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Hier ist die Kraft

Der Samstag beim Primavera Sound 2017

Der gut gealterte Van Morrison und die unwahrscheinlich alterslose Grace Jones waren die Höhepunkte des letzten Festivaltages des Primavera Sound. Dagegen wirkte sogar der tolle  und energiegeladene Überraschungsauftritt der Haim-Schwestern eher gewöhnlich.
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Am 19. Mai soll die Jamaikanerin Grace Beverly Jones 69 Jahre alt geworden sein. Nicht wenige Grüppchen fragen sich nach ihrem Primavera-Auftritt vor der Bühne, ob das wirklich sein kann. Wurde vielleicht an ihrem Geburtsdatum herumgedoktert, hat eventuell längst eine Jüngere ihre Rolle übernommen, oder ist sie ein Vampir? Rein musikalisch sind die Live-Versionen ihrer Hits zwar nicht außerordentlich, ihre Bühnenerscheinung ist es aber umso mehr: Ihr Bodypainting lässt offen, wo bei ihr noch Stücke von Stoff platziert wurden, ihre Umhänge und Hüte würden Vivienne Westwood vor Neid platzen lassen, und ihre Performance erinnert eher an besonders geschmeidige Exemplare aus der Tierwelt als an einen Menschen. Selbst wenn man meint, so erfahren zu sein, dass eine Pop-Show nicht mehr verblüffen kann – hier kommen selbst die ausgebufftesten Experten an ihre Grenzen.

Bei Van Morrison ist hingegen wenig verblüffend – abgesehen vielleicht von seinem feinen Songwriting. Der 71-jährige Nordire hat es sich von seinem goldenen Mikrofonständer gemütlich gemacht, die Band um ihn herum macht und tut mit größtmöglicher Routine und Gelassenheit und führt Morrison zielsicher durch die Höhepunkte seines Repertoires. »Days Like This« und »Moondance« kommen früh, »Brown Eyed Girl« ziemlich spät, und speziell die angegraute Fraktion in den ersten Reihen kann ihr Glück kaum fassen, auch wenn sich Morrisons fortgeschrittenes Alter auch auf die Interpretationen seiner Songs auswirkt. Aber wie so oft bei diesem Festival packt auch ihn nach und nach das Wohlgefühl, das nur eine Primavera-Show im Sonnenuntergang am Meer entfachen kann, und er kommt soweit aus sich heraus, dass auch dieser Auftritt zu den besten seiner jüngeren Geschichte zählen dürfte.
Währenddessen setzen auch Teenage Fanclub und Angel Olsen mit ihren Sets Höhepunkte, danach sind als absoluter Headliner Arcade Fire an der Reihe. Die schrauben den Bombast ihrer Show im Vergleich zu ihrem Auftritt vor drei Jahren ein Stück weit zurück, punkten dafür aber mit besonderem Enthusiasmus in Sachen Tanz. Das erreicht zwar die letzten Reihen auf dem proppenvollen Platz vor der Hauptbühne nicht so richtig, die vorderen Linien aber dafür umso mehr. Die Songs ihres kommenden Albums lassen ihre Fans an diesem Abend noch eher kalt – alte Hits wie »Neighborhood #3 (Power Out)« und »Rebellion (Lies)« am Ende des regulären Sets entfachen dagegen live ihre volle Kraft. Ein explizit politisches Statement setzt die Band, indem sie die Benefiz-Single »I Give You Power« in ihr Set einfließen lässt. Eine Kollaboration mit Mavis Staples, die Arcade Fire einen Tag vor der Amtseinführung von Donald Trump veröffentlicht hatten.

Einen vollen Erfolg kann das Primavera Sound mit der Einführung ihrer »Primavera Unexpected«-Reihe verzeichnen. Nachdem an den beiden Vortagen schon Arcade Fire und Mogwai kleine, nur kurz vorher angekündigte Shows spielten, ist es an diesem Abend an Haim, das Festival um drei Uhr nachts mit einem Überraschungsauftritt auf der Ray-Ban-Bühne zu beschließen. Entsprechenden Buzz in sozialen Netzwerken hatten Fotos von der Band am Flughafen und an prominenten Orten in der Stadt im Laufe des Tages geschürt. Auch Haim erweisen sich auf der Bühne als ausgewiesene Primavera-Fans und betonen die besondere Güte des Festivals. Ihre zumeist jungen Fans, die für die Band extra lange auf dem Gelände geblieben sind, belohnen sie mit einer knappen Stunde Hits von ihrem Debütalbum und vereinzelten Songs der bald erscheinenden neuen LP. Auch ihre verbriefte Freude, Teil dieses Festivals zu sein, lässt ein kitschiges Resümee zu: Das Primavera Sound hat sich wieder als Open Air der Bands erwiesen, als Szenetreffpunkt der guten Musik und als Inspiration für alle Beteiligten. Es gibt nur wenige andere Festivals, die das in ähnlicher Form zu leisten imstande sind.