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Radiohead über alles

Der Freitag beim Primavera Sound 2016

Selten hat ein einzelner Auftritt das Primavera Sound Festival so elektrisiert wie die Show der Ambient-Indie-Ikonen Radiohead. Dabei stehen die Konzerte von Savages, Beirut oder Tortoise den Mannen um Thom Yorke in kaum etwas nach.
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Während die Nachrichten von den Wetterkapriolen und Unglücken bei den deutschen Festivals dieses Wochenendes eintrudeln, strahlt beim Primavera Sound die Sonne – wie die ganze Woche schon. Man fühlt sich fast ein wenig schuldig. Aber schnell drehen sich Gedanken und Gespräche wieder um das hiesige Topthema des Tages: Die Radiohead-Show. Wie voll wird es werden? Was werden sie spielen? Und: Wird die Show nur ansatzweise so gut sein wie erwartet?
Um den Publikumsansturm ein wenig abzuschwächen, haben sich die Veranstalter entschieden, eine ganze Riege von Hochkarätern parallel zu Radioheads Konzert spielen zu lassen: Tortoise, Dinosaur Jr., Cavern Of Anti-Matter und nicht zuletzt das jedes Jahr auftretende Festival-Unikum Shellac. Schlecht für die Fans, die all diese Acts sehen wollen, (wahrscheinlich) gut fürs Sicherheitskonzept des Festivals. Um es kurz zu machen: Das Konzept geht auf, trotz Radiohead spielen all diese Acts von ansehnlich großen Menschenmassen. Trotzdem bleibt die Show von Yorke & Co. die bei weitem bestbesuchte des bisherigen Festivals.
Nach zwei »Support«-Shows auf den beiden gegenüberliegenden Hauptbühnen von Savages und Beirut, die jede für sich den Headliner-Status verdient gehabt hätte, treten Radiohead untermalt von viel Getöse und unverständlichen, spanischsprachigen Ansagen oder Sprach-Samples auf die Bühne. So massiv ihre von den seitlich angebrachten Screens unterstützte Lichtshow auch ist, so zurückhaltend bleibt die Band (zunächst) bei ihren Ansagen. Alles andere wäre aber auch eine Überraschung gewesen. Das erste Drittel der gut zweistündigen Show widmen sie ganz dem Material ihrer aktuellen LP »A Moon Shaped Pool«, die ersten fünf Songs spielen die sogar in korrekter Tracklist-Reihenfolge. Die Show bekommt dadurch einen etwas sperrigen Ambient-Charakter – sicher faszinierend, aber für die Masse eben nicht unbedingt tanzbar.
Den ersten Bruch (und Höhepunkt) erlebt die Show mit dem ersten »OK Computer«-Song: »No Surprises«. Ob Radiohead wirklich noch so schmachten können wie in alten Zeiten, war vorher alles andere als sicher. Aber sie können es, ganz ohne den Reibungsverlust von fast 20 Jahren. Auch »Karma Police« (mit unglaublich lautem Publikumschor am Schluss) erzielt einen ähnlichen Effekt, genauso wie »Street Spirit« als Schluss des regulären Sets.
Nach den Zugaben, bei denen sich die Band merklich warmgespielt und auch Zutrauen zu dem Primavera-Publikum gefunden hat, gibt es noch ein Bonbon: Thom Yorke tritt allein auf die Bühne, bedankt sich für den überwältigenden Empfang und meint, die Band müsse angesichts dessen noch etwas zurückgeben: Es folgt »Creep«, das eigentlich gar nicht in der Setlist vorgesehen war. Und man mag über die Schnulze denken, was man will – hier funktioniert sie perfekt.
Natürlich hält der Festivaltag daneben noch eine Reihe weiterer Höhepunkte bereit: Unerwartete Highlights wie die Show des veritablen Prince-Nachfolgers Moses Sumney, gewohnte Klasse wie der punktgenaue Postrock von Tortoise, eine gefeierte Reunion von Lush oder die folkloristische Sinnlichkeit von Beirut. Und auch The Last Shadow Puppets füllen den undankbaren Slot direkt im Anschluss an Yorke & Co. mit einem Streicherquartett, Ekstase und Song für Song dünner werdenden Outfits von Alex Turner und Miles Kane respektabel aus. Doch über allem steht nach diesem Tag: Radiohead. 
Am Samstag geht das Primavera Sound Festival mit Shows von unter anderem Brian Wilson, Deerhunter, Action Bronson, PJ Harvey, Sigur Rós und Moderat weiter.  Einige der Shows werden in einem Live-Stream ausgestrahlt: http://live.primaverasound.barcelona