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»Wir haben keine Angst«

Der Donnerstag beim Primavera Sound 2017

Eine gut aufgelegte Solange Knowles, schwere Gitarren und spannende Pop-Verfremdungen von Helden wie Bon Iver oder Aphex Twin: Dem Primavera Sound glückt am Donnerstag ein perfekter Start voller Kontraste und mit einem Überraschungsauftritt von Arcade Fire als übergroßem i-Tüpfelchen.
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Oft lohnt es sich beim Primavera Sound in Barcelona, bereits früher verkatert vom Strand zum Festivalgelände zu spazieren. So auch heute, denn die Underdogs Pinegrove bilden mit ihren fantastischen Auftritten um 4 Uhr mittags und nachts die Klammer dieses kontrastreichen Tages und sind zugleich das erste frühe Highlight. Gut gelaunt und sichtlich von dem Andrang auf die kleine Firestone-Bühne überrascht, vereinen die Amerikaner ohne Show unwiderstehliche Harmonien mit viel Herzblut.  

Größer könnte der Kontrast einige Stunden später nicht sein, als Solange im tiefen Rot getränkt als Headliner und Publikumsmagnet voll aufgeht. Während die Show bis zur letzten Haarsträhne einer perfekten Choreographie folgt, findet Solange dabei trotzdem genug Spielraum für verrückte Ausraster, sympathische Ansagen oder Ausflüge ins Publikum. Der musikalische Schwerpunkt liegt dabei auf den Songs ihres »A Seat At The Table«-Albums, die an diesem Abend wie aus einem Guss wirken und schließlich im Tanz-Exzess in »Losing You« münden.
Es ist überhaupt ein verrückter Festival-Tag, an dem Arcade Fire mal eben parallel zu all dem Zuckerbombast irgendwo auf dem Gelände ein spontanes Konzert spielen. Mit ihrem Versprechen »Expect The Unexpected« haben sich die Veranstalter in diesem Jahr nicht lumpen lassen. So staunen einige wenige hundert Zuschauer nicht schlecht, als da plötzlich Will Butler und seine Bande mit EN-Labels auf den Jacken irgendwo auf einer 360°-Bühne mitten im Publikum Platz nehmen und die ersten Töne der neuen Single »Everything Now« anstimmen. Dies ist dann der Beginn eines Medleys aus alten Nummern wie »No Cars Go«, den »Reflektor«-Stücken und neuen Songs. Als Will Butler schließlich »We’re not scared of these fear-mongers« sagt und ein emotionales »We’re not fucking scared« nachsetzt, erscheint die publikumsnahe Show knapp zwei Wochen nach den Anschlägen in Manchester in einem anderen Licht. Die glücklichen Gesichter auf dem Gelände geben ihm mehr als Recht.  

Kurz darauf setzt Bon Iver auf einer der Hauptbühnen dazu an, sein Rätsel »22, A Million« live zu präsentieren. Er schafft es tatsächlich, das ambitionierte Album mit noch mehr Leben zu füllen. »715 - CR∑∑KS« gewinnt dabei dank der Bühnenshow an Intensität und die zauberhaft natürlichen Momente eines »#29 Strafford Apts« gehen keinesfalls unter. Wem all die Vocoder-Kunst zu schräg ist, der findet an diesem Abend bei den Afghan Whigs sein heil. Frontmann Greg Dulli wischt mit der deftigen Ladung Testosteron den Alterungsprozess der Bandmitglieder weg und findet zwischendurch noch Worte für den schwer erkrankten Gitarristen Dave Rosser, der zuhause per Stream zuschaut und an diesem Abend durch Ed Harcourt vertreten wird.
Der Primavera-Donnerstag hat aber noch viele weitere Facetten zu bieten. So zum Beispiel die Rückkehr von Broken Social Scene, viel Wucht und Metal-Wurzeln bei Slayer, eine intime Show der Zombies oder die wunderbaren Hidden-Stage-Auftritte von Jens Lekman und Aldous Harding. Während der Erstere so zugänglich wie immer von Freizeitparks erzählt und mit dem Publikum die erste Wohnung seiner Schlagzeugerin feiert, gibt die Songwriterin Aldous Harding ein mysteriöses Bild ab. In einem weißen Overall mit einer weißen Gitarre nimmt sie auf der Bühne platz und spielt ihre Songs, während Ihr leicht unterbeschäftigter Begleiter dazu (passend in einem weißen Shirt gekleidet) gelegentlich auf dem Klavier klimpert oder in »Imagining My Man« das Kinder-Sample startet.  

Mit dem audiovisuellen Gewitter von Aphex Twin gibt es schließlich noch einen späten Höhepunkt voller Laser und gehäckselter Beats, die man zu der späten Stunde mit einer Mischung aus Staunen, Begeisterung und Überforderung mitnimmt. Und am Ende stehen da wieder Pinegrove auf einer der Bühne und bedanken sich am Ende ihres zweiten Sets für die surreale und wunderschöne Erfahrung. Das bringt den Primavera-Donnerstag schon gut auf den Punkt.