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Wäre es nicht schön?

Der Samstag beim Primavera Sound 2016

Am letzten Tag des Primavera Sound performt Brian Wilson das Beach-Boys-Album »Pet Sounds« so, wie die Songs selbst auch sind: erhebend und traurig zugleich. PJ Harvey stellt mit ihrem Konzert dagegen sogar Nick Cave in den Schatten.
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»I know perfectly well I’m not where I should be. I’ve been very aware you’ve been patient with me«. Ob die vielen Primavera-Besucher, die zu Beach-Boys-Hits wie ebenjenem »You Still Believe In Me« schunkeln und tanzen, von den fast durchweg traurigen Texten dieser Songs wissen? Vermutlich nicht, denn sonst hätten sie angesichts der verhängnisvollen Korrespondenz der müden Augen des mittlerweile 73-jährigen Beach-Boys-Masterminds Brian Wilson mit seinen Welt-Hits wahrscheinlich einen Kloß im Hals sitzen. Die düstere Lebensgeschichte dieses Songwriter-Genies ist Geschichte, in den letzten Jahren hat er sich ein wenig gefangen – vollständig erholt aber nicht. Und man sieht ihm an, dass er selbst auf der Primavera-Hauptbühne immer noch nicht dort angekommen ist, wo er eigentlich hingehört – der hingebungsvollen Euphorie der Festival-Zuschauer zum trotz. 
In gewisser Weise wirkt Wilson während seiner Performance wie eine Marionette: Seine Musik wird maßgeblich von der vielköpfigen Band aus kalifornischen Profi-Musikern und Ex-Beach-Boys um das sehr vitale Gründungsmitglied Al Jardine gestützt, diverse seiner Gesangs-Parts werden ihm abgenommen, er sitzt an einem Piano und bedankt sich gütig und ausgiebig, wirkt aber auch ein wenig teilnahmslos. Kurioserweise funktioniert die Performance aber trotzdem: Die Arrangements sitzen, der Sound ist trotz der großen Band nur selten überfrachtet, und die Zeitlosigkeit des Beach-Boys-Songwritings ist ja sowieso über jeden Zweifel erhaben. Vielleicht hat sich am Ende für die überlebenden Beach Boys ja doch alles so zum besseren gewendet, wie sie es sich in »Wouldn’t It Be Nice« wünschten: »Wouldn’t it be nice if we were older? Then we wouldn’t have to wait so long. And wouldn’t it be nice to live together in the kind of world where we belong«.
Nach diesem vieldiskutierten Höhepunkt ist es bei wieder wundervollem Wetter nicht ganz leicht, sich in die Musik der Gegenwart umzustellen. Für Bradford Cox und seine Deerhunter scheint das aber kein Problem darzustellen. Ihnen hilft pure Euphorie: Cox ist zumindest beim Primavera nicht mehr der Miesepeter früherer Tage. Unter einem großen Schlapphut verkündet das hagere Kerlchen wiederholt, wie sehr er das Festival liebt und dass er hier einige seiner schönsten Tage hatte. Das ist absolut glaubhaft, denn seit einigen Jahren lässt sich Cox mit jedem seiner Projekte gleich mehrfach aufs Primavera buchen. Dementsprechend viel Mühe gibt er sich, das Publikum für sich zu gewinnen: »Living My Life«, »Revival«, »Helicopter«, »Desire Lines« - keinen seiner Hits spart er in seinem Set aus.
Im Vergleich zu Cox beginnt PJ Harvey ihr Set eher wortkarg. Und natürlich bleibt das auch über die ganze Länge des 75-Minuten-Konzertes so. Überaus beeindruckend ist die Performance der Britin mit offensichtlichem Schwerpunkt auf ihrem neuen Album »The Hope Six Demolition Project« aber trotzdem. Schließlich ist der Stil Harveys und ihrer siebenköpfigen, äußerst prominent besetzten Band (Mick Harvey, John Parish, James Johnston...) mittlerweile eine Klasse für sich: Thematisch dringlich und rhythmisch drängend, klanglich außerordentlich und trotz der ganz in schwarz gewandeten Musiker auch ein wenig gauklerisch. Das ist einfach überzeugend, wenn man auf der Suche nach innovativen Potenzialen im Pop ist, und stellt atmosphärisch sogar einen Nick Cave in den Schatten. Insgesamt ein großartiger Auftritt, den Harvey sogar noch mit alten Hits wie »50ft Queenie«, »Down By The Water« und »To Bring You My Love« garniert. Besser kann es nicht mehr werden.
Natürlich bietet auch der letzte Tag dieser wieder mal herausragenden Festivals viele weitere sehr gute Auftritte: Der Boller-Rap Action Bronsons mit Phil-Collins-Medley etwa, die Noise- und Postcore-Duschen alter Helden wie Unsane und Drive Like Jehu, oder der überbordende Wahnsinn von Ty Segall and The Muggers. Oder auch die »deutsche Schiene« mit Moderat, Pantha Du Prince, Roosevelt und Lena Willikens nach Mitternacht, die heimische Musik so stark auf dem Primavera repräsentierten wie noch nie. Aber all das lässt sich kaum in ein paar Worten zusammenfassen. Es bleibt die Empfehlung, sich das Ganze im nächsten Jahr mal selbst anzuschauen: Dieses Festival ist wirklich jeden investierten Cent wert.