der rastet nämlich vollkommen aus, erinnert stellenweise an »Das Tier« aus der Muppet Show und ist so gut gelaunt, dass man über den belanglosen Pop dieser Band wohlwollend hinwegsehen mag. Außerdem ist es in der Großen Freiheit sehr voll, einen Markt gibt es für solche Musik also ganz ohne Zweifel.

The Jacques (Molotow Karatekeller) 
Bei dem umfangreichen Programm des Reeperbahn Festivals kann man auch mal was übersehen. Ein Glück, dass wir den Auftritt von The Jacques noch rechtzeitig wahrgenommen haben. So zwängen wir uns in den klitzekleinen Karatekeller unten im Molotow. Der Sänger sieht aus wie eine junge Version von Pete Doherty, in seinem Blick blitzt auch der Wahnsinn. Die Musik, eine schräge und schwungvolle Mischung aus den Moldy Peaches, Art Brut und Nirvana, gefällt. »Foreign Films« ist ein Liebeslied in der Tradition von »Emily Kane«, »This Is England« ein Aufschrei gegen die Cameron-Regierung. Diese Jungs sehen aus wie deine kleinen Brüder, die du um ihre Coolness beneidest. 

Bad Breeding (Molotow) 
Kurz und gut. Bad Breeding aus England halten sich weder mit Ansagen noch mit sonstigem bunten Geplänkel auf. Hier gibt’s aufs Maul, natürlich nur im musikalischen Sinne. Wobei man beim Blick des Sängers Chris Dodd das Gefühl nicht los wird, dass er gleich noch in den Boxring steigen muss, so wie er da abgrundtief böse blickend auf der Bühne auf und ab geht. Die beiden im Internet verfügbaren Songs knallen, der Rest verliert sich im lauten Gepolter. In guter alter Hardcore-Punk-Tradition verschwindet Dodd immer wieder im Publikum, schleift sein Mikrokabel hinter sich her und drückt die Köpfe von scheinbar wahllos ausgesuchten Leuten an sich. So böse, wie er guckt, hat man wirklich Angst. Bam. Dann ist’s vorbei. Später im kurzen Gespräch möchte man Dodd noch umarmen, weil er so freundlich ist. »Do you have records with you?«, »We sell them, of course, but we’re sold out.« Und dann sagt er noch ganz höflich Danke für die Frage und das Kompliment, dass ich ihm für die beeindruckende Show mache. So böse ist der gar nicht.
 
Torres (Knust) 
Wie froh Torres darüber ist, nun endlich mit ihrer Band in Europa touren zu können! Zwar waren ihre Solo-Performances früher im Jahr schon beeindruckend, mit den drei Typen im Rücken schafft sie aber deutlich mehr Variation für ihren Indie-Rock und kann auch den ewigen PJ Harvey-Vergleich abstreifen. Dementsprechend selig wirkt sie, noch mehr, als sich das Publikum im Knust durchweg euphorisch zeigt. Das wird von der rüden Dramatik ihrer Songs geradezu eingesogen und geht ganz in dieser für eine Rock’n’Roll-Stilart sehr intensiven Musik auf. Wer hier den Abschluss seines Reeperbahn-Festivals gesucht hat, hat definitiv alles richtig gemacht.